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Diskussion um Testfahrer: "Wir sind kein Höllenkommando"

Nach dem tödlichen Unfall eines Mercedes-Testwagens auf der A81 stehen die Fahrer der oft rasend schnellen Autos in der Kritik. Dabei seien die Könner unter den Testern ideale Autofahrer, souverän und verantwortungsvoll, schreibt Dirk Vincken, ehemaliger Test- und Erprobungsfahrer. Aber auch sie machen Fehler.

Testfahrer – ein Traumjob für jeden richtigen Mann, das Berufsziel eines jeden wahren Jungen. Ein Job, bei dem echte Helden das tun dürfen, was sie am besten können: Mut beweisen, Abenteuer bestehen, Gefahren meistern. Bewundert werden, weil sie das tun, was andere sich nicht trauen. Rasen und schleudern, bis die Physik kapituliert.

Ist das wirklich so? Der Job des Testfahrers ist so vage umschrieben und klischeehaft in den Köpfen verankert, dass jede Negativ-Schlagzeile ein "Typisch!" oder "Na klar, wieder diese Rowdies auf Firmenkosten" entlockt. Der Testfahrer, ein Zwischending zwischen Held der Straße und Gesetzesbeuger? Wenn ein Testfahrer in den Medien auftaucht, ist die Schlagzeile immer negativ. Dann ist ein schwerer Unfall passiert. Das geschieht zwar zigtausendfach auf unseren Straßen, jeden Tag rasen Autos in andere hinein, hat ein Mensch versagt, ein anderer das makabre Zufallsspiel verloren, die Technik nichts mehr retten können. Doch sobald ein Testfahrer beteiligt ist, ist die Schuldfrage "irgendwie von vorneherein klar": Der Mann hat einfach zu viel Gas gegeben, der hat’s übertrieben, und andere müssen dafür ins Gras beißen. Wer stoppt endlich diese wild gewordenen Asphalt-Cowboys?

Ein Unfall schädigt das Ansehen einer ganzen Gruppe

Als "Turbo-Rolf" wurde ein Mercedes-Testfahrer bekannt, der eine junge Mutter auf der Autobahn mit seinem schnellen Oberklasse-Testwagen so sehr bedrängt und erschreckt hat, dass sie in Panik die Kontrolle über ihren Kleinwagen verlor und ihr Leben und das ihres Kindes ein schreckliches Ende fand. Testfahrer gelten seit "Turbo-Rolf" als Berufs-Raser mit scheinbarem Immunitäts-Pass. Immer gedeckt von ihrem Auftraggeber und immer eher ein "bedauerlicher" Einzelfall. Tatsache ist: Ein professioneller Testfahrer ist nicht jemand, der bei Mercedes, VW oder Porsche anklopft und Minuten später den Werkshof mit dem neuesten Modell oder gar einem Erlkönig verlässt. Ein Profi-Tester hat meist eine Ingenieurs-Laufbahn hinter sich und verfügt über überdurchschnittliches Fahrtalent. Sei es, dass er einfach talentiert ist, sei es, dass er sich die Beherrschung eines Fahrzeugs im Grenzbereich über Jahre angeeignet hat, etwa auf Rennstrecken oder in speziellen Kursen. Testprofis werden aber noch nach ganz anderen Kriterien von den Auto- oder auch Reifenherstellern ausgesucht: Sie müssen charakterlich stark sein, verantwortungsbewusst, vorbildlich im Straßenverkehr und in der Präsentation der Marke in der Öffentlichkeit, sicher in der Entscheidung in brenzligen Situationen. Im Prinzip also der ideale Autofahrer? Klares Ja. Ausnahmen leider nicht ausgeschlossen.

Brav, bieder – stinknormal

Ein Testfahrer ist ein völlig unauffälliger Typ. Er sieht nicht besonders cool aus, eher bieder, trägt lässige, bequeme Kleidung und liebt seine Familie. Wie viele andere international Reisende hängt er Stunden in muffigen Flughafen-Warteeräumen ab. Passiert er dann aber auf dem abgesperrten Testgelände in Texas oder auf dem heimatlichen Nürburgring die rot-weiße Schranke, die jeden Privatier in der Woche kategorisch abweist, wird er wenige Meter später zum Rennfahrer, zum Kurvenkünstler und Auto-Beherrscher. Das muss er auch, denn nur wenn er sich nicht auf die Beherrschung des Autos konzentrieren muss und ihm die Aktionen an Lenkrad, Gaspedal und Bremse wie im Schlaf von der Hand gehen, fallen ihm all die Dinge auf, die am seriennahen Auto noch nicht so sind, wie die Entwickler sich das wünschen.

Das Lenkgefühl ist noch nicht direkt genug, die Hinterachse macht noch Geräusche beim kraftvollen Beschleunigen, die Reifen könnten noch etwas mehr Grip in engen Kurven entwickeln. Greift das ESP doch etwas zu spät ein? Ist der Bremsweg aus Tempo 100 endlich unter 38 Meter? Tag für Tag spulen diese Profis ihr Programm ab, spektakulär, regelmäßig, unauffällig. Den Körper in den Sitz gepresst, Ellbogen und Knie abgestützt, die Füße tänzeln virtuos auf den drei Pedalen. Sie lesen Daten aus, füttern fest verzurrte Laptops auf dem Beifahrersitz, kalibrieren Messfühler, diskutieren mit den Konstrukteuren. Abends schmerzt der Rücken. Schatz, bringst Du auf dem Heimweg noch etwas H-Milch mit? Und komm nicht wieder so spät.

Berufskrankheit Rückenschäden

Der eigentliche Testfahrer fällt nie auf, weil er sich stets auf abgesperrten Strecken und Geländen bewegt. Die Öffentlichkeit bekommt nicht mit, wenn auf der Rennstrecke, in der Wüste, auf dem abgesperrten Winterpass oder im Windkanal Mensch und Maschine an ihre Grenzen gehen. Es ist ein Traumjob, keine Frage, aber auch ein Knochenjob. Kaum ein Testfahrer gibt seinen Beruf vorzeitig auf, es sei denn, aus körperlichen Gründen. Wer permanent im Auto hin- und her geworfen wird oder hundertfach in den Sicherheitsgurt gepresst wird, wird zwangsläufig zum Dauerkunden des Orthopäden.

Etwas anders sieht das außerhalb dieser gut gehüteten und hermetisch abgesicherten Areale aus. Verlässt ein Testfahrer das Werksgelände und biegt auf die A81 oder A4 oder die B10 ein, muss er sich selbst zum Versuchsfahrer reduzieren. Eine Stufe tiefer. Und doch von ganz anderem Kaliber. Denn jetzt gilt die Straßenverkehrsordnung, die besagt, dass keiner den Umständen nach gefährdet, behindert oder sonst wie in Bedrängnis gebracht werden darf. Paragraf 1 dieser StVO gilt für jedermann, auch für noch so schräg vermummte Erlkönige und deren Fahrer. In ganz besonderem Maße sogar. Jetzt sind diese Versuchsfahrer nämlich Repräsentanten ihres Auftraggebers. BMW oder Audi oder Opel setzen darauf und trainieren ihre Fahrer so, dass sie vorbildlich und unauffällig unterwegs sind. Gleichzeitig sollen die Versuchsfahrzeuge unter "ganz normalen Bedingungen wie eben auf der öffentlichen Straße" zeigen, was sie können und was noch nicht. Kundennahe Erprobungsfahrt heißt so etwas. Unverzichtbar ist das. Und legal.

Versagen auf dem ur-eigenen Terrain

Warum jüngst auf der nicht limitierten A81 ein M-Klasse-Versuchsfahrzeug so schnell unterwegs sein musste, dass es in ein Unfallfahrzeug hineinraste und dieses völlig zerstörte – das lässt sich nicht pauschal mit "typisch Testfahrer" oder "schreckliches Unglück, aber eins von vielen" abfertigen. Testfahrten sind nicht bereifte Höllenkommandos, die wahllos harmlose Zivilisten von der Bahn fegen. Ihre Piloten fallen aber per se auf, wenn sie in einen Unfall verwickelt sind. Mehr als fast jede andere motorisierte Berufssparte. Sie hätten es doch "besser wissen und auch können müssen". Ein Testfahrer, der auf dem Asphalt versagt? Wie kann das sein, die können es doch! Statistisch betrachtet gibt es sicher mehr Bäcker oder Sekretärinnen, die in ähnlich leidvolle Unfälle verwickelt sind. Doch wer würde für sie einen besonderen Verhaltenskodex fordern, wie es Bundesverkehrsminister Ramsauer für Testfahrer jetzt populistisch und Volksmeinung nachplappernd forderte?

Kein typischer Test-Unfall

Die große Masse der Test- und Versuchsfahrer verhält sich so, wie wir es zu Recht erwarten: besonnen, verantwortungsvoll, diszipliniert. Doch Unfälle geschehen, weil unglückliche Umstände dazu führen. Manche hätten vermieden werden können. Doch hätte besagter schrecklicher Unfall auf der A81 nicht mit jedem anderen Verkehrsteilnehmer genau so passieren können? Nun geraten die Testfahrten der Automobilkonzerne wieder in die öffentliche Kritik, insbesondere Mercedes steht in der Schusslinie. Die Unternehmensleitung ist zerknirscht, bemüht sich um Sachlichkeit und Aufklärung. Und wird sich künftigen Diskussionen dieser Art kaum mehr aussetzen wollen. Erlkönigfahrten auf öffentlichen Straßen werden mit Sicherheit weniger werden. Der moralische Druck auf die Fahrer wird sicher noch stärker. Auch auf die, die nur ihren ganz normalen Job machen.

Dirk Vincken

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