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"Die Siedler - Das Erbe der Könige": Hauen statt bauen

Ein Spieleklassiker präsentiert sich in neuem Gewand: "Die Siedler - Das Erbe der Könige" steckt voller Helden, Abenteuer und schöner Grafik - und so gar nicht voll der Elemente, die alte "Siedler"-Fans erwartet haben.

Dario ist ein Held, keine Frage. Ein Blick in seine blitzenden Augen und auf sein glitzerndes Schwert räumt alle Zweifel aus. Und wie bei allen Helden lastet ein schweres Los auf seinen breiten Schultern: Er muss das Land von Räuberbanden und anderen Bösewichten befreien. Den Frieden des "Alten Reiches" wiederherstellen. Seinen eigenen Thronanspruch durchsetzen. Ein magisches Amulett zusammensetzen. Den Sommer herbeirufen. Und - nicht zu vergessen - bei all dem auch noch erkennen lassen, dass er die Hauptfigur in der neuesten Ausgabe des Aufbaustrategie-Klassikers "Die Siedler" ist.

"Die Siedler"? Ging es da bisher nicht hauptsächlich ums... Siedeln? Wer die effektivste, fortschrittlichste Stadt aufbaute, konnte die beste Armee ausrüsten; dann zog man los und gab den Feinden ordentlich was auf die Helme. Ganz ohne Helden. Doch das bewährte Konzept war den Entwicklern des fünften Siedler-Abenteuers "Das Erbe der Könige" offenbar nicht mehr genug. Der eine oder andere Seitenblick muss dabei auch auf den letztjährigen Kassenschlager und Atemräuber "Spellforce" gefallen sein. Kein schlechter Ansporn.

Auch in "Das Erbe der Könige" ist eine funktionierende Siedlung mit vielen fleißigen Minenarbeitern und Handwerkern die Basis eines erfolgreichen Spiels. Und das bunte Mittelalterszenario - eine Rückbesinnung auf die beiden ersten Siedler-Folgen - bietet viel zu entdecken. Doch das Schicksal Darios ist der rote Faden. Das Land leidet unter den Übergriffen von Banditen und den finsteren Horden des korrupten Königs Mordred. Diesen zu besiegen und das Volk zu befreien, ist Darios Ziel, seit er von seiner sterbenden Mutter erfuhr, dass er der rechtmäßige Thronfolger ist. Helfen soll ihm ein geheimnisvolles Amulett, dessen ersten Teil ihm seine Mutter in die Hände legt. Hat es etwas mit der mächtigen Wettermaschine zu tun, von der der geniale, aber äußerst kauzige Wissenschaftler Leonardo ständig schwärmt?

Sechs Helden sollt ihr sein

Doch auch der ambitionierteste Held kann gegen die Übermacht der Bösewichten nicht alleine ins Feld ziehen - von Abenteuer zu Abenteuer trifft Dario auf alte und neue Gefährten, die ihm hilfreich zur Seite stehen: Erec, den Kindheitsfreund, Helias, den weisen Priester, Sprengmeister Pilgrim, Ex-Banditin Ari und den heilkundigen Salim. Mit ihrer Hilfe - und der einen oder anderen Armee - baut Dario Siedlungen auf, wehrt Attacken ab, befreit Entführte, versöhnt Feinde und beendet Belagerungen. In der Felswüste von Evelance kommt es nach 15 Missionen und damit geschätzten 30 Spielstunden letztlich zum großen Kampf gegen Mordred und seinen General Kerberos.

Jeder der Gefährten bringt Spezialfertigkeiten mit, die bei unterschiedlichen Missionen helfen können - sei es Falkensicht, perfekte Tarnung oder eine Ration Extramotivation für die kämpfenden Truppen. Auch hier schießt einem der Gedanke an die "Spellforce"-Helden durch den Kopf. Und ebenso, wie diese immer wieder neu herbeigerufen werden können, verlieren auch Darios Gefährten nie ihr Leben, sondern höchstens das Bewusstsein.

"Duckt euch, Kameraden"

Besonders cool: Erecs Fähigkeit, gleich einen ganzen Trupp von Feinden mit einem souveränen Schwertstreich in den Tod zu befördern. Gut, wenn wenigstens der beste Freund des Helden so ein Draufgänger ist. Darios Fertigkeit, Feinde in die Flucht zu schlagen, damit die Fliehenden dann hinterrücks getötet werden können, wirkt nämlich nicht wirklich heldenhaft.

Die Existenz der Helden verändert das Spiel: Sie müssen sich schon durch die Karte kämpfen, bevor an eine Armee auch nur zu denken ist, kleine Aufgaben erledigen und ohne Harakiri-Aktionen mit der Star-Truppe sind einige Nebenquesten nicht zu bewältigen. Das kann durchaus Spaß machen, überarbeitet das Spielprinzip von "Siedler" aber doch grundlegend.

Wo sind bloß die Wuselwichte?

Bei der Grafik drängt sich der Vergleich mit "Spellforce" ebenfalls auf, die Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen. Mit "Das Erbe der Könige" ist nun auch "Siedler" im 3D-Zeitalter angekommen. Das ermöglicht wunderschöne, detailreiche Gebäude, Landschaften mit Flüssen und Wasserfällen sowie als absoluten Höhepunkt einen Schneefall, von dem man auch in den kommenden Wintermonaten in Deutschland nur träumen kann.

Wer gern beobachtet und kein Aquarium hat, kann eine Siedlerstadt sicherlich als vollwertigen Ersatz nutzen. Zu jeder Produktionsstätte gibt es die entsprechende Geräuschkulisse, und wenn sie etwas auf dem Herzen haben, sprechen die Siedler auch mit dem Spieler. Meistens spricht allerdings der Komiker Oliver Kalkofe, der die Rolle des Mentors übernimmt. Die Hintergrundmusik haben die finnischen Cellorocker von Apocalyptica beigesteuert.

Im gleichen Maß, in dem die Siedler an grafischer Dimension zugenommen haben, haben sie allerdings an Originalität verloren. Die knuffigen kleinen Wichte mit dem Hang zum Bauchansatz wurden einem schlanken Einheitslook geopfert.

Ende eines Mysteriums

Nur eine von vielen Veränderungen: Ebenfalls auf der Opferliste steht ein ans Herz gewachsenes Mysterium der Siedlerwelt: die Träger. Ohne sie ging früher nichts, sie waren die einzige Verbindung zwischen den Produktionsstätten, die sich im aktuellen Spiel erstmals selbst versorgen. Wer wusste, welcher seiner unzähligen Pixel-Lastesel den Fisch zugunsten von Bauarbeiten fallen lassen würde, konnte sich mit einem wissenden Lächeln im Stuhl zurücklehnen. Eine Art Siedler-Nirvana.

Nun hat diese Art Buddhismus ausgespielt - und da wir uns im Mittelalter befinden, landeten auch die zänkischen Götter Jupiter, Horus, Ch’ih-Yu und Q’nqüra, die mit so viel Elan ihre Völker gegeneinander antreten ließen, auf der Vermisstenliste. "Zu viele Völker, zu viel unterschiedliche Orte und Geschichten, kein durchgängiges Konzept", urteilten die Entwickler und räumten kräftig auf.

Die Siedler - Das Erbe der Könige

Hersteller/ Vertrieb

BlueByte/Ubisoft

Genre

Aufbau-Strategie

Plattform

PC

Preis

49,95 Euro; 54,95 Euro für die Collectors Box

Altersfreigabe

ab 6 Jahre

Steuern und besteuern

Die Anzahl der Gebäude wurde auf das Nötigste begrenzt - nun passt eine Mine sich automatisch der Rohstoffquelle an, neben der sie gebaut wird. Schluss mit den tragischen Minuten nachts um drei, wenn man feststellt, dass man das letzte Eisenvorkommen durch den versehentlichen Bau einer Kohlemine verschwendet hat. Zusammengestrichen wurden auch die benötigten Rohstoffe: Holz, Stein, Eisen, Lehm und Schwefel bleiben übrig. Und neuerdings auch Geld. Man braucht es, um die Soldaten zu entlohnen, man nimmt es ein, wenn die Arbeiter brav ihre Steuern zahlen.

Damit das Ganze nicht allzu ausbeuterisch daherkommt, verlangen die Handwerker im Gegenzug Schlaf- und Essgelegenheiten. Je näher diese am Arbeitsplatz liegen, desto kürzer sind die Pausen für die fleißigen Jungs. So ähnlich funktionierte das schon im Wikinger-Aufbauspiel "Cultures - Die Eroberung Vinlands". Bei unseren Siedlern allerdings - die an akutem Frauenmangel leiden - kommt der von "Cultures" bekannte Heirats- und Fortpflanzungsbefehl leider nicht zu neuen Ehren.

Neues Spiel, neues Glück?

All diese Veränderungen verfolgen ein klares Ziel: Die Siedlersucht soll um sich greifen, und auch Neueinsteiger sollen sich im zuletzt immer komplexer geworden Spiel zurechtfinden. Deutlich wird das Interesse an neuen Käufergruppen schon daran, dass im Gegensatz zu den bisherigen Episoden das neue Siedler-Abenteuer im Titel keine fortlaufende römische Ziffer trägt. Der Rollenspiel-Faktor und die hübsche Geschichte sind sicherlich ein guter Ansatz für einen Neustart. "Das Erbe der Könige" in all seinen Facetten ist ein so gelungenes Spiel, dass man die Maus kaum noch aus der Hand legen mag. Doch ob es eine erfolgreiche Siedler-Episode wird, nur weil "Siedler" mit im Titel steht? Ob die Siedler-Schöpfer im heiß umkämpften Strategiespiel-Markt mit ihrem neuesten Streich siegen können, wird wohl auch davon abhängen, ob mehr neue Käufer angesprochen als alte Siedler-Fans verschreckt werden.

Claudia Fudeus
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