Joachim "Strietzel" Stuck "In der Krise muß man den Hintern bewegen"


Ein Bildband zeigt die Rennfahrerdynastie der Stucks. Mit stern.de spricht "Strietzel" Stuck über Karriereknicks, Lieblingsautos und mieses Verhalten im Straßenverkehr.

Zwei Könige in einer Familie: in Herrschaftshäusern normal, in Rennfahrerdynastien etwas Besonderes. Hans Stuck, der Bergkönig und Fahrer der Silberpfeile und sein Sohn Hans - Joachim "Strietzel" Stuck, der König von Hockenheim, vereinigen 90 Jahre Motorsportgeschichte. Eckard Schimpfs Buchportrait über die Stucks gibt einen sehr persönlichen Einblick in den Rennsport. Mit stern.de spricht "Strietzel" Stuck über Karriereknicks, Lieblingsautos und mieses Verhalten im Straßenverkehr.

Herr Stuck, wie verlief Ihre Rennsaison bisher?

Relativ traurig, es gab auf dem Nürburgring einen tödlichen Unfall und wir mussten auch noch Autos wegen Reifenschäden zurückziehen. Aber so ein Unfall kommt leider Gottes im Rennsportgeschehen immer wieder vor.

Hatten Sie jemals im Laufe ihrer Rennsportkarierre selbst Angst vor dem Tod?

Zum Glück immer nur hinterher. Wenn ich schon vor dem Rennen Angst gezeigt hätte, wäre ich ein Sicherheitsrisiko gewesen. Dann hätte ich meinen Beruf grundsätzlich überdenken müssen. Als ich in der Formel Eins gefahren bin, war der Sport noch lange nicht so sicher wie heute. Es gab immer wieder tödliche Unfälle. Wenn ich die verbrannten Leitplanken und Zäune gesehen hatte, habe ich öfters gedacht: "Gott sei Dank hat es mich nicht erwischt!".

Kennen Sie Panik während des Rennens?

Für Panik bleibt absolut keine Zeit. Im Rennen saust man häufig an einem Beinahunfall vorbei, da muss dann die Reaktion sofort einsetzen. Für Angstgefühle am Steuer bleibt keine Zeit.

Sie gab in Ihrer Karriere oft Situationen, wo Sie ganz unten waren und sind dann doch immer wieder ganz vorne mitgefahren. Wann haben Sie am meisten gelernt im Triumph oder in der Niederlage?

Egal wo man steht, man darf nie sein Ziel aus den Augen verlieren. Man muss, auf gut tirolerisch, gerade in einer schlechten Zeit seinen Hintern bewegen. Die meisten Menschen denken, sie lernen aus den Erfolgen. Das ist falsch, gerade in den schlechten Zeiten lernt man. Etwa, wie man sich und seine guten Leistungen in den erfolgreichen Phasen realistisch einschätzen kann. Ein klarer Blick aus sich selbst hilft enorm. Wenn gar nichts mehr ging, hab ich auch mal wieder ganz unten angefangen und bin einen Schritt zurückgegangen. Um dort, wo ich sicher war, wieder Vollgas geben zu können.

Was war entscheidend bei diesen "Höhen und Tiefen" auf den Rennstrecken, Ihr Können oder das Material?

Ich hab mich manchmal mit einem Team oder einem Hersteller verbündet, wo das Material nicht stimmte. Da bin ich in ein Tief gerutscht. Die Kunst ist es, trotzdem nicht aufzugeben. Ich musste extrem hart arbeiten, um mit diesen Bedingungen wieder nach vorne zu kommen.

Hätten Sie, im Rückspiegel betrachtet, irgendetwas anders gemacht?

Hinterher ist man immer schlauer. Aber nach 41 Jahren Motorsport: Ich bedaure nichts! Natürlich hab ich Fehlentscheidungen getroffen, aber letztendlich muss ich das Gesamtergebnis betrachten: Ich existiere noch in einem Stück, werde bald sechzig, bin gesund und habe keine wirklich gefährlichen Unfälle gehabt. Also können meine Entscheidungen nicht vollkommen verkehrt gewesen sein.

Welches war der größte Moment Ihrer Rennsportkarriere?

Der erste Gewinn der 24 Stunden von LeMans 1986. Meine liebste Strecke ist ohne jeden Zweifel der Nürburgring. Und mein liebster Wagen, das war der Porsche 962 mit dem ich 1985 Weltmeister geworden bin.

Sind Sie immer noch ein Fan der Formel Eins?

Ich habe sieben Jahre lang die Formel Eins für den Sky-Channel kommentiert und danach zwei Jahre für BMW. Da ich selbst gefahren bin und die Formel Eins immer noch intensiv verfolge, kann ich mich schon als Formel Eins Fan bezeichnen. In meinem Alter genieße ich die Formel Eins inzwischen am Fernseher. Ich find das ganz toll, mich auf den Sonntagmittag zu freuen, oder, wenn das Rennen in Asien startet, beim Frühstück Formel Eins zu gucken. Das ist spannend und entspannend zugleich.

Sie hatten viele Erfolge in anderen Rennklassen. Ist es nicht schade, dass in den Medien nur die Formel Eins gesendet wird?

Nein. Formel Eins steht für die Spitze des Motorsports und auf dem Podest ganz oben. Darum zeigen die Medien großes Interesse daran. Der Motorsportfan, der auch an anderen Rennklassen interessiert ist, kann sich auf NTV oder auf Sport Eins oder in Rennsportmagazinen orientieren. Es wird im Fernsehen auch nicht jedes Provinzliga Fußballspiel übertragen. Das heißt aber nicht, dass diese Fußballspiele nicht super spannend sein können.

Seit einigen Jahren sind Autos gespickt mit elektronischen Fahrhilfen. Machen die das Autofahren seelenloser, weniger leidenschaftlich?

Auf jeden Fall sind die Fahrhilfen eine gute Erfindung, der Fahrer kann sich beim Rennen mehr aufs Kämpfen konzentrieren. Die Fahrhilfen bedeuten nicht, dass man deshalb kein Gefühl fürs Auto braucht. Man muss diese Fahrhilfen auf einem ganz anderen Level auch einsetzen können. Früher war es unheimlich schwer, im Rennen auf 100 Prozent zu kommen, man ist bei 101 Prozent einfach abgeflogen. Wenn Du heute nur 99,9 Prozent fährst, bist Du nicht schnell genug. Dieser Ritt auf der Rasierklinge ist unheimlich schwierig.

Und bei Serienautos?

Gott sei Dank gibt es dort Fahrhilfen! Viele schwere Unfälle werden verhindert, aber von alleine fährt kein Auto. Die Gefahr, dass jemand sein Können überschätzt und sich zu sehr aufs Auto verlässt, ist mit den Fahrhilfen allerdings enorm groß.

Wenn Sie privat mit dem Auto unterwegs sind, regen Sie sich da ebenso über "Spezialisten" im Straßenverkehr auf, wie wir Normalsterblichen?

Ich fahre im Jahr ca. 100.000 Straßenkilometer. Da lernt etwas über die Welt und die Menschen. Die Leute nehmen alles mit ins Auto, was Ihnen zu Hause oder bei der Arbeit schief gegangen ist. Vom Alkohol ganz zu schweigen. Es gibt Tage, da denk ich wirklich, auf unseren Strassen herrsche Krieg!

Was ärgert Sie am meisten?

Ganz eindeutig: Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr. Leute, die mit 120 auf der Autobahn auf der linken Spur fahren, obwohl rechts alles frei ist, das ärgert mich sehr. Viele Autofahrer sind auch zu unkonzentriert. Handys am Steuer sind ein Teil davon. Telefonieren im Auto geht gar nicht. Da helfen auch Freisprechanlagen nicht, die lenken genauso ab. Das Programmieren von Navigationsgeräten oder das Hantieren mit CDs gehört auch dazu. Selbst rücksichtslose Verhalten ist meistens das Ergebnis von fehlender Konzentration.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Motorsportlich gesehen hab ich schon noch einen Traum. Meine beiden Söhne und ich wollen im nächsten Jahr auf dem Nürburgring bei den 24 Stunden als "Stuck, Stuck, Stuck" antreten. Ein Vater und seine zwei Söhne starten gemeinsam, das wäre einzigartig in der Rennsportgeschichte.

Das Gespräch führte Marina Kramper


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