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VW Golf: Eindrücke eines Hinterbänklers

Alltag im Autohaus: Wie ist das, wenn sich die Deutschen dem neuen VW Golf nähern? stern.de versteckte sich auf der Rückbank und beobachtete.

Drinnen ist es erträglich. Abgeschottet von Gratispizza-Duft, Glücksrad und Hüpfburg. Bei geschlossenen Türen plärrt der Moderator nur halb so laut, wenn er zwei kleinen Mädchen erklärt, dass sie was gewinnen können, wenn sie sich möglichst viele Q-Tipps ins Gesicht stecken. Bei aufgedrehtem Radio geht der Moderator fast unter.

Hier auf dem Rücksitz ist es nett. In dem neuen Auto riecht es nach neuem Auto, und man bekommt wenig mit von dem Familienfest, mit dem das filialenreiche Autohaus Raffay von 9 bis 18 Uhr ein bisschen sein neues Hamburger VW-Zentrums feiert - und vor allem den neuen Golf Nummer 5. Nicht geradeaus fahren, nicht um die Kurve, wie in der merkwürdigen Werbung, sondern einfach hier drin sitzen und abwarten, wer ein- und aussteigt.

Nichts für die steife Hüfte und das zu kurze Bein

"Coastalblue Perleffekt" ist die Farbe des Auto-Klassikers, also ist er blau, und blau findet die alte Dame auf dem Beifahrersitz hübsch. Den Kofferraum hat sie mit Blick auf die nächste Fahrt zur Ostsee bereits inspiziert. Er ist groß genug für Rucksack, Kosmetikkoffer, Bücher und Handtasche. Ihre Tochter auf dem Fahrersitz mag gelb lieber, "Ich will gesehen werden". Außerdem ist der Sitz zu niedrig, das ist nichts für ihre steife Hüfte und ihr zu kurz geratenes linkes Bein.

"Vier Speichen, das wirkt billig"

Ein Zweimetermann muss danach erst mal den Sitz ganz nach hinten fahren. Schulterblick? Klappt. Beim alten Golf hatte er immer den Holm zwischen den Fenstern vorm Gesicht. Seine Frau hat sich gerade den Fingernagel abgebrochen beim Versuch, den Kofferraum zu öffnen - dabei muss man nur das VW-Emblem eindrücken, was Besuchern jeden Alters großen Spaß bereitet. Der Nächste auf dem Sitz vorne links schüttelt schon den Kopf, nachdem er nur das Lenkrad gestreichelt hat. "Vier Speichen, das wirkt billig."

Überfluteter SUV: Mann will sich die Waschanlage sparen - doch das ist keine gute Idee

Beim Aussteigen lässt er die Tür offen, und so dringt die Stimme des Moderators durch, der Kandidaten für ein Luftballonspiel sucht. Ein Herr mit Glatze dreht das Radio lauter, nickt zufrieden und steigt aus. Ein dicker Junge mit Bomberjacke schaltet von Oldie 95 um auf Radio Engergy.

Ran an die Knöpfe

Ein junges Pärchen dreht an allen Knöpfen. Er erkundigt sich, ob man hinten genug Platz habe, sie vermisst einen Getränkehalter und hätte den Innenspiegel lieber in Schwarz statt in Anthrazit. Ein Mann fragt, ob das "mit Navi" sei, ein Kind will wissen, was ein Golf ist, seine Mutter sagt, sie will sich den noch in Rot ansehen.

"Wenn man das mal in Mark rechnet..."

Ein Mann mit Schnurrbart mosert, man könne nirgends mehr schnell fahren bei dem Verkehr heute, "da bringen einem die 105 PS gar nix". Ein ihm unbekannter Weißhaariger entgegnet, er fahre immer angepasst, und die Schweden, "die fahren viel langsamer als die Deutschen". Eine Frau, wohl seine, ruft von draußen: "Ja, die Unfälle bei uns immer im Radio." Die Frau des andern: "Ich schau mir das im Fernsehen schon gar nicht mehr an." Der Weißhaarige muss jetzt gehen, weil seine Frau sagt, dass er dem Walter versprochen habe, beim Tapezieren zu helfen. Die Fahrberichte, sagt er noch, hätten ihn überzeugt, aber 24.220 Euro seien "ganz schön teuer, wenn man das mal in Mark rechnet"

Eines sagen an diesem Tag fast alle: Der Neue sieht aus wie ein Golf. 130.000 Stück will VW noch in diesem Jahr verkaufen, 600.000 im nächsten. Die Gratispizza ist bereits um 15 Uhr alle, der Q-Tipps-Wettbewerb endete unentschieden.

Alexander Kühn
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