R-Klasse Voll in der Strömung


Die neue Mercedes R-Klasse ist ein flotter Vierer: Van, Limousine, Kombi und Geländewagen zugleich. Der stern hat mit dem trendigen Großraumauto einen Publikumstest in Berlin gemacht.

Tierversuche sind in der Regel abzulehnen. Menschenversuche nicht. Sehr erhellend ist es zum Beispiel, dem gemeinen Berliner ein Kraftfahrzeug vor die Nase zu stellen und die Reaktionen zu beobachten. Am liebsten sähe man launige Menschen, die in Trauben um das Auto stehen und à la Günter Pfitzmann oder Harald Juhnke vor sich hin berlinern. So im Sinne von "Ick gloob, ick spinne, wa? Det is doch der neue Mercedes, oder nich?"

Aber nichts dergleichen

geschieht. Morgens um neun hastet Berlin zur Arbeit, und da kann die neue R-Klasse von Mercedes-Benz noch so breit auf dem Potsdamer Platz stehen. Sie steht, wie ein Autoverkäufer sagen würde, "ziemlich satt auf der Straße". Genau dort, wo früher die Mauer stand. Vorderräder im Osten, Hinterräder im Westen. Sie steht zum allerersten Mal überhaupt in einer Stadt, glänzt silbergrau, wartet auf Menschen und will begafft, bestaunt und angefasst werden. Das Auto rennt 240 Kilometer pro Stunde; der Menschenversuch aber kommt nur schleppend in Fahrt.

Bis im Vorbeigehen - endlich - Herr Rohard, Lehrer aus Eckernförde, gerade auf Klassenfahrt, mal die Augen aufmacht und diese neue Form registriert. Man sieht förmlich, wie seine grauen Zellen arbeiten. Was also soll das sein? Ein Geländewagen? Ein Coupé? Ein Sportwagen? Oder gar ein Van? Herr Rohard, 52, nähert sich dem unbekannten Fahrobjekt, und jetzt, da er einen Meter vor dem R 500 steht, bemerkt er, wie groß dieses Monstrum ist, das wohl erst Anfang 2006 in Deutschland auf den Markt kommt. Fünf Meter sechzehn. Passt in keine deutsche Normgarage. Jedenfalls nicht in der Langversion. Das Auto wird in den USA gebaut, und die Amis lieben diese ausladenden Maße. Herr Rohard ist von ganz anderen Sachen entzückt: "Zwei Auspuffrohre! Der hat ordentlich was unter der Haube!" Kann man so sagen. 306 PS, 460 Newtonmeter Drehmoment. Sollte reichen, um im Straßenverkehr mitzuschwimmen. Eine Schülerin reißt Herrn Rohard aus seinen Gedanken. "Der VW Golf ist mir lieber!" Autsch. Gibt bestimmt einen Eintrag ins Klassenbuch.

Ziemlich genau 648 Autokilometer weiter südlich sitzt in Sindelfingen Herr Pfeiffer in einem todschicken Büro mit schwarzen Möbeln, Chrom und Acrylglas und nickt verständnisvoll mit dem Kopf. "Ja, sicher, ein schön intergrierter Doppelauspuff zeigt in der Tat, dass das Auto Kraft hat." Professor Peter Pfeiffer nimmt ebenfalls am Versuch "Mensch trifft Mercedes" teil - zwangsläufig. Er ist Designchef bei Mercedes-Benz und hat einen ziemlich schwierigen Job. Tonnenschwer lasten Markenname, Image und Tradion der Firma auf seinen Schultern. Wer einen Mercedes erschafft, hat immer eine beträchtliche Anzahl Menschen gegen sich: Entweder erscheint ein neuer Mercedes zu vertraut - dann meckern die Modernisierer und fürchten, der heilige Stern könnte einstauben. Oder ein neuer Mercedes erscheint so, wie Pfeiffers neuen Modelle aussehen: modern, stark, schnell, aber vielleicht nicht markant - dann meckern die Traditionalisten und erinnern mahnend an Zeiten, in denen man einen Mercedes auf 800 Meter Entfernung erkennen konnte.

Herr Pfeiffer, 61, arbeitet bei Mercedes, seit 1968 die unverwechselbaren Modelle der Strichacht-Reihe erschienen. Die Strichachter hatten mächtige Kühler, groß wie Kaninchenkäfige, und riesige, rechteckig-stehende Scheinwerfer. Pfeiffers R-Klasse hat ovale Kunstwerke in Klarglasoptik, die Licht aussenden. Und der Kühler ist flach und breit wie ein Fischmaul. Es wäre schrecklich, sähe ein neuer Mercedes aus wie ein alter. Aber ebenso schlimm wäre es, sähe ein neuer Mercedes nicht aus wie ein alter. Herr Pfeiffer sagt: "Es ist eine Kunst, die Mercedes-Symbole konsequent weiterzuentwickeln und gleichzeitig jederzeit unverwechselbar zu bleiben." 648 Kilometer nördlich, auf dem Potsdamer Platz, ist Herr Rohard, der Lehrer mit dem Faible für den doppelten Auspuff, mit seiner den Golf liebenden Schülerin weitergezogen.

Heranspaziert kommt Herr Lang, 55 Jahre alt, Passatfahrer. "Tja", sagt Herr Lang, "ziemlich schnittig, diese R-Klasse. Genau zwischen Klassik und Moderne!" Da sollte Herrn Pfeiffer in Sindelfingen doch das Herz aufgehen. Dann aber sagt Herr Lang: "Von der Seite betrachtet ist es wohl eher ein Japaner." Und schließlich erzählt Herr Lang, dass jemand in seiner Familie eine Mercedes A-Klasse fahre. Da sei neulich das Automatikgetriebe kaputtgegangen. "Das Qualitätsimage von Mercedes-Benz ist ja ziemlich ramponiert", sagt Herr Lang - und geht seines Weges.

Sindelfingen. Erst ein Golf-Vergleich und jetzt die Japaner. "Also, ich kenne keinen, der so aussieht wie die R-Klasse", sagt Herr Pfeiffer und erklärt die Seitenansicht aus Designersicht: "Die seitliche Charakterlinie halte ich in Verbindung mit der coupéähnlichen Silhouette für optimal. Von schräg hinten betrachtet sieht das Auto aus wie ein Raubkatze, bereit zum Sprung. Diese muskulöse Dynamik!" Dann muss Herr Pfeiffer noch etwas zur Qualitätsdebatte sagen. "Wir arbeiten heftigst daran, dieses negative Image zu beseitigen. Nie waren unsere Fahrzeuge so gut wie heute."

Dieser freundliche Optimismus ist nun endlich auch auf dem Potsdamer Platz zu spüren. Eine Gruppe Jugendlicher rauscht heran. Autotüren werden geöffnet und ebenso fachkundig wie aufmerksam zugeschlagen. "Plopp!" Oder eher: "Kawapp!" Hört sich nach deutscher Wertarbeit an, kommt aber aus dem Werk im amerikanischen Tuscaloosa, wo auch die M-Klasse gebaut wird. Matthias, 15, in ausgesuchter Höflichkeit: "Darf man sich reinsetzen?" Man darf.

Innen eine Kathedrale

in hellem Leder und Wurzelholz. "Fett", sagt Matthias. "Das Ding ist der Burner", raunt sein Freund Issa, 16, vom Beifahrersitz. Was ein ziemlich starkes Kompliment ist. Und Issa stellt fest: "Das Auto ist irgendwie alles auf einmal. Sportlich und wie ein Geländewagen. Und mit viel Platz!" Bingo! Das Experiment "Mensch trifft Mercedes" scheint doch zu funktionieren. Endlich hat mal einer ausgesprochen, was sich die über 400 Leute der Design-Abteilung in Sindelfingen so vorgestellt hatten: Die R-Klasse ist vier Autos in einem. Von vorne: ein Sportwagen, aggressiv, breit, schnell. Von der Seite: ein Geländewagen, mit mächtigen Radläufen, 18-Zoll-Reifen und Allradantrieb. Von innen: ein Van mit bis zu sechs Einzelsitzen. Von den Fahrleistungen her: eine Limousine mit S-Klasse-Ambitionen. Mercedes hat auch gleich ein neues Wort für die R-Klasse erfunden: Grand Sports Tourer.

"Es gibt Menschen, die wollen sportlich und dynamisch auftreten, benötigen aber trotzdem viel Platz", sagt Herr Pfeiffer. Soll heißen: Mit der R-Klasse kann man gleichzeitig zeigen, dass man Geld hat, cool ist und spielend imstande wäre, wahlweise einen Haufen Kinder oder einen Haufen Golfschläger zu transportieren.

Issa befühlt auf dem Potsdamer Platz noch immer das Leder, die Sonne strahlt durch einen komplett verglasten Himmel auf ihn herab. Er bleibt dabei: ein Burner, das Ding. Von draußen lugen inzwischen ein halbes Dutzend Menschen in das Auto. Das Experiment läuft genau nach Plan. Bis auf einem der Rücksitze Herr Püschel, 53, aus der Gegend um Mainz Platz nimmt. Herr Püschel ist offenbar ein gewissenhafter Mensch. Er ruckelt sich auf dem Sitz zurecht, prüft Bein- und Kopffreiheit, denkt nach, prüft weiter, rückt vor und zurück, fasst sich an die Nase, ruckelt noch mal. Und dann sagt er: "Also, äh, in meiner A-Klasse ist hinten mehr Platz. Aber ich hab ja auch die Langversion."

Schnitt zu Herrn Pfeiffer nach Sindelfingen, der leicht irritiert wirkt: "Natürlich ist der Sitzkomfort im Grand Sports Tourer ein ganz anderer." Man könnte versucht sein, Herrn Pfeiffer zu bedauern. Menschen, die ein breit auf der Straße liegendes Raumschiff wie die R-Klasse mit dem kleinen, verlängerten Einstiegsmodell vergleichen, sind marketingtechnisch ein Frontalcrash ohne Airbag.

Zum Glück gibt es noch Herrn Muller. Er ist genauso alt wie Herr Pfeiffer, kommt aus den Niederlanden, fährt einen Mercedes C 200 Kompressor und ist von Pfeiffers Werk einfach hingerissen. "Porsche Cayenne und BMW X5 sind grob. Hier ist alles leicht!" Herr Muller geht langsam um das Auto herum, nickt immer wieder mit dem Kopf. "Es gibt so vieles, auf das ihr Deutschen stolz sein könnt", sagt er, "ihr habt den ICE, ihr habt Mercedes-Benz - und ihr werdet wieder Fußball-Weltmeister werden. Warum klagt ihr Deutschen also so viel?"

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