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LA Design Challenge: Amoklauf der Designer

Muss ein Auto rollen können? Nein. Was passiert, wenn Designer im kreativen Rausch den Sachzwang an der Tür abgeben, sieht man bei der "Design Challenge" der Los Angeles Auto Show.

Endlich frei sein! Frei von allen Zwängen, von bräsigen Kunden, sparsamen Vorständen und pingeligen Technikern - so möchte sich auch einmal der Autodesigner fühlen. Im normalen Produktionsprozess wird um Cent-Beträge gerungen und die Kreativität in ein enges Korsett gebunden. Zwar ist es schön, wenn ein Auto auch über die Straße rollen kann, doch bei Designwettbewerben bleibt man von derlei kleinlichen Ansprüchen verschont. Umso mehr, wenn die kreative Hexenküche in Los Angeles beheimatet ist. In dieser Weltgegend geben die Trickspezialisten der Filmstudios den Ton an. Dort, wo man sich bei Umbauten am menschlichen Körper schon kaum zurückhalten mag, kann man beim Gestalten von Stahl und Carbon richtig in die Vollen gehen.

Wenn wundert es, dass die "Design Challenge" der Los Angeles Auto Show Herz und Phantasie der Autofans stärker entflammt, als es die "produktionsnahen" Studien vermögen, die dem Publikum in Frankfurt gezeigt werden. Bei der "Design Challenge" messen sich ausschließlich die Kreativen im Großraum Los Angeles . Kleiner Nebeneffekt: So wird der Welt gezeigt, dass Kalifornien zu einem Hot-Spot des internationalen Autodesigns geworden ist. Inzwischen hat nämlich fast jeder Hersteller irgendwo an der Westküste ein eigenes Desingstudio.

California Dreamin

Das Thema der diesjährigen "Design Challenge" lautet "Ein Abenteuer in L.A.". Gut zu wissen, dass sich an der sonnigen Grundstimmung der Region seit den Zeiten der Beach Boys nichts geändert hat, das Leben bleibt ein einziger Freizeitpark. Im Regen im Stau stehen kann man schließlich woanders. Die Phantasie wird dabei nicht ausgebremst. Erlaubt ist alles, funktionieren muss nichts. Wen wundert es, dass das Auto von morgen häufig wie ein Space-Spielzeug daher kommt. 1

Beim Träumen taucht das verloren gegangene Unterbewusste aus, das wissen wir seit Freud. Hyundai ist auf deutschen Straßen derzeit noch mit einem Coupé unterwegs, dass nur für ganz abgebrühte Geschmacksbanausen zu ertragen ist. Entsprechend entschlossen legen die Hyundai-Mannen los. Ihr "Greenpeed Gator" tritt im Batman-Dragster-Look auf. Und weil die Kreuzung von martialischem Auftreten und Spielzeug-Anmutung allein nicht reicht, soll das Geschoß mit einer Brennstoffzelle angetrieben werden. Schade eigentlich, denn so schlagen keine Flammen aus dem Auspuff.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Honda goes to Hollywood

Das Team von Honda hingegen scheint in Hollywood zuviel ins Kino gegangen zu sein. Sie zeigen ihre sieben Showcars im Stil Filmplakaten. Darunter befinden sich eine Art Kabinenroller mit sprudelnder Yacuzzi-Füllung und ein Kleinpanzer im Stil der Zwanziger. Der Schrecken alle reisenden Rentner heißt übrigens "Running Bus". Das Cola-Dosen ähnlichen Gefährt wird ökologisch korrekt durch Muskelkraft angetrieben.

Das Advanced Designstudio von Mercedes scheint dagegen immer noch von Mad Max zu träumen. Der "Mojave Runner" wirkt wie für die postatomare Apokalypse geschaffen. Nachtsichtgerät, Sandsturm-Radar und GPS-Ortung sollen das Gefährt auf Kurs halten. Putziger schaut das "Smart Rescue Vehicle" aus. Ein fast klassischer Buggy, der natürlich schwimmen kann. Der Maybach mutiert zum "California Gourmet Tourer". Das verglaste Dreirad könnte man zwar von außen für einem Luxuswagen auf dem Alien-Planeten halten, dabei ist es eine Spezialanfertigung für Leckermäuler, die auch unterwegs nicht auf Küche, Weinregal und Espressomaschine verzichten wollen.

Batman forever

Der Audi Nero variiert das beliebte Batmobil-Thema zum Nightlife-Gefährt in Stromlinie. Vorne grinst der Audi-Grill und dann schwellen endlose Kurven. Zwar macht dieser Wagen für die Insassen sicherlich die Nacht zum Abenteuer, doch vom Design her betrachtet werden von Audi nur alte Hüte aufgebacken. Mit den separat von der Karosserie gehaltenen Hinterrädern scheint der Kia Sidewinder deutlich spannender. Für ungestümen Vorwärtsdrang verabschieden sich die Koreaner vom klassischen Motor, sondern setzen auf die Kraft einer Gasturbine. Auch an störenden Radfahrer und Mopedpiloten wurde gedacht, sie verglühen nach dem Überholmanöver im Feuerkegel.

Humaner gehen die GM Designer die Aufgabe an. Im Stil eines Schneepanzers bietet ihr "PAD" dem Pendler Wohnmobil-Qualitäten. Warum abends nach Hause fahren, wenn man im PAD auch auf dem Firmenparkplatz schlafen kann? Zwar fährt der Dreiachsen noch auf Reifen, wirkt aber wie eine Riesenraupe. Innen drin gibt es natürlich Elektronik und Komfort satt. Das richtige Modell für den Großstadt-Nomaden.

Nur die Kollegen von Mitsubishi haben den Start zum automobilen Amoklauf verschlafen, ihr Roadster-Konzept sieht durchaus straßentauglich aus. Scion, die Toyota-Teenie-Marke, machte es ähnlich und bietet ein ziemlich normales Sportcoupé.

Ob einem in Los Angeles die automobile Zukunft gezeigt wird, darf man bezweifeln. Aber Spaß machen die sinnfreien Modelle schon. Schade nur, dass man sie nicht als Matchbox-Modell erhalten kann.

Gernot Kramper

Wissenscommunity