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2. Fußball-Bundesliga: Liga in Angst

Heute Abend startet die 2. Fußball-Bundesliga. Es droht ein Hauen und Stechen - aber leider neben dem Platz. Viele Mannschaften werden von linken oder rechten Krawallmachern begleitet.

Von Frank Hellmann

Heribert Bruchhagen, 62, der zu einer Zeit Fußball gespielt hat, von der er selbst nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen besitzt, mag nicht mehr. Am liebsten würde der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt nichts mehr hören und sehen von jenen Personen, die im Umfeld des hessischen Traditionsvereins so viel Unheil anrichten. Ein paar Scharmützel bei einem Testspiel in Bern haben ausgereicht, und der Bundesligaabsteiger hat sein Angebot zurückgezogen, das erste Heimspiel der neuen Zweitliga-Saison am Montag, den 25. Juli, gegen den FC St. Pauli per Public Viewing am Vereinsgelände am Riederwald zu übertragen.

Das wäre auch deshalb dienlich gewesen, weil zu dieser prestigeträchtigen Paarung der ehemaligen Erstligisten nur 14.000 eigene Fans plus Hamburger Anhänger in die Arena im Stadtwald dürfen. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat das verfügt, weil vor allem die Eintracht-Ultras wiederholt aus der Rolle gefahren sind. Die schlimmen Ausschreitungen beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln, als Hunderte den Innenraum stürmten, bildeten nur den unrühmlichen Höhepunkt der Verfehlungen. Jetzt muss der Klub büßen. Rund 500.000 Euro Einnahmeverlust kostet das. Den Imageverlust gar nicht mitgerechnet. "Gewalt ist ein Problem im Fußball. Und Gewalt ist ein Problem in Frankfurt, auch wenn es eine Randerscheinung ist", konstatiert Bruchhagen ganz nüchtern.

Das Problem plagt die Eintracht, einen unter Bruchhagens Führung seriös geführten Verein ohne große Skandale, seit Jahren. Nie war es freilich so schlimm wie in der Saison 2010/2011. Beim letzten Auswärtsspiel in Dortmund, als der Abstieg beim deutschen Meister besiegelt wurde, hängten Frankfurter Anhänger sogar das Plakat auf: "Deutscher Randalemeister 2011". Ein plakatiertes Trauerspiel. "Wir sind selbst unglücklich mit dieser Entwicklung", sagt Klaus Lötzbeier, Bruchhagens Vertrauter und Vorstandsmitglied, "aber wir können uns nicht von den gesellschaftlichen Problemen lösen." Man solle nur schauen, wie gewalttätig junge Menschen sein können. Auch der rechtschaffene Lötzbeier ist ein Funktionär alter Schule. Einer, der sich an alten Grundwerten des Fußballs orientiert und dem neuen Zeitgeist der gewaltbereiten Trittbrettfahrer machtlos gegenübersteht. Immerhin kündigt er an: "Wir werden bei schlechtem Verhalten Vergünstigungen kappen, die bisher in Heimspielen galten."

Häufung der Risikospiele

Wenn an diesem Freitag die Frankfurter gleich im Topspiel der 2. Bundesliga bei der Spvgg Greuther Fürth (20.30 Uhr) antreten, dann hoffen Bruchhagen und Lötzbeier nur, dass Verfehlungen ihrer Mitreisenden ausbleiben. Die Zweite Liga hat Angst vor Eintracht Frankfurt - sportlich, weil kein Klub potenter ausgestattet; organisatorisch, weil es jedes Mal Zoff geben kann. So sucht der Pokalgegner Hallescher FC noch immer nach einer Spielstätte für die Erstrundenbegegnung. Das eigene Stadion in Halle wird umgebaut, in Dessau konnte man für die Sicherheit nicht garantieren, nun winkte auch Nürnberg ab. Ein Possenspiel. "Wir haben nur Absagen bekommen", klagt Halles Präsident Michael Schädlich. Eine Lösung? Nicht in Sicht!

Frankfurt ist in der Zweitligasaison, die an diesem Wochenende beginnt, nicht der einzige Problemverein. Es droht ein Hauen und Stechen jenseits des Platzes. Am Freitag zum Auftakt treffen Energie Cottbus und Aufsteiger Dynamo Dresden aufeinander. Für das brandenburgisch-sächsische Derby gilt die höchste Sicherheitsstufe und rund um das "Stadion der Freundschaft" - für diese Begegnung eine Bezeichnung voller Ironie - der Ausnahmezustand. Polizeisperren, Alkoholverbot, Kontrollen, Überwachung. Fast zwei Millionen soll es kosten, das Spiel abzusichern. Eine Garantie dafür, dass es ruhig bleibt, gibt es trotzdem nicht.

"98 Prozent der Fans sind in Ordnung"

Mit den Aufsteigern Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig und eben Dresden kommt reichlich problematische Klientel in der 2. Liga hinzu. "Mit Blick auf den Spielplan hat man eigentlich an jedem Spieltag ein Risikospiel", sagt der für den DFL-Spielbetrieb zuständige Holger Hieronymus. Der beim DFB noch für den Sicherheitsdienst beauftragte Helmut Spahn spricht von einer "gewissen Brisanz". Gerade bei Dynamo Dresden ist die Fanszene berüchtigt, sollen sich hier doch 500 Krawallmacher befinden, die als gewaltbereit oder Gewalt suchend beschrieben werden. Ultras, Hooligans und Hooltras, die Mixtur aus beidem, sind im Dynamo-Anhang seit längerem im Gefolge. Ihr Gehabe und Getue hat die Vereine der Dritten Liga teilweise in Angst und Schrecken versetzt. Der Traditionsklub tut laut Geschäftsführer Volker Opitz, was er kann, um das Schlimmste zu verhindern. Notfalls sollen keine Fans mehr zu Auswärtsspielen mitreisen. Opitz sagt, dass vor solchen Aktionen "die Jungs Angst haben". Doch auch die Dynamo-Führung fürchtet sich: Muss Dresden beim DFB mehr als 150.000 Euro an Strafen bezahlen - in der vergangenen Saison waren es 51.000 Euro -, dann hat der Vermarkter Sportfive ein vertraglich zugesichertes Ausstiegsrecht.

Nazis in Dresden

Auch Hansa Rostock ist berüchtigt für seine Ultra-Fans. So ging es in den vergangenen Jahren etwa immer hoch her, wenn Rostock auf den Hamburger Kiezclub St. Pauli traf. Für die Ultras beider Seite ist diese Auseinandersetzung Klassenkampf pur. In der Spielzeit 2009/2010 wurden bei dieser Partie mehr als 2000 Polizisten in regelrechte Straßenkämpfe verwickelt. Jetzt haben die Fangruppen einen Ehrenkodex verabschiedet. Hansa-Präsident Bernd Hofmann will mit aller Härte gegen die Radaubrüder vorgehen. Dauerkarten werden nur scheibchenweise herausgegeben - die ersten fünf Heimspiele müssen friedlich über die Bühne gehen, sonst gibt es für den Rest auf der Südkurve keine Karten mehr.

Wie Rostock ist auch Dresden nicht gewillt, tatenlos zuzusehen. Torsten Rudolph, Leiter des Fanprojekts bei Dynamo, wirbt in vielen Gespräche um Verständnis, sagt, dass Ausschreitungen durch die Erwartung von Gewalt regelrecht herbeigeredet werden. Viele Anhänger seien durch seine Arbeit mittlerweile bereit zur Diskussion und Debatte. Rudolph weiß aber auch: "Ich kann niemanden umerziehen. Wenn in Sachsen mehr als fünf Prozent der Leute die Nazis wählen, dann stehen auch im Stadion mehr als fünf Prozent, die Nazis wählen."

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