Pocket-Bikes Feuerstuhl im Bonsai-Format


Nur 50 Zentimeter hoch, aber bis zu 70 Stundenkilometer schnell: Diese Kombination macht so genannte Pocket-Bikes zu einem gefährlichen Spielzeug. Die Mini-Motorräder kommen aus China und werden im Internet schon für 100 Euro angeboten.

Obwohl sie nicht für den Straßenverkehr zugelassen sind, fahren sie immer öfter auf deutschen Straßen. Die Konsequenzen können fürchterlich sein: Weil Auto- und Lkw-Fahrer die flachen Miniflitzer nicht sehen können, passieren immer mehr schwere Unfälle. Die Mini-Motorräder gibt seit Jahren. Doch erst die günstige Produktion in China führte zu dem Boom, wie ein Hamburger Händler sagte.

Rossis Karriere begann auf einem Pocket-Bike

Der Automobilclub ADAC schätzt die Zahl der Winzlinge in Deutschland auf 2.000 bis 3.000. Pocket-Bikes haben meist einen luftgekühlten Zweitaktmotor mit bis zu 3,8 PS. Je nach Fahrergewicht und abhängig vom Tuning werden Spitzengeschwindigkeiten zwischen 40 und 70 Stundenkilometer erreicht, erklärte André Schümann, der Mini-Rennen auf einer Kartbahn in der Nähe von Hamburg organisiert. Auch der ADAC und der Deutschen Motorsportbund (DMSB) veranstalten Rennen mit den Mini-Motorrädern. Seit bekannt sei, dass Serien-Weltmeister Valentino Rossi seine Karriere auf einem Pocket-Bike begann, erfreue sich der Sport in Deutschland wachsender Beliebtheit, erklärt eine DMSB-Sprecherin.

Achtung auf den Straßen

Dass die Mini-Motorräder nun aber auch verstärkt auf der Straße auftauchen, sei ein neues Phänomen, das es erst seit diesem Jahr gebe, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion Lübeck. Die Folge sind immer mehr spektakuläre Unfälle. So zog sich ein 34-Jähriger Pocket-Bike-Fahrer kürzlich in Mönchengladbach bei einem Sturz lebensgefährliche Verletzungen zu. In Lübeck wurde ein 27-Jähriger mit einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert. Auch einen Todesfall gab es bereits: Im vergangenen Jahr starb ein 13-Jähriger Junge im niedersächsischen Nordhorn nach einem Pocket-Bike-Unfall.

Keine Angaben über Unfälle mit Pocket-Bikes

Auch wenn es keine genauen Zahlen über Unfälle mit Pocket-Bikes gibt, sieht der ADAC in den Kleinstgefährten ein akutes Gefährdungspotenzial. "Da wir die Zahl der Verkehrsunfälle ja eigentlich weiter verringern wollen, wundert man sich schon manchmal, was alles so auf den Straßen herumfährt", sagt Sprecher Maximilian Maurer. Vor allem die Höhe der Mini-Motorräder hält er für problematisch. Da sich die Pocket-Biker unterhalb der Fensterlinie bewegen, sei es für Autofahrer schwierig, sie wahrzunehmen. Dieses Problem gelte noch verstärkt für Lkw-Fahrer.

Spaß am Bonsai-Bike

Für die Pocket-Bike-Fahrer macht aber gerade die geringe Größe den Reiz aus. "Es macht einfach Spaß, auf so einem kleinen Gefährt zu fahren. Mit einem richtigen Motorrad kann das ja jeder", erklärt Schümann. Probleme bei der Bedienung der Kleinstgefährte sieht er nicht. "Zunächst ist es zwar ungewohnt, weil man die Knie auf Ohrenhöhe hat, aber eigentlich ist es nicht schwer, damit zu fahren", sagt er. Es gebe in Hamburg aber zu wenig legale Möglichkeiten, um mit den Mini-Motorrädern zu fahren. Denn normalerweise dürfen die Pocket-Bikes nur auf Privatgrundstücken oder gesonderten Flächen benutzt werden. Für den Straßenverkehr sind sie nicht zugelassen.

Schluploch EU-Zulassung

"Von uns werden solche Fahrzeuge nicht freigegeben", bestätigt der Leiter des entsprechenden Bereichs im Kraftfahrtbundesamt, Bernd Wegner. Meistens werden die Mini-Motorräder zwar mit dem Hinweis verkauft, dass sie nicht auf öffentlichen Straßen benutzt werden dürfen, das passiere dann aber trotzdem häufig. Es gibt aber auch Pocket-Bikes, die ganz legal auf der Straße landen, da das Typengenehmigungsverfahren auf europäischem Recht basiert. Besonders problematisch seien solche Exemplare, die in ihrer Geschwindigkeit gedrosselt seien und deshalb wie Mofas als Kleinkrafträder gelten, sagt Wegner. Da diese nicht zulassungspflichtig sind, können sie ohne Begutachtung der Zulassungsstellen auf der Straße landen. "Uns sind da die Hände gebunden", sagt er. Eine Regelung hierfür müsse auf EU-Ebene erfolgen. Im zuständigen Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hält man die Pocket-Bikes ebenso für "riskant und gefährlich". Allerdings sei die Einfuhr nach Deutschland innerhalb der EU nicht zu verhindern, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Die EU-Kommission bemühe sich um eine erschwerte Zulassung in den Mitgliedstaaten.

Jan Wienrich/AP


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