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Der abgefahrenste Busbahnhof der Welt Im Untergrund

Wie überall: Die Fahrgäste warten
Wie überall: Die Fahrgäste warten
© press-inform - das Pressebuero
Direkt unter der breitesten Straße der Welt, der "Avenida 9 de Julio"in Buenos Aires befindet sich eine riesige unterirdische Busstation, in der rund 500 Mercedes Sprinter jeden Tag tausende Menschen transportieren. Die Stimmung in dieser mobilen Unterwelt ist eine ganz besondere.

Auf einmal ist der weiße Mercedes Sprinter wie vom Erdboden verschluckt. Mitten am helllichten Tag auf der "Avenida 9 de Julio", der riesigen Hauptverkehrsader Buenos Aires\', im Schatten des mächtigen Obelisken verschwindet der nächste Kleinbus in einer mächtigen Tiefgarageneinfahrt, die wie ein gieriger Schlund das Fahrzeug verschlingt. "Terminal de Combis Obilisco" steht auf dem gelben Schild. Menschen hasten die breiten Treppen hinunter, Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen. "Ich fahre jeden Tag nach Lomas de Zamora in den Süden" erzählt Laura, die in Loubotin-Schuhen, wie auf einem Laufsteg nach unten schreitet.

Unten, das ist die abgefahrenste Bushaltestelle der Welt. Gelbliches Licht aus Neonleuchten, das von weißen Lack der Kleinbusse reflektiert wird und an grauen Betonwänden abprallt, sorgt für eine eigentümliche Atmosphäre einer Parallelwelt, die nichts mit dem sonnendurchfluteten Verkehrschaos zu tun hat, das nur wenige Meter darüber tobt. Ein Sicherheitsbeamter steht am Eingang des Busbahnhofs und mustert die Szenerie mit wachsamen Augen. Sogar einen eigenen Supermarkt gibt es hier. Der wenig überraschende Name: "Underground Market".

Der 2013 erbaute Busbahnhof ist ein monströses Areal, das eine Fläche von 17.000 Quadratmetern hat. Rund 550 Mercedes Sprinter transportieren jeden Tag Fahrgäste in drei Himmelsrichtungen - Westen, Süden und Norden. Klar, im Osten liegt auch der Atlantik. Im Durchschnitt ist eine Fahrt 50 Kilometer lang, die längste Route ist 113 Kilometer lang und führt nach San Miguel del Monte, das im Süden im Landesinneren der Provinz Buenos Aires liegt. Zunächst ist man von der Größe des unterirdischen Busbahnhofs überwältigt. Überall stehen die Kleintransporter und warten auf die Fahrgäste, Türen fallen blechern ins Schloss und spanische Wortfetzen wabern durch die Luft. "Hey vamos, tenemos que irnos", (komm, wir müssen jetzt los) fordert eine Frau ihren Begleiter zum Einsteigen auf.

"Wie um alles in der Welt, soll hier jemand den richtigen Bus finden", schießt es einen durch den Kopf. Doch nur wenige Sekunden später bringen elektronische Tafeln Ordnung in das gedankliche Chaos. Große und kleine Monitore weisen entsprechend der Himmelsrichtung den Weg zum richtigen Gefährt. Drei Spalten beinhalten für die entsprechenden Zielkoordinaten: "Destinos hacia el sur" (Reiseziele im Süden), Empresas" (Unternehmen, das den Bus betreibt) und letztendlich die Nummer der Haltestelle "Dársena" (Dock).

Während der Rush Hour ähnelt der unterirdische Busbahnhof einem Ameisenhaufen: etwa 7.500 Fahrgäste eilen zu ihren Kleinbussen, die in ihren Parknischen auf die Kundschaft warten. Wer noch etwas warten muss, setzt sich auf eine der Bänke oder diskutiert mit anderen Fahrgästen die wichtigen Dinge des Lebens - und das ist in der argentinischen Hauptstadt in erste Linie der Fußball. Zumindest sobald ein paar "Hombres" zusammenstehen.

Die Mercedes Sprinter, in denen 19 Personen Platz finden, sind eine bequeme Alternative zu den überfüllten U-Bahnen und den teureren Taxen. Während die Öffentlichen Verkehrsmittel rund sieben Argentinische Pesos (circa 33 Cent) kosten, legt man für ein Taxi 1,20 Euro (ARS 27) Grundgebühr hin, die alle 200 Meter um zwölf Cent steigt. Eine Fahrt in einem der Kleinbusse kostet etwa vier Euro (ARS 85). "Die kann sich nicht jeder leisten", sagt Ayelen, die in einem kleinen Häuschen die Tickets verkauft. Oft sind die Kunden Studenten, Arbeiter und eben auch Geschäftsleute. Vielen ist der Stress, sich durch das alltägliche Verkehrschaos der lateinamerikanischen Metropole zu kämpfen, zu viel. Also steigen sie in einen der Sprinter. Auch die Fußballspieler des Fussballsklubs "Atlético San Lorenzo de Almagro" aus Buenos Aires nutzen schon mal die Reisemöglichkeit in einem der Kleinbusse.

Die Passagier-Transporter sind wahre Kilometerfresser: Viele der weißen mit Werbeaufklebern verzierten Vehikel haben rund 500.000 Kilometer auf der Uhr und sind im Durchschnitt zehn Jahre alt. Die Kombis gehören zu den Baureihen T1N (1995 bis 2006) und NCV3 (seit 2006). Lediglich 27 Transportunternehmen dürfen Fahrgäste befördern. Einer der Fahrer ist Juan Fiorillio. Der 56jährige steuert seinen Sprinter jeden Tag Richtung Westen ins 42 Kilometer entfernte Moreno und ist ein echter "fierrero" also ein Autoliebhaber, ein Car Guy. "Ich mache diesen Job seit 16 Jahren und mir macht er immer noch genauso viel Spaß, wie am Anfang", lächelt der schlanke Mann mit den grauen Haaren und öffnet einer jungen Frau galant die Tür.

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