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MAYBACH: Notruf für Luxuskunden

Bei Maybach gibt´s einen Hotline-Butler serienmäßig. Der besorgt´s dem Besitzer rund um die Uhr - mit Pannenservice oder Lebenshilfe.

Bei Maybach gibt´s einen Hotline-Butler serienmäßig. Der besorgt´s dem Besitzer rund um die Uhr - mit Pannenservice oder Lebenshilfe.

Wo der Personal Liaison Manager ist? Mit dieser quälenden Frage müssen Maybach-Kunden ihr Gedächtnis nicht belasten. Die Fahrer anderer Automarken auch nicht - die haben gar keinen. Aber im rollenden Palast mit dem doppelten M auf der langen Kühlerhaube antwortet der Gesuchte umgehend. Seine Handynummer steckt unter dem

i-Knopf des ausklappbaren Bordtelefons. Schon ab Werk einprogrammiert.

»Erfolgreiche Entrepreneurs«

Doch das Schickimicki-Kauderwelsch für den »Persönlichen Verbindungsbetreuer« weckt trügerische Hoffnung. Denn obwohl es mitunter vonnöten sein mag, sortiert der serienmäßige Manager keineswegs die Liebschaften des Maybach-Kunden. Daraus könnte auch schnell ein stressiger Vollzeitjob werden, wenn beispielsweise ein arabischer Ölscheich oder die Sprechblase Dieter Bohlen in der mobilen Luxus-Suite herumflanieren. Das Risiko ist erheblich, denn beide zählen als »erfolgreiche Entrepreneurs sowie Persönlichkeiten aus dem Showgeschäft« (Maybach-Pressetext) zur angepeilten Zielgruppe der höheren Mercedes-Tochter. Die selbstverständlich kein simples Automobilwerk ist, sondern eine Manufaktur.

»Center of Excellence«

Und der Personal Liaison Manager (PLM) ist nicht beim Dialog flammender Herzen oder anderer Körperteile behilflich. Der PLM ist ein Telefon-Seelsorger und Kummerkasten-Onkel für genervte Maybach-Passagiere. Bei schnöden Normalo-Karossen heißt so was Kundenbetreuer oder bestenfalls Serviceleiter. Und der arbeitet in einer Werkstatt. Anders der PLM. Der schafft, mit 39 Kollegen Tag und Nacht erreichbar wie ein Notarzt, im Sindelfinger »Center of Excellence«. Oder in einer von 25 erlesenen Formel-Krösus-Filialen außerhalb des Spätzle-Landes. Diese so genannten Maybach-Center liegen gut verteilt an den gängigen Tummelplätzen des Geldadels wie Berlin, München, New York, Hongkong oder Dubai.

Überfluteter SUV: Mann will sich die Waschanlage sparen - doch das ist keine gute Idee

Einfach ist der Job für die PLM in den Glitzer-Metropolen nicht. Bei Schlicht-Autos muss der Kundendienstmann allenfalls die üblichen Ersatzteilpreise und Stundenlöhne im Kopf haben. Die Liaison-Spezis hingegen müssen »mit der Lebenswelt ihrer Klientel vertraut« sein, um »optimale Betreuungsqualität« garantieren zu können.

Herr Knigge ist allgegenwärtig

Was bei ordinären Familienkutschen schon nicht klappt, wird beim Maybach leicht zum blanken Horror. Gilt es doch, in einem vierwöchigen Crashkurs erst mal die Etikette des Herrn Knigge zu fressen. Schließlich können die Maybach-Reisenden für mindestens 359 600 Euro Kaufpreis auch Antworten auf weltbewegende Fragen erwarten. Etwa: Rotwein zum Fisch? Braune Schuhe zur Beerdigung? Handkuss unter freiem Himmel? So was will geklärt sein, wenn beispielsweise - igitt - ein benimmtechnisch unterversorgter Lottogewinner die edle Maybach-Ledergarnitur besetzt.

Blöde Scherze locker wegstecken

Auch blöde Scherze müssen die Liaison-Knüpfer mitunter locker wegstecken. Harmlos ist noch, wenn der erlauchte Kunde die eingebaute i-Taste nur zu Testzwecken drückt. Blöder ist schon, berichtet ein PLM von frühen Kundentestfahrten, wenn der angesäuselte Maybach-Fan morgens um zwei eine Schachtel Zigaretten in seiner Stammkneipe ordert.

Personal Liaison Manager rauben derlei Pöbeleien allerdings kaum die Contenance, denn meist waren sie bereits vor ihrem Maybach-Einsatz Kundendienst-gestählt. Viele der 40 Kontakter haben zuvor teure Brillis in Edelshops verkauft oder stammen aus der Spitzengastronomie. Da sind unflätige Sonderwünsche normal. Die gelassene Reaktion ebenfalls.

Flinke Konter

Der geschulte PLM bleibt selbst dann völlig cool, wenn Kaufwillige des Maybach 62, der gehobenen Langversion, über Ausstattungsmängel mosern. In der Tat, es ist wohl kaum zu verschmerzen, dass die Gegensprechanlage zwischen Liegesitz im Fond und Chauffeur nicht serienmäßig geliefert wird. Doch als Trostpflaster, weiß der Beziehungskisten-Manager flink zu kontern, bietet der 550-PS-Motor eine Wechselstrom-Doppelzündung mit Ionenstrom-Diagnose. Toll, aber damit kann der besorgte Rücksitz-Passagier nicht nach dem Wohlbefinden des Fahrers fragen, der, welch ein Elend, ohne serienmäßige Lenkradheizung auskommen muss. Die kostet ebenso extra wie die dringend notwendigen Vorhänge für Heck- und Seitenscheiben. Wäre auch unverschämt, so was gratis zu verlangen. Für die mindestens 417 600 Euro der Langversion ist eben nicht mehr drin.

Formel-1-Ticktes? Kein Problem!

Andere Problemfälle regelt der PLM dagegen mit links. Falls sein »Entrepreneur« beispielsweise kurz vor dem Start Karten für ein Formel-1-Rennen wünscht. Natürlich mit Zugangserlaubnis zum Fahrerlager. Nicht im VIP-Zelt, wo zweitklassige Prolls den Schampus abgreifen. Geht klar. Zählt selbstverständlich zur »One Face to the Customer Strategie«, wie die neue Pflegefall-Aktion auf Neuschwäbisch heißt. Klappt übrigens auch mit Premierenkarten für die Salzburger Festspiele.

In echten Sinn- und Lebenskrisen hilft das Center of Excellence ebenfalls. Wenn etwa dem erlauchten Kunden mit seinem Sechs-Meter-zwanzig-Gefährt weit abseits einer Maybach-Station technische Unbill widerfährt - was nach vierwöchiger Handarbeit und halbtägiger Probefahrt vor Auslieferung natürlich nicht vorkommen sollte. Wenn's aber doch passiert, läuft die Maybach-Zentrale mit einem exklusiven Fürsorgeprogramm zu großer Form auf.

Flugbereitschaft

»Bei Bedarf«, wie simple Pannen in Sindelfingen heißen, rückt notfalls die hauseigene Flugbereitschaft aus. Intern »Flying Doctors« genannt. Die Experten schrauben dann vor Ort, um den Gestrandeten wieder flottzukriegen. Den Gag haben die Maybach-Mannen bei Rolls-Royce abgekupfert. Als der Stammvater aller fahrenden Protz-Tempel noch allein den Untertanen Ihrer Majestät gehörte, schickten die Briten bei technischen Gebrechen ebenfalls ihre Service-Luftlandetruppe los. Angeblich. Verbürgt ist allerdings kein einziger Fall.

Auf die Idee mit dem PLM wären die Teetrinker auch nicht gekommen. Der Job birgt nämlich erhebliche Gefahren für die höheren Stände auf Ihrer Majestät Insel. Der persönliche Maybach-Betreuer könnte so tief in die Lebenswelt seines erlauchten Kunden eintauchen, dass die gesellschaftlichen Klassenunterschiede verwischt werden.

Die Zeitschrift »hinz & kunzt«, ansonsten eher ein Fachblatt für Arbeits- und Obdachlose, sieht aufgrund der intensiven Liaison gar die Gefahr echter Freundschaften zwischen Geldriesen und Normalsterblichen. Darüber wären die Engländer not amused. Europäer und der Rest der Welt gehen halt lockerer mit ihren Eliten um.

Personal Liaison Managern, die solch soziale Verbrüderung mental dennoch nicht verkraften, rät das Blatt zum Wechsel als Verkäufer für gebrauchte Toyotas - »völlig ohne Service«.

Peter Weyer

Wissenscommunity