Motorrad-Kult Black Magic Chrome


Bobby "Mr. Chop" Johnson reitet mit 73 Jahren jeden Tag durchs Gangland von South Central L.A. "Miss Showtime" zähmt ihre Harley und wilde Mustangs. Eine Ausstellung huldigt dem schwarzen Motorradwahnsinn in Los Angeles. Inklusive netter Grußworte von weißen Biker aus der ganz rechten Ecke.
Von Helmut Werb

Ja, wer denkt denn schon an Afro-Amerikaner, wenn von Bikern die Rede ist? Normalerweise kommt einem nicht allzu viel Positives in den Sinn, wenn raue Outlaw-Gangs auf schweren Harleys laut und heftig durch staubige Strassen donnern und brave Bürger erschrecken. Eher assoziiert man überwiegend in schwarzem Leder gekleidete - und meist deutlich übergewichtige - Männer in einem Alter, in dem sich mehr dem Bürgerlichen verpflichtete Mannsbilder mit einem schicken Cabrio und der deutlich jüngeren Geliebten schmücken.

Und da wo gestandene Midlife-Crisler das Logo des Polohemdchens tragen, ziert bei Bikern, die was auf sich halten, gerne mal ein eintätowiertes Hakenkreuz den ehemals muskulösen Oberarm, was die Akzeptanz bei Leuten wie mir nicht gerade einfacher macht. Im "California African American Museum" in Los Angeles öffnete gerade eine Ausstellung die hehren Pforten über die Historie schwarzer Biker-Clubs in den USA, und wer bisher das Vorurteil hegte, dass sich die ethnische Minderheit in den Vereinigten Staaten von George W. entweder in dicken SUVs durch die Innenstädte bewegte oder, auf Grund mangelnden Einkommens, mit dem Bus, der sieht sich getäuscht.

Seit den dreißiger und vierziger Jahren gäbe es schwarze Biker-Clubs schon, so erzählt mir Marian "Miss Showtime" Peterson, eine Dame im oben genannten schwarzen Leder, die Fünfzig schon seit einem Weilchen hinter sich, und posiert mit großer Freude und Stolz vor ihrem Hog, einer Brachial-Harley, die sie eigenhändig aus einem 1959er Modell zusammenschraubte und das heute eines der Mittelpunkte der Ausstellung ist. "Miss Showtime", im Hauptberuf Tina Turner-Impersonator, Ex-Rodeo-Reiter und Schauspielerin, "reitet" seit Mitte der sechziger Jahre, ist Road Captain und einzige Frau bei den "Magnificent Seven", einem Club mit seltsamerweise dreizehn Mitgliedern, und schreibt ganz gerne Gedichte.

Bobby "Mr. Chop" Johnson, ein alter Kumpel von Miss Showtime (im wahrsten Sinne des Wortes, Mr Chop ist 73!), hingegen ist Präsident der "Choppers", einem 250-Mann Verein, hat mit Poesie nicht viel am Hut, dafür aber sieben Hogs im Hof in South Central L.A. und fährt sie alle. Fast jeden Tag. Es ist in der Tat erstaunlich, wie populär "riding" unter der schwarzen Bevölkerung ist in den USA. Als nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr schwarze GIs zur Harley griffen, bildeten sich immer mehr Clubs und die die Ausstellung "Black Chrome" in Los Angeles dokumentiert die Geschichte und die Entwicklung.

Von Bessie Stringfield, die in den dreißiger Jahren die Rassentrennung am Auspuff riechen ließ, als sie in einem Durchmarsch alle 48 Bundesstaaten durchquerte, bis zu Ben Hardy, der das zur Ikone gewordene "Billy Bike" für den Film "Easy Rider" baute. Von den "East Bay Dragons", einem Club, der seinen Ursprung in den Ghettos von Oakland, Kalifornien, hat, bis hin zu den "Buffalo Soldiers", die ihre Mitglieder ausschließlich aus den Reihen erfolgreicher AfroAmerikaner rekrutieren, und deren Gründer Ken "Dream Maker" Thomas (ein hochrangiger Polizist aus Chicago) den Namen des Clubs einem schwarzen Soldatenregiment des amerikanischen Bürgerkriegs widmete.

"Wir respektieren uns", beantwortet Bobby "Mr. Chop" Johnson äußerst knapp meine Frage nach den Parallelen, existierend oder nicht, zu weißen Biker-Gangs, die – nicht nur in den USA – eher zu den Randgruppen weit rechts außen gezählt werden können. Die nicht gerade berühmt sind für ihre Toleranz Minderheiten gegenüber. Es gäbe große Unterschiede, sagt Lorenzo "Rooster" Benton, ein Baum von einem Mann. Wo Hells Angels sich gerne in einem – vorsichtig ausgedrückt – halblegalen Umfeld bewegen, engagieren sich schwarze Biker Clubs lieber in aktiver Sozialhilfe in ihren "neighbourhoods", wie "Roosters" Club, die alljährlich ein Kampagne für Knochenmarktransplantationen fahren.

Da erstaunt dann schon ein wenig, eine Video-Grußbotschaft zur Ausstellung von – ausgerechnet – Sonny Barger zu hören, dem Begründer der berüchtigten Oakland Hells Angels. "Wir bleiben getrennt", bestätigt "Rooster", "aber wir sind uns auch nicht im Weg." Wie viel AfroAmerikaner Biker-Clubs angehören, erklärt auch die "Black Chrome" Ausstellung nicht, nach Meinung von Miss Showtime dürften es einige Hunderttausend sein. Aber die "Black Chrome"-Bikes zeigen, dass der Trend zunimmt – die meisten der Ausstellungstücke sind brandneu. "Die gehen nach der Show wieder ‘on the road’", grinst "Mr. Chop".


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