Gotthard Der Pass der Pässe


Wenn es einen Klassiker gibt unter den Alpenpässen, dann ist es der Gotthard. Seit 1830 rollen Räder jedweder Art über die Pass-Straße. Hier hatte selbst Napoleon mal 'ne Schlacht geschlagen. Man sieht's den Pflastersteinen an.
Von Helmut Werb

Den Gotthard-Tunnel kennt jeder, der schon mal vom Bodensee an den Lago Maggiore gefahren ist, ein 16 Kilometer langes, chronisch verstopftes Kanonenrohr, das täglich zigtausende Fahrzeuge von A nach B schießt. Wer sich aber etwas besonderes gönnen will, lässt die Röhre im wahrsten Sinn links liegen und fährt den Pass hoch – ein verkehrstechnischer Anachronismus, ein kleines Abenteuer und ein martialischer Bremsentest (die Testfahrer aller deutscher Autohersteller haben eine Gotthard-Fahrt regelmässig im Programm), aber ein lohnenswerter Abstecher in eine Zeit, in der die Alpenüberquerung noch gestandene Männer – und die entsprechenden Maschinen - erforderte.

Nimm die Natter

Es gibt Fahrtstrecken, die von B nach A schöner sind als umgekehrt (die kalifornische Highway One zum Beispiel ist dramatischer, wenn man sie von Norden nach Süden befährt), und der Gotthard zeigt sich von seiner besonders spektakulären Seite, wenn man von Airolo nach Göschenen klettert. Aber wichtiger als die Fahrtrichtung ist die Voranmeldung. Es gibt nämlich zwei Gotthard Pass-Strassen, die neue, geleckt asphaltiert und durch Tunnels und Galerien vor widrigem, den Touristenstrom nur störenden Steinschlag geschützt, und die alte, zum Teil noch gepflasterte, verwinkelte Landstrasse, die sich wie ein gichtkranke Kreuzotter den Berg hoch- und wieder runter schlängelt. Die moderne Version des Gotthard-Passes hat zwar durchaus ihre Reize - die Szenerie ist prächtig und bei klarer Sicht kann man die Dreitausender zählen.

Kurze Öffnungszeiten

Aber die wirkliche Schönheit – und die geradezu unglaubliche Ingenieur-Leistung der Schweizer Straßenbauer, die vor über 170 Jahren die Strasse durch den Berg sägten – zeigt sich auf dem alten Pass, der nur wenige Tage im Jahr für den öffentlichen Verkehr geöffnet ist, da selbst ein kurzer Regenschauer die Pflastersteine (ja, das gibt’s noch!) der alten Strasse in eine alpine Rodelbahn verwandelt. Trotzdem, mit ein wenig Vorausplanung – und einem Anruf beim freundlichen Autoclub-Mitarbeiter – ist die Fahrt ein historisches Erlebnis. Wie Anno Dazumal lässt man sich die Knochen durchrütteln und stellt sich vor, unter dem Kopfsteinpflaster liege die Alpenreduite, jenes legendenumwobene, unterirdische Bunkersystem, das im Zweiten Weltkrieg gebaut wurde und das die Alpen durchziehen soll und der Sage nach bis an den Genfer See reicht. Man passiert die Schöllenenschlucht, die früher mal die aus Holz gebaute und an Ketten abgehängte Teufelsbrücke überspannte, und schaudert am Urner Loch, an dem vor langer Zeit die russisch-östereichisch Armee vergeblich versuchte, Napoleon zu stoppen.

Die Tremola besorgt den Rest

Auf über 2000 Meter, auf dem Hochplateau, treffen sich beide Strasse, die alte und die neue am Hospiz am See, einem recht netten, wenn auch schlichten und meist von Touristen überlaufenen Gasthaus (mit Übernachtung, für den, der's mag) mit eingebautem Museum, das den Besuch hauptsächlich deshalb lohnt, weil man nachher sagen kann, man wäre dort gewesen. Wer von Göschenen aus in Richtung Italien fährt – und noch Mumm genug in den Knochen hat – sollte bei Airolo die Autobahn vermeiden und die Landstrasse, die Tremola, weiter nach Süden nehmen. Die alte Strasse führt parallel zur Autobahn und Schiene über malerische Bergdörfer wie Altanca, Quinto, Osco und Mairengo bis hinunter nach Bellinzona.

Mit etwas Glück steckt der Kollege noch im Tunnel-Stau.


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