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Smart: Bonsai-Benz am Big Apple

Daimler-Chrysler plant, den Smart in den USA anzubieten. Der stern war damit schon mal in New York unterwegs und testete die Reaktionen.

Vor zwei Wochen erwischte es Tony in Alabama. Ein Kunde hatte getankt, wollte die 52 Dollar dafür nicht bezahlen, stieg in seinen Wagen und überrollte auf der Flucht den protestierenden Tankstellenpächter Tony, der auf der Stelle starb. "Pump and run" - stand in den Zeitungen, die derzeit voll sind mit Karikaturen wie dieser: Mann fährt an die Tanke, und der Zapfwart, der aussieht wie ein Kellner, fragt: "Haben Sie reserviert?"

Benzin, Benzin, Benzin. Die Spritpreise sind Thema Nummer eins in Amerika. Das Land ist selten vereint - Republikaner wie Demokraten ächzen parteiübergreifend über teuren Treibstoff. Kürzlich berichtete der Fernsehsender CNN ausführlich über eine Dame namens Beth Cioffi aus Garden City im Staate New York, die sich furchtbar beklagte, dass sie ihren Kindern keine Spielsachen mehr kaufen könne, Kino gestrichen sei und nur noch billiges Essen auf den Tisch komme, weil der Preis für Benzin stramm auf die drei Dollar pro Gallone zugeht und sie für eine Ladung Sprit 64 Dollar hinblättern muss.

Da lacht der Europäer.

Man muss nämlich wissen, dass eine Gallone 3,785 Litern entspricht und dass Frau Cioffi ein panzerähnliches Fahrzeug der Marke GMC fährt. Diese Fortbewegungsmittel heißen Sports Utility Vehicle oder kurz SUV, und die größten von ihnen erinnern an kleinere Eigenheime in Deutschland. Die hervorstechendste Eigenschaft der SUVs ist, dass sie Benzin nicht verbrauchen, sondern vernichten. Weshalb man einerseits die Klagen der US-Bürger nicht richtig ernst nehmen kann und sich andererseits überlegt, ob und wie Amerika noch zu retten ist. Ein ehrgeiziges Projekt.

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An einem Sommertag besteigt man aus diesem Grund den Kleinwagen Smart und begibt sich schnurstracks in die Straßenverkehrshölle von New York City. Es wird eine gefährliche Mission, weil der Smart gleich an der ersten Ampel auf dem West Side Highway einen veritablen Rückstau verursacht: Gaffer, überall Gaffer. Ein SUV-Fahrer beugt sich aus dem Fenster und ruft: "Ist das Ding legal?" Der Smart könnte bequem in seinem Kofferraum parken.

Am Central Park löst das Mini-Auto, das derzeit mit einigen Brüdern in den USA auf Schnuppertour für die Markteinführung 2006 ist, den ersten von diversen Menschenaufläufen aus. Er wird gestreichelt, begrapscht, fast liebkost. Smart müsste man sein. Eine ältere Dame fragt, ob man damit auch auf den Golfplatz dürfe und wo der Elektro-Motor sei. Die Leute ("Gott, ist der niedlich!") stecken ihre Hälse in den Innenraum, und wenn sie erfahren, dass dies kein Golf-Wägelchen ist, sondern eigentlich ein Mercedes, der um die fünf Liter auf hundert Kilometer verbraucht, können sie's kaum fassen und stammeln nur noch was von "German engineering". Fotoapparate klicken. Eine Familie aus Wisconsin lässt sich mit dem Autochen ablichten, als wäre es Tom Cruise oder der Präsident.

Pause in Downtown,

Bier tanken. Bier ist leider immer noch teurer als Benzin. Nach dem Pit-Stop klebt ein Zettel unter der Windschutzscheibe - "Hey, glücklicher Besitzer, ich möchte deinen Wagen kaufen." Die New Yorker drehen sprichwörtlich am Rad. Einer bietet Geld für eine Probefahrt, und eine Brünette zirpt: "Sei ehrlich, fährst du den, um Weiber abzuschleppen?" Also doch: Size matters.

Der Smart und Amerika. Das könnte eine Erfolgsgeschichte werden. Könnte. Gene Mills ist Gitarrenspieler, und er ist skeptisch. Mills hat die Welt gesehen, er kennt den Smart aus Europa. Er sagt: "Glaub's mir, das wird hier nichts." Protest regt sich in der teutonischen Seele. Steigen nicht die Öl- und Spritpreise in den Himmel, ist nicht endlich Zeit zum Umdenken gekommen? Mills muss daher noch einen kleinen Exkurs über Energieverschwendung, Präsident Bushs Umweltpolitik, Treibhauseffekt und Erderwärmung über sich ergehen lassen, Trittin wäre stolz.

Aber dann unterbricht der Gitarrenspieler. "Ja, ja, ja", sagt Mills. "Alles richtig. Aber der Wagen ist falsch konzipiert für dieses Land. In Amerika ist alles größer, stimmt's?" Stimmt. "Das gilt eben auch für unsere Hintern. Wir passen da einfach nicht rein."

Michael Streck / print
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