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Müdigkeitswarner: Für Schnarchnasen

Der Sekundenschlaf zählt zu den häufigsten Unfallursachen im Straßenverkehr. Mercedes baut in die nächste E-Klasse einen Müdigkeitswarner, der das Verhalten des Fahrers ständig überwacht und rechtzeitig Alarm schlagen soll. Ein Selbstversuch.

Von Stéphanie Souron

Wie Discolichter flackern die Autoscheinwerfer in der Dunkelheit. Der Verkehr auf der A 31 ist dicht an diesem Abend. Durch Deutschlands Norden rollen Autokolonnen ins Wochenende, Camping-Karawanen schieben sich in die Ferien, und die Ausläufer des Feierabendverkehrs verstopfen die Piste bei Papenburg. Es ist Freitagabend, 21.40 Uhr, das Hirn ist hellwach. Ständiges Bremsen, Blinken, Überholen - da hat die Müdigkeit keine Chance. Noch nicht. "Das kommt schon noch", sagt Uwe Petersen. "Niemand ist gegen Schläfrigkeit immun." Wir sind seit genau 28 Minuten auf Testfahrt. Ab jetzt darf nicht mehr gesprochen werden. Petersen, 42, feste Stimme, klarer Blick, ist Leiter des Bereichs Bedien- und Wahrnehmungssicherheit bei Mercedes. Er sitzt auf dem Beifahrersitz und beobachtet die bunten Linien auf dem Bildschirm vor ihm. Manchmal drückt er eine Taste, dann erscheint auf dem Monitor mein Gesicht in Großaufnahme.

Ich sitze neben Petersen am Steuer und trage eine Art Bademütze, an der Elektroden befestigt sind. Sie messen während der Fahrt durch die Nacht meine Gehirnströme und registrieren, ob mein Aufmerksamkeits- und mein Sehzentrum noch voll leistungsbereit sind oder nicht. Heißt im Klartext: Mithilfe der Bademütze lässt sich messen, ob ich wach bin oder im Halbschlaf durch die Nacht düse. "So weit sollte es nicht kommen", sagte Petersen vor der Abfahrt. "Da wird der Müdigkeitswarner vorher anschlagen." Seit sechs Jahren arbeiten die Experten von Mercedes an diesem neuen Warnsystem, das von 2009 an serienmäßig in die nächste E-Klasse gebaut wird. Ein Signalton soll den Fahrer ermahnen, eine Pause einzulegen. Und zwar nicht im allgemein empfohlenen Zweistundenrhythmus, sondern dann, wenn es nötig ist. Das kann je nach Tagesform und Uhrzeit erst nach drei Stunden sein - oder bereits nach 60 Minuten. In jedem Fall aber, bevor der Fahrer den Verkehr und sich selbst gefährdet.

Sensor schlägt Alarm bei Übermüdung

Studien zufolge wird jeder vierte schwere Verkehrsunfall in Deutschland durch sogenannten Sekundenschlaf ausgelöst. Übermüdung zählt somit zu den Hauptursachen für Unfälle mit Todesfolge. Mit der heranschleichenden Müdigkeit ändert sich das Fahrverhalten, haben die Untersuchungen von Uwe Petersen und seinem Team ergeben: So sind minimale Lenkradbewegungen auf gerader Strecke ein deutliches Zeichen dafür, dass die Aufmerksamkeit des Fahrers nachlässt. Ein hochempfindlicher Sensor misst diese Abweichungen vom normalen Fahrverhalten - und schlägt Alarm, wenn sie öfter auftreten. "Übermüdete Autofahrer fallen durch eine Folge typischer Lenkradbewegungen auf, die sofort danach wieder korrigiert werden", sagt Petersen. Er schiebt sich ein Stück Espresso-Schokolade in den Mund. Das Aufputschgetränk Red Bull hasst er.

Ich dagegen darf bei dieser Testfahrt weder essen noch trinken. Ich darf gar nichts tun, was mich vor der Müdigkeit am Steuer schützt. Also: kein Radio, keine Cola, kein offenes Fenster und nicht schneller fahren als 130 km/h. Ich muss allein zurechtkommen mit der Monotonie, die sich nun langsam ausbreitet. Es ist 22.10 Uhr, die Autobahn hat sich sichtlich geleert. Wer jetzt noch unterwegs ist, sehnt die Ausfahrt "Heimat" herbei. Am Straßenrand blinken einsam die Leuchtfeuer der Windräder. Kurz vor Westerstede ziehen Nebelschwaden über die Fahrbahn, unweit dahinter nehmen wir die Ausfahrt, um in der Gegenrichtung zurückzufahren. Alle 15 Minuten piept Petersens Computer. Er will wissen, wie ich mich fühle und verlangt von mir, meinen Wachheitszustand einzuschätzen. Die Skala reicht von eins bis neun, von "äußerst wach" bis "äußerst schläfrig". Ich antworte: "Vier." Petersen tippt das ein.

"Attention Assist: Pause!"

Wir sind seit einer Stunde unterwegs, ich fühle mich gut. Wenn das so weitergeht, brauchen wir vor Mitternacht keine Pause einzulegen. Die meisten Unfälle wegen Übermüdung geschehen in der halben Stunde vor der Ankunft am Fahrziel, hat Petersen vor der Abfahrt gesagt. "Weil jeder sich denkt: Die paar Kilometer kann ich noch fahren. Und dann passiert’s." Er schaut auf die bunten Linien auf dem Monitor, die sich mit jeder Kurve, jeder Unebenheit und jedem Windstoß verändern. Denn damit das Warnsystem nicht bei jeder Lenkbewegung anschlägt, registriert es auch den aktuellen Seitenwind, die Richtungsänderungen und die Fahrbahnunebenheiten. Das alles fließt in die Berechnungen ein. Selbst mein Fahrverhalten hat das System inzwischen analysiert.

Mercedes ist nicht der einzige Autohersteller, der an Warnsystemen gegen das Einschlafen am Steuer arbeitet. Andere Konzerne versuchen durch Kameraaufnahmen der Augen die Müdigkeit rechtzeitig zu erkennen. Ein solches System aber kann bei Brillenträgern und Menschen mit asiatischer Augenform versagen, behauptet Mercedes. Auch Warnsignale, die beim Verlassen der Fahrspur anschlagen, haben Nachteile: Es kann sein, dass sie bei verschmutzter Fahrbahn nicht funktionieren. Wir rollen mittlerweile seit mehr als einer Stunde über die Autobahn, meine Gedanken sind beim letzten Sommerurlaub. Nur noch wenige andere Autofahrer sind unterwegs. Nach eigenem Empfinden befinde ich mich immer noch auf Stufe vier der Wachheitsskala. Doch kurz vor Leer reißt mich ein Warnton aus den Gedanken, im Tacho leuchtet eine stilisierte Kaffeetasse auf. "Attention Assist: Pause!" steht dort. Ich murmele: "Jetzt schon?" Der Ingenieur schweigt und notiert mein Staunen. Wir fahren weiter. Sollte es kritisch werden, kann Petersen immer noch mit dem zweiten Paar Brems-und Gaspedal zu seinen Füßen eingreifen.

Das Auto weiß es besser

Nach 15 Minuten meldet sich der Warnton wieder und eine weitere Viertelstunde später noch einmal. Diesmal sehe ich es ein: Eine Pause ist nötig, der nächste Parkplatz unser. Es ist 23.15 Uhr, vor gut zwei Stunden sind wir losgefahren. Meine gefühlte Müdigkeit liegt auf der Skala nun bei acht. Auf dem Bewertungsschema steht zu der Stufe: "Schläfrig, kann mich aber mit ein wenig Mühe wach halten". Wahrscheinlich wäre das auch der Zeitpunkt gewesen, an dem ich normalerweise angehalten hätte, um mir die Beine zu vertreten. Ich bin etwas enttäuscht. Wozu der Aufwand? Zwei Wochen später flattert Post ins Haus. Es ist die Auswertung meiner Gehirnströme - die objektive Darstellung meiner Müdigkeit. Sie zeigt: Bereits um 22.36 Uhr, als der erste Warnton kam, war ich zu müde zum Weiterfahren. Ich dachte, ich kenne mich besser als das Auto. Doch das war offenbar ein Fehler.

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