VERKEHRSUNFALL Wer den Schaden hat...


...muss oft lange mit Autoversicherungen streiten. In einer Exklusiv-Studie hat der stern bei Verkehrsanwälten ermittelt, welche Gesellschaften kundenfreundlich sind.

»Wer keinen Druck macht, ist nachher noch der Schuldige«, erzürnt sich Henning Fleischhauer. Ausgerechnet ein Arzt, der die Herrschaft über seinen Wagen verloren hatte, nagelte den Berliner Apothekenhelfer am Abend des 13. November 2001 auf dem Gehweg um und drückte ihn an eine Hauswand. Monatelang bangte das Opfer um sein rechtes Bein. Die Kfz-Versicherung des Unfallgegners ließ die Verletzung kalt. Die Transatlantische aus Hamburg versuchte, das Opfer mit umgerechnet 1.000 Euro abzuspeisen, hatte aber die Rechnung ohne Wolfgang Schrimpf gemacht. Als es dem Verkehrsanwalt zu bunt wurde, erwirkte der Jurist nach seiner Schilderung eine Pfändung gegen das Geschäftskonto der Transatlantischen, die zum Wiesbadener DBV-Konzern gehört. Das half. »Seither läuft die Regulierung wie geschmiert«, freut sich Schrimpf, der inzwischen über ein angemessenes Schmerzensgeld verhandelt.

Solches Gebaren

ist in der Branche nicht unüblich. Selbst wenn die Rechtslage durch Fakten und Zeugenaussagen klar ist, wird - zum Beispiel mit dem Hinweis auf fehlende Polizeiakten - schon mal die Zahlung verschleppt. Auch die Geltendmachung von oftmals ungerechtfertigten Abzügen ist eine gern gewählte Methode, um Kosten zu sparen. Rechtsanwältin Kirsten Stuhlmann: »Sobald ich es mit einer geizigen Versicherung zu tun bekomme, warne ich meine Mandanten gleich vor, dass es wohl etwas dauern wird.«

Stuhlmann, die in Weissach bei Stuttgart praktiziert, ist eine von 264 Anwälten in Deutschland, die im Rahmen einer bislang einmaligen Experten-Studie über ihre langjährigen Erfahrungen mit Autoversicherungen berichtet haben. Die im Auftrag des stern durchgeführte repräsentative Untersuchung wurde vom Institut Hommerich Forschung in Bergisch Gladbach erarbeitet. Dazu sind im Sommer dieses Jahres 1.009 Rechtsanwälte schriftlich befragt worden. »Das sind alles Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltsverein, wo pro Jahr weit über 30.000 Verkehrssachen bearbeitet werden«, sagt der Institutschef und Sozialwissenschaftler Christoph Hommerich.

Den meisten Ärger gibt es der Studie zufolge, wenn es um die Höhe der Entschädigung geht: Für Mietwagen, Gutachter oder Schmerzensgeld. Typisch ist auch der Vorwurf, am Unfall mitschuldig zu sein. Oftmals wird behauptet, der geschädigte Autofahrer habe abrupt die Spur gewechselt oder nicht in den Rückspiegel geschaut. Die Thuringia-Versicherung beispielsweise warf einem Unfallopfer sogar vor, es hätte erkennen müssen, dass sein Gegner eine Ampel bei Rot überfuhr. »Als wir das nicht hinnehmen wollten, begann die zuständige Sachbearbeiterin mit mir zu feilschen. Wenigstens fünf Prozent Mitverschulden solle ich akzeptieren«, berichtet Rechtsanwalt Sven-Wulf Schöller aus Erlangen. »Das wäre meinem Mandanten durch den Verlust seines Schadenfreiheitsrabatts aber teuer gekommen«. Am Ende bekam Schöller jeden Cent.

In den Hitlisten

für die Autohaftpflicht und Kaskoversicherung schneiden billige Direktversicherer schlecht ab. Der Fall des Johann Chouteau aus dem saarländischen Püttlingen ist typisch. Als Chouteau am 15. Dezember 2000 von der Autobahn A1 abfahren wollte, kollidierte er mit einem Geisterfahrer, der rückwärts über den Seitenstreifen herangeschossen kam. Sein Wagen wurde vollkommen zerstört, er selbst blieb unverletzt. Obwohl der Fall für die Polizei eindeutig war, stellte sich die Sicher Direct lange Zeit stur. »Meine telefonischen Beschwerden gingen ins Leere. Ständig wurde ich mit einem neuen Sachbearbeiter konfrontiert, der vom Fall Chouteau angeblich keine Ahnung hatte«, ärgert sich Anwalt Werner Schwarz aus Riegelsberg bei Saarbrücken. Erst ein halbes Jahr später zahlte der Direktversicherer einen Teil der geforderten 2.500 Euro.

Der Versicherer,

der bei der stern-Umfrage die schlechtesten Noten bekam, ist inzwischen vom Markt verschwunden. Die Kunden werden heute von der AXA betreut. Schnell hat auch die Zürich Gruppe aufgeräumt und noch im Oktober 2002 ihre Billigtöchter Auto-Direct und Neckura mit der Deutschen Allgemeinen verschmolzen, einem der wenigen Direktanbieter, die in der Umfrage besser abschnitten. Für Hans-Jürgen Gebhardt, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV), ist das schlechte Ergebnis der Direktanbieter keine Überraschung: »Diese Versicherer können nur niedrige Prämien bieten, wenn sie die Kosten, vor allem die Schadenszahlungen, niedrig halten.«

Der Rat,

zur billigsten Versicherung zu wechseln, den viele Verbraucherschützer immer wieder geben, ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Wer umsteigen will, sollte sich lieber an den stern-Hitlisten orientieren. Wie jedes Jahr muss bis zum 30. November 2002 (Einschreiben mit Rückschein) die Kündigung bei der Versicherung eingegangen sein. Am besten beurteilten die Juristen die Arbeit der Allianz Versicherung und der LVM aus Münster (wenngleich Letztere nicht überall Spitze war). »Das spornt uns an«, sagt Allianz-Vorstand Karl-Walter Gutberlet. Und LVM-Vorstand Ulrich Greim-Kuczewski freut sich: »Unsere Bemühung um Kundenorientierung hat offensichtlich Früchte getragen.«

Doch der Gegensatz von Versicherern mit gutem Service und schlechten Billiganbietern stimmt nicht so ganz. Negativ fällt zum Beispiel das Urteil über die Württembergische Versicherung oder die Wiesbadener R+V aus, beides keine Billigheimer. Sie regulieren nach Ansicht der Anwälte besonders kleinlich. Das wirft einen Schatten auf ihr eigentlich lobenswertes Ziel, dem Kunden mit raschem Abwickeln zu helfen. DAV-Vorsitzender Gebhardt: »Viele Versicherer legen es darauf an, die Autofahrer mit schnellem Service billig abzufinden.« Juristische Laien wüssten selten, was ihnen tatsächlich zusteht. Über ihr schlechtes Abschneiden sehr überrascht ist die Versicherungskammer Bayern (Fünftletzter bei der Frage nach »großzügigem« oder »kleinlichem« Regulieren). Die wenigen Fälle, bei denen Anwälte gegen das Unternehmen aktiv würden, seien für die wirkliche Regulierungspraxis nicht repräsentativ, beteuert das Unternehmen. Doch bei den Anwälten scheint offenbar jeder dieser Fälle als besonderes Negativerlebnis hängen geblieben zu sein.

Dass ein

guter Name im Markt nicht von ungefähr kommt, zeigt sich bei der Sparte Rechtsschutzversicherung. Advocard und ADAC-Rechtsschutz sind das Spitzenduo bei der Frage, wer schnell und unkompliziert Deckung in Verkehrssachen gewährt. Wer keine Rechtsschutzversicherung hat, und das ist immerhin jeder zweite Verkehrsteilnehmer, klagt aus Kostengründen selten gegen die Autoversicherung. »Wenn Versicherer merken, dass Schwerverletzte keinen Rechtsschutz haben, wird oft versucht, die Entschädigungssumme zu drücken«, weiß der Saarbrücker Rechtsanwalt Martin Wendt aus Erfahrung.

Es gibt

in dem Segment auch schwarze Schafe. So stellen die befragten Anwälte der Neuen Rechtsschutz, der Aachener und Münchener oder der Rechtsschutz Union ein schlechtes Zeugnis aus. Aus Anwaltssicht sind diese drei in der Deckungszusage nicht besonders schnell. »Je nach Versicherer entpuppt sich der Kunde für uns als Kassen- oder Privatpatient«, spottet Verkehrsanwältin Christiane Ordemann aus Bremen. Obendrein gibt es »mit einigen Assekuranzen regelmäßig Ärger, weil fast jede Anwaltsrechnung gekürzt wird«. Das bremst die Arbeitsfreude manches Juristen - zum Ärger der Geschädigten. Umsatteln kann sich also auszahlen.

Uwe Schmidt-Kasparek


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