Rolls-Royce 100EX (Frisch-)Luftschiff


Tradition und Rolls-Royce gehören zusammen wie England und Plum-Pudding. Zwar ist die englische Prestige-Marke längst in bayerischen Händen, an der ganz eigenen Art, Autos zu bauen, konnten allerdings auch die erfolgreichen BMW-Mannen wenig ändern.

Tradition und Rolls-Royce gehören zusammen wie England und Plum-Pudding. Zwar ist die englische Prestige-Marke längst in bayerischen Händen, an der ganz eigenen Art, Autos zu bauen, konnten allerdings auch die erfolgreichen BMW-Mannen wenig ändern. Ein Rolls ist nach wie vor so windschnittig wie eine Fertiggarage und lässt sich auch ähnlich behände um Kurven werfen. Sowas muss so ein Auto allerdings auch gar nicht können.

Technische Daten

Motor

16-Zylinder V-Motor

Hubraum

9 Liter

Leistung

Unbekannt

Schaltung

Sechsgang-Automatik

Länge/Breite/Höhe

5.669/1.990/1.561 Millimeter

Radstand

3.470 Millimeter

Tankinhalt

80 Liter

Zwischen Understatement und Hightech

Nicht, dass die Engländer Geld und Unterstützung der Münchner-Konzernführung abgelehnt hätten. Im Gegenteil. Luftfederung, Alu-Spaceframe und bayerisches Leder stehen auch einem modernen Rolls-Royce gut zu Gesicht. Und so wurde der 2003 vorgestellte Rolls-Royce Phantom zum massigen Bindeglied zwischen englischem Unterstatement und bayerischen Hightech-Bauteilen.

Dass man sich in der nagelneuen Firmenzentrale in Goodwood zumindest mittelfristig nicht nur mit dem Phantom zufrieden geben will, zeigt sich auf dem Genfer Autosalon. Dort steht mit dem 100EX die Studie eines Rolls-Royce-Cabrios auf dem Messestand. Bei einer Gesamtlänge von 5,7 Metern gut 16,5 Zentimeter kürzer als das Phantom, dennoch aber eng mit dem englischen Geist verwandt. Und nicht minder attraktiv.

Internationaler Engländer

Klar, werden jetzt die Insel-Traditionalisten sagen und ein Loblied aufs englische Design singen. Damit kommen sie allerdings nicht weit. Der offene Rolls wurde in BMWs Kreativschmiede "Designworks" entworfen. Die steht übrigens in Süd-Kalifornien. Inspiriert wurden die Designer von den klassischen Rolls-Cabrios vergangener Tage, und umgesetzt wurden die Pläne schließlich von BMW-Spezialisten in München. Ein englischer Lord mit amerikanischen Eltern und deutschen Klamotten.

Kantig, kuschelig, exklusiv

Herausgekommen ist dabei ein in allen Belangen großes Auto. 5,7 Meter lang, 1,99 Meter breit und 1,56 Meter hoch. Das spricht für ausreichend dimensionierte Sitzplätze und das gewohnt majestätische Fahrgefühl. Das kantige Interieur ist mit kuschelweichem Leder und nicht weniger exklusiven Hölzern ausgeschlagen und vermittelt den Eindruck, als hätten die letzten 50 Jahre Automobildesign nicht stattgefunden. Der Eindruck täuscht. Unter dem Mahagoni-Armaturenbrett im Schrankwand-Format versteckt sich so ziemlich alles, was BMW an Wohlfühl- und Unterhaltungselektronik zu bieten hat.

Maritimer Flair

Der Rest ist die hohe Schule des Automobilbaus. In Anlehnung an exklusive Privatyachten ist der EX100 mit schickem Teakholz und poliertem Aluminium verziert. Der größte Teil des zur Dekoration eingesetzten Leichtmetalls steckt dabei im auf Hochglanz polierten Mittelteil der riesigen Motorhaube. Ausgehend vom traditionellen XXL-Kühlergrill verbindet sich das glänzende Dreieck mit einer Alu-Leiste, die einmal um den gesamten Innenraum reicht. Von oben betrachtet ergibt das den typischen Grundriss eines Segelschiffs.

Die Kraft der zwei Herzen

Unter dem Leichtmetall-Kunstwerk verbirgt sich ein gewaltiger 16-Zylinder mit neun Litern Hubraum. Nach der Motorleistung darf man fragen und bekommt sogar eine Antwort: sufficient, ausreichend. Ein genauerer Blick auf den Motor lässt die PS-Dimensionen zumindest erahnen. So gilt es zunächst, die Wurzeln des Triebwerks zu klären. Das ist einfach. 16 geteilt durch zwei macht acht; neun, geteilt durch zwei 4,5. Endergebnis: Zwei Achtzylinder mit 4,5 Litern Hubraum. Das passt zur aktuellen BMW-Motorenpalette und lässt auf eine Gesamtleistung von über 650 PS schließen. Die Verheiratung von kleineren Motoren ist nicht neu. VWs W12 besteht im Prinzip auch nur aus zwei ineinander verschachtelten Sechszylindern.

Alles prima, sollte man meinen. Und doch macht Rolls-Chef Tony Gott seiner solventen Kundschaft wenig Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit dem 100 EX. 100 steht fürs Firmenjubiläum und EX für "Experimental model". Ein Versuchsträger, "den Rolls-Royce nicht bauen wird". "Zumindest nicht vor 2007. Bis dahin haben wir nämlich mit dem Phantom noch genug zu tun". Na dann. Gott sei Dank!

Jochen Knecht

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