VG-Wort Pixel

E-Bikes Mit Strom geht es leichter


Der Fahrradhersteller "Kalkhoff" gehört zu den Traditionsfirmen in Deutschland. Ein wichtiges Standbein sind die E-Bikes. Marketingleiter Herwig Reus ist überzeugt, dass die Räder mit Elektroantrieb manche Fortbewegungsgewohnheiten in Europa umkrempeln werden.

Der Fahrradhersteller "Kalkhoff" gehört zu den Traditionsfirmen in Deutschland. Seit 1919 produzieren sie ihre Räder im niedersächsischen Cloppenburg. Marketingleiter Herwig Reus ist ein bekennender Fahrradfreak. Mehr als 20 Fahrräder für jeden Einsatz hat der 39 jährige zu Hause stehen. Selbstverständlich fährt der ehemalige Basketballer morgens mit einem Firmenfahrrad zur Arbeit, das Angebot der Firmenleitung, sein Firmenrad zukünftig auf ein E-Bike umzustellen, freut den Mann.

Herr Reus, seit wann stellt Kalkhoff E-Bikes her?

Im April 2007 bauten wir unser erstes E-Bike bzw. Pedelec wie wir es auch nennen. Seitdem ist das E-Bike eines der wichtigsten Segmente mit einem überproportionalen Wachstum.

Was war die ursprüngliche Motivation für die Firma, was ist der Geist von Kalkhoff?

Kalkhoff wurde von einem Postboten ins Leben gerufen. Als Heinrich Kalkhoff feststellte, dass er zwar mit einem Rad sehr viel schneller und leichter seine tägliche Arbeit erledigen konnte, ihm die Räder aber viel zu oft kaputt gingen, entwickelte er schon bald sein eigenes Rad. Er meldete dann sein erstes Radgeschäft an und so ist es kein Wunder, dass wir noch heute sehr viel Wert auf die Haltbarkeit und Qualität unserer Räder legen.

Ähnlich lief es mit den E-Bikes. Jeder Radfahrer stellt sich Herausforderungen, will angenehm und schnell eine gegebene Strecke zurückzulegen. Eine elektronische Unterstützung hilft hier natürlich enorm, ich kann meine gewohnte Strecke schneller zurücklegen - oder die Strecke mit weniger Kraft und Anstrengung in der gleichen Zeit fahren - oder eben mit der ursprünglichen Kraft eine weitere Strecke fahren. Die ersten Versuche eines E-Bikes scheiterten an der Kapazität der Batterien und dem Gewicht. In der Zwischenzeit hat die Entwicklung hier enorme Sprünge gemacht. Das Mehrgewicht eines E-bikes liegt bei Kalkhoff etwa bei 4kg im Vergleich zu einem Modell ohne Getriebe und Batterie. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt eine Unterstützung für ca. 80km zu bekommen.

In Europa sind E-Bikes noch ein ungewohnten Anblick. Welchen Anteil am Verkauf haben die E-Bikes?

Über den Gesamtmarkt gibt es leider keine absoluten Zahlen - wir gehen aber davon aus, dass wir in Europa demnächst ca. 10% E-Bikes verkaufen werden. Unsere Nachbarn in Holland sind da schon ein ganzes Stück weiter - andere Länder wie Italien dafür weit hinterher. Aber gerade hier ist das Potenzial enorm. Städte wie Bozen sperren bereits (gerade in den Wintermonaten) die Innenstadt für den Verkehr. Ein E-Bike macht dann besonders viel Sinn.

An welche Kundengruppen richten Sie sich mit den Elektrorädern?

Das kann nicht eindeutig beantwortet werden, denn wie auch bei den anderen Fahrrädern gibt es hier ein sehr unterschiedliches Käuferverhalten. Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich die Käufer der E-Bikes schon über 30 sind.

Dann haben wir einerseits die große Anzahl der berufstätigen Pendler in den Städten. Alleine in Deutschland fahren über 20 Mio. Menschen weniger als 15km zur Arbeit. Das ist eine ideale Distanz für ein E-Bike - ich gehe fast jede Wette ein, dass der E-Bike Fahrer bei dieser Distanz auch das schnellste Fortbewegungsmittel hat, denn Parkplatzsuche und Stau gehören der Vergangenheit an.

Natürlich sprechen wir aber auch die große Gruppe der älteren Menschen an, die aufgrund der Unterstützung erst wieder so eine Distanz fahren können - auch mit Steigungen, ohne dass man Angst haben muss. Es erweckt ein neues Lebensgefühl, hilft bei der Bewegung ohne dabei die Umwelt zu belasten. Längere Distanzen verlieren ihren Schrecken. Jeder, der sich einmal auf ein E-Bike zur Probefahrt gesetzt hat, kommt mit einem breiten Grinsen zurück.

In zwei Sätzen: Warum sollte man sich ein E-Bike kaufen?

Weil es Sinn und Spaß macht und weil es unkompliziert und leicht zu fahren ist.

Welche Faktoren behindern den Umstieg aus Rad?

Das sind die begrenzenden Faktoren, die auch heute schon das Fortbewegungsmittel Fahrrad eingrenzen. Zum einem das Wetter. Bei starkem Regen Rad zu fahren macht genau so viel Spaß wie bei Regen am Strand zu liegen. Das ist sicher.

Es gibt aber auch weitere Faktoren, die sich sicher in Zukunft verändern werden: Der Ausbau der Radwege in Städten. Die meisten Politiker haben hier ihre Arbeit nicht getan, sie nutzen selbst andere Fortbewegungsmittel. Ein spätes Erwachen ist aber immer noch besser als kein Verständnis.

Was müsste passieren, damit das Fahrradfahren in Deutschland populärer wird?

Radfahren ist populär - es ist mit die beliebteste Sportart und Freizeitbeschäftigung überhaupt. Aber es gab in Deutschland lange Zeit keine Lobby dafür. Daher stellen wir uns immer noch denselben Ängsten wie vor vielen Jahren: Sichere Radwege sind in meinen Augen wohl die größte Herausforderung. Viele Regionen und Städte arbeiten dran, keine Frage. Doch kenne ich keine Schule in Deutschland, an der das Thema "mit dem Rad zur Schule" nicht immer wieder diskutiert wird. Das zieht sich dann quer durch unsere Gesellschaft. Würde es eine eigene Partei für die Sicherheit der Radfahrer geben - ich würde sie wählen.

Welche Visionen für die zukünftige Nutzung des Rades, des E-Bikes würden Sie entwerfen, wenn alles möglich wäre, also ganz unrealistisch gesponnen?

Wie fantastisch wäre es, wenn sich die Batterie bei Nichtbenutzung wieder aufladen würde? Also z.B. beim Bergabrollen lädt ein Generator wieder die Batterie, damit ich beim nächsten Hügel wieder eine Unterstützung erfahre? Natürlich ist dieses Perpetuum mobile heutzutage nicht möglich, doch denke ich, dass schon bald die Leistungsfähigkeit der Generatoren und Batterien das ansatzweise schaffen werden.

Dann bedarf es "nur" noch des Ausbaus der Fahrradwege und die bessere Anbindung der öffentlichen Verkehrsmittel. Für mich nicht verständlich, dass ich in Städten wie München im öffentlichen Nahverkehr kein Fahrrad während der Stoßzeiten transportieren darf.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker