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Romantik: Mit alten Eisen auf Nostalgie-Reisen

Das ist fast so beschaulich wie Wandern: mit Oldtimern von Alfa durch die Toskana bummeln. Ein Trip, den man buchen kann.

Das ist fast so beschaulich wie Wandern: mit oldtimern von Alfa durch die Toskana bummeln. Ein Trip, den man buchen kann

Nebeneinander aufgereiht stehen sie im Innenhof der mittelalterlichen Residenz bei Siena. Blitzblank gewienert, mit strahlenden Scheinwerfern, ästhetisch einmaligen Kotflügeln und verspieltem Chromzierrat. Fünf klassische Alfa Spider.

Die Marketingexpertin und der Unternehmensberater aus dem Schwabenland, die Autoverkäufer und der Banker aus dem Rheinland - sie scheinen beim Anblick dahinzuschmelzen. Sanft streichen sie mit den Händen über das geschwungene Blech, lassen sich vorsichtig in die schmalen roten Ledersitze sinken, die das Format und den Sitzkomfort von Camping-Klappstühlen haben, ihr Blick wandert ehrfurchtsvoll über das Armaturenbrett mit den verchromten Instrumenten. Letzte andachtsvolle Minuten vor dem Start.

Auf dem Programm steht eine Rundfahrt durch die Toskana mit Alfa Romeos aus den 60er Jahren. Flinke Giulia Spider und elegante 2600 Spider in Rot, Schwarz und Silbermetallic. Die Giulia mit der eleganten Pininfarina-Karosserie war damals ein Verkaufsschlager. Ihre 90 PS konnten es mit einem Porsche 356 aufnehmen. Die Giulia war aber wesentlich billiger. Der 2600 Spider gehörte dagegen zur Luxusklasse und lag mit dem 145 PS starken Sechszylinder in Leistung und Preis auf dem Niveau des Mercedes 230 SL.

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Vier Tage lang unterwegs auf Straßen, wie man sie aus Prospekten und Fernsehspots kennt. Hügellandschaften mit Weinbergen und endlosen Weizenfeldern, lang gezogenen Zypressenalleen, mittelalterlichen Dörfern und ehrwürdigen Weingütern. Ein All-inclusive-Arrangement für italophile Nostalgiker. Oldtimer werden gestellt, Service mit Roadbook und Begleitfahrzeug gibt's dazu, notfalls auch ein Ersatzauto. Und obendrein stilgerechte Rundumverpflegung und Logis in der zum Fünf-Sterne-Hotel umfunktionierten Residenz, einst eine Art Wochenendrefugium für Päpste, zum Preis von ab 1900 Euro. "Nostalgic" heißt das Reiseunternehmen der beiden Südtiroler Walter Laimer und Gert Pichler, das solche Rundumsorglos-Oldtimerreisen veranstaltet.

Die obligatorische Einweisung macht den Teilnehmern schnell klar, dass die grazilen Alfas zwar von schlichter Technik, in der Bedienung zuweilen aber recht unkonventionell sind. Schaltung und Kupplung wollen sanft behandelt werden. Das Fernlicht wird mit einem Fußpedal bedient, die Lichthupe mit einem Knopf in der Lenkradnabe. Gerhard, der Banker aus Köln, hat sich vorsichtshalber mit einem mobilen GPS-System ausgestattet, trotzdem wird ihm am ersten Nachmittag ein ungeplanter halbstündiger Ausflug auf unbekannte toskanische Landstraßen nicht erspart bleiben.

Vorbei an der Altstadt von Siena tourt die Gruppe durch das Chiantigebiet. Enge Landstraßen, kurvige Anstiege und Abfahrten quer durch die Weinberge. Kilometer für Kilometer gewöhnen sich die Teilnehmer an die Technik von vorgestern. Dass die Alfas seinerzeit für ihre langhubigen und drehmomentstarken Motoren geschätzt waren, konveniert mit dem Charakter dieser Veranstaltung. "Da kannst du im vierten Gang noch die steilsten Weinberge hochfahren", lobt Unternehmensberater Wilfried die schwarze Giulia 1600.

Trotzdem ist

das Durchschnittstempo eher moderat. Bergab will mit Weitblick gebremst werden, und die Arbeit am Lenkrad kommt mangels Servohilfen einer Trainingseinheit im Fitnessstudio gleich. Aber je unkonventioneller die Fahrt, desto mehr scheint es die Piloten zu entzücken. "Wenn man den Alfa so in die Kurve rein zwingen muss, das macht richtig Spaß", sagt Beate. Und Gerhard mault nicht, als die Benzinpumpe seines 2600 Spider auf einer dicht befahrenen Landstraße zwischen Chianti und Siena bockt. Nur für etwa 30 Minuten. Darüber wird man sich später beim Abendessen ein wenig amüsieren. Dass bei einem anderen Wagen der Auspuff knattert und Ölwolken rausquellen, hier die Tankanzeige unruhig tänzelt und dort die antiquierten Trommelbremsen nur auf festen Fußtritt spürbar reagieren, all dies scheinen die Teilnehmer zu mögen.

Alfred, der Siegener Autoverkäufer, hat eine Vorliebe für schnelle Kurvenkombinationen. Beifahrer Andreas genießt es, während der Fahrt im hügeligen toskanischen Land mit weiblichen Radtouristen zu flirten, wenngleich die wenig Sinn für spontane Bekanntschaften haben. Tagesetappen von 100 bis 150 Kilometer, dazwischen ein Picknick im Grünen, kurze Pausen in alten Weingütern, schnelle Stadtführungen in Volterra oder San Gimignano bilden das kulturelle Rahmenprogramm. Wichtiger aber sind die Alfas. Kultur hat's, wenn die Motoren wieder gestartet werden, die sechs Zylinder des 2600 Spider satt blubbern und die Giulia kernig faucht - Laufkultur.

Abends sitzen die Teilnehmer mit geröteten Gesichtern beim Speisen in einem eleganten Ristorante außerhalb Sienas und erzählen von den Erlebnissen des Tages. Wie sich die Rentner auf der Piazza in Chiusdino um die Autos scharten und gestenreich erklärten, dass das noch wirkliche Autos waren, nicht solche Kisten, wie man sie heute baut. Alfred zeigt seine Finger, die von der Schwerarbeit am Lenkrad gezeichnet sind. "Aber das macht einfach Spaß", sagt er lachend. Die meiste Zeit, erzählt Beifahrer Andreas, hätten sie zwar nicht gewusst, ob sie auf den richtigen Straßen unterwegs waren, aber irgendwie habe es immer funktioniert.

Am letzten Tag kurvt die Gruppe durch die Landschaft südlich von Volterra, ein weniger touristischer Teil der Toskana und damit wie geschaffen für die Oldtimer. Ein Endspurt auf der letzten langen Geraden durch das Val d'Elsa. Kein Gegenverkehr weit und breit, und so brausen sie nebeneinander auf der Landstraße, lachen sich gegenseitig an, ziehen Grimassen und strecken die Arme in den Fahrtwind.

Kurz darauf erreicht auch Gerhard das Ziel, der mit dem Roadbook nicht klarkam und eine zusätzliche Schleife durch die toskanische Provinz eingelegt hat. Das hat er schnell verdrängt. Der Banker überlegt vielmehr, sich einen Giulia Spider anzuschaffen. Dabei hat er schon zwei Oldtimer in der Garage stehen.

Georg Weindl

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