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Der große Crash Wenn die Leinwand kaltverformt...


Sind Autounfälle in der Wirklichkeit katatstrophal und tragisch, gibt es im Kino kein grösseres Sehvergnügen als der enorme kinetische Energien freisetzende Zusammenprall zweier metallener Fortbewegungsmittel, meist nach einer atemberaubenden Jagd durch Tunnels, Fussgängerzonen - oder durch das Universum.

Wie gerne sich das Filmpublikum über Auto-Crashes auf der Leinwand freut, wissen Eintrittskartenverkäufer seit Charlie Chaplin, Harold Lloyd und - ganz speziell - Stan Laurel und Oliver Hardy. Kein Thriller ohne Blechschaden, kein James Bond Film ohne geradezu historische Crashs (wie Sean Connery’s Begegnung mit einer Mauer in "Goldfinger"). Um das Publikum an der Kinokasse zu halten, musste allerdings in jeder weiteren Folge der Unfalleinsatz entsprechend erhöht werden. Reichte 1995 Pierce Brosnan in "Golden Eye" gerade mal ein Panzer, um fast die gesamte Autodichte von St.Petersburg zu eliminieren, musste im folgenden Bond schon ein ferngesteuerter BMW in Hamburgs Boutiquen krachen, und für "Casino Royale" konnte sich Robert Craig’s Bond schon ins 'Guiness Buch der Rekorde' einschreiben, als er seinen nagelneuen Aston Martin in einem siebenfachen Salto Mortale in filmische Kleinteile zerlegte.

Action Movies können einfach nicht ohne den markanten Unfall auskommen. In "Bullit" enden Steve McQueens Verfolger nach der berühmtesten "chase scene" der Filmgeschichte in einem Feuerball. In "French Connection" (1971) jagt Gene Hackman einen Drogendealer in einer gekidnappten Hochbahn in Brooklyn ohne Rücksicht auf jedwegliche Blechschäden. Im australischen Indie-Hit "Road Warrior" (1981) räumt ein sehr junger Mel Gibson gegnerische Gangs in (für damalige Zeiten ) sensationellen Crashes aus dem Weg. Und wer könnte Klassiker des Altmetalls vergessen wie das herrliche Wrack in Dick Sarafians 1971 "Vanishing Point", oder die gekonnte Demolierung von Fortbewegungsmitteln in David Finchers 1999 Werk "Fight Club"? Horrormeister Cronenberg drehte im Jahr 1996 gar einen ganzen Film um Crashes und ihre Opfer und nannte den Streifen - wen kanns überraschen? - "Crash".

Selbst im All muss es mal anständig krachen, wie in der Neuinterpretation des Ben Hur-Wagenrennens in "Star Wars I - The Phantom Menace", in dem der junge Skywalker den Aliens automobilstisches Tacheles lehrt. Will Smith belegte, dass auch die Zukunft nicht ohne verbogenes Metall auskommen kann, als er in "I Robot" mit seinem SciFi-Audi einen gesamten Tunnel inklusive Hunderte von Robotern karamelisiert. In "Terminator" schliddert ein Tanklaster funkensprühend die Leitplanken entlang, in "T2" und "T3" wurd’s noch grösser, noch besser, noch schlimmer. Am allerschönsten interpretierte den Unfall der Zukunft der Film "Matrix Reloaded". War der 2003-Streifen ansonsten einer der grössten Flops der Wachowski Brüder, gilt die "chase-and-crash" Sequenz mit dem Bösewicht in einem Cadillac EXT und Morpheus & Trinity auf einer Ducati 996 als bahnbrechend, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwölf Minuten - eine Ewigkeit im Film - dauert die Jagd, siebzehn Autos, zwei Polizeiwagen, ein Jeep, ein Truck und insgesamt zwei riesige Sattleschlepper müssen bei finalen Crash dran glauben. Selbst romantische Filmchen fuer die Tempotaschentuchgemeinde schrecken vor dem grossen Krach nicht zurück: in "Harold and Maude" fliegt der Jaguar von der Klippe, und in "Thelma & Louise" machen es Susan Sarandon und Geena Davis im Cabrio nach.

Selbst vor Supersportwagen macht die Kaltverformung auf Zelluloid nicht halt. Im 1987-Film "The Hidden", ansonsten ein berüchtigter Klunker, schmeisst sich Michael Nouri nach einem Bankraub in einen Ferrari, überfährt - sozusagen en passant - neben ein paar Fussgängern noch einen Rollstuhlfahrer und kracht dann recht fotogen in eine Polizeisperre. Im 1996-Action-Streifen "The Rock" mit Sean Connery und Nicholas Cage, wird ein gelber Ferrari so kunstfertig in seine Einzelteile zerlegt, dass der San Francisco Streetcar, der kurz danach zehn Meter in die Luft fliegt, schon fast banal wirkt. Im sonst eher lauen "Bad Boys 2" (2003) springt der Bösewicht Tcheky Karyo in einen AC Cobra, und findet nach einer kurzen, aber dramatischen Verfolgungsjagd auf einem Rollfeld ein Cinemascope-Ende. Dann gibt es natürlich noch Vin Diesels sakrilegen Crash mit einem ’69 Dodge Charger in der 2001-Verfilmung von "The Fast and the Furious". Und Matt Damons unvergesslicher KaBumm in einem Moskauer Strassentunnel in "The Bourne Supremacy" (2004).

Kracht der eine in ein Auto, muss der nächste mindestens drei Gegner ausschalten. Im Amerikanischen nennt man das "One-Upmanship", im Film heisst sowas John Woo. Aber wie toppt man den Crash eines Helikopter gegen TGV-Zug aus dem ersten "Mission Impossible"? In "M:I-2" durfte Tom Cruise im Jahr 2000 mit seinem Triumph-Motorrad einen ausgewachsenen SUV in eine Reihe parkender Autos drängen und einen weissen Sedan in die Luft katapultieren, bevor sich die beiden Bikes der Kontrahenten im Flug zerstörten. In den beiden "Transporter"-Filmen aus den Jahren 2002 und 2005 mit Action-Hero Jason Statham fliegen nur so die Fetzen, ein BMW fliegt wie es scheint minutenlang durch die Luft, Audis werden als Rammböcke benutzt und so viele Peugeots zu Schrott verwandelt, man könnte fast meinen, Regisseur Corey Yuen hätte was gegen die Gallier. Auch George Clooney setzt seinen Mercedes im Film "Peacemaker" (ausgerechnet) als Waffe ein, wenn er auf einem lauschigen Wiener Platz drei weitere Autos mit den Bösewichtern darin ausradiert. Ein "Lethal Weapon 4" aus dem Jahr 1998, und weil das offensichtlich noch nicht genug war, crashten sieben Minuten später ein GrandAm UND ein Mercedes quer durch die Obergeschosse eines Bürogebäudes. Und um das alles noch zu toppen, schiesst Bruce Willis, eh kein Freund von halben Sachen, in "Die Hard 4" nicht nur einen Hubschrauber mittels eines Autos ab, sein Duell in einem riesigen Sattelschlepper (Sieger) gegen einen Harrier Jet (Verlierer) unter einem gigantischen Autobahnkreuz dürfte so schnell keiner schaffen.

Obwohl es natürlich alle versuchen - mit erstaunlichen Ergebnissen: recht realistisch geht’s zu, als Chris Cooper im 2002 Geheimtipp "Adaptation" rückwärts aus der Garage fährt und voll von einem anderen Fahrzeug erwischt wird. Die mit Abstand härteste (und vielleicht auch deshalb grausamste) Darstellung eines Massenunfalls findet im Film "Final Destination 2" aus dem Jahr 2003 statt. Die Unfallszene, in den meisten Ländern stark geschnitten, ist zwar nicht einmal drei Minuten lang, wirkt aber durch die brutale Realität um Stunden länger. Den Preis für die wohl bizarrste SlowMotion Darstellung eines Autounfalls geht eindeutig an Schockmeister Quentin Tarantino und dessen 2007 Oeuvre "Deathproof/Grindhouse", in dem nach einem spekatulären Frontalzusammprall sowohl Körper- als auch Autoteile in einmalig blutrünstiger Kino-Ästhetik über Leinwand und Strasse fliegen.

Die Gewinner der mit Abstand grössten Crashs in der Filmgeschichte gehen an: Platz 3 - "Ronin". Im 1998 gedrehten Thriller mit Robert DeNiro und Jean Reno wurden in zwei riesigen Unfallszenen in Paris und Nizza (gedreht mit Spitzengeschwindigkeiten von annähernd 200 km/h!) insgesamt 80 Auto zu Schrott gefahren. Das reicht allerdings nur für einen ehrenwerten dritten Platz. Die oberen zwei Treppchen gehen an die "Bluesbrothers", im ersten (1980) und im zweiten Teil (1998) wurden 300 Autos verschrottet. Die Autovernichtungs-Szene in "Bluesbrothers 2000" gilt bis heute als der grösste Car Crash der Filmgeschichte. Acht Minuten lang krachen siebzig Autos ineinander. Also: DVD kaufen, den Film NICHT ankucken, sondern gleich auf Kapitel 29 gehen!

Letzter Teil: Die schlimmsten Rennsport-Unfälle


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