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Chaos Communication Camp 2011: Hack the Planet!

Aus aller Welt sind Computerenthusiasten der Einladung des Chaos Computer Club gefolgt. Es geht um Raketen, Freiheit und Spaß. stern.de hat sich den Hacker im Jahr 2011 angesehen.

Von Sophie Albers, Finowfurt

Hacker. Das Wort hat einen wilden Imagewandel hinter sich: vom verlachten blassen Außenseiter, der Dinge tut, die niemand versteht, und auch nicht verstehen will. Zum Kriminellen, der in Sicherheitssysteme einbricht und wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Zum Mitglied einer trendigen Subkultur, die einen Film mit Angelina Jolie wert ist. Und schließlich zum politischen Popstar, der - zwar immer noch sehr blass, aber auch anerkannt cool - Informationen findet, einordnet und zugänglich macht.

Auf einem alten Militärflughafen in Finowfurt bei Berlin kann man dem Image in diesen Tagen auf den Zahn fühlen. Der Chaos Computer Club (CCC) lädt alle vier Jahre zum Chaos Communication Camp. Aus aller Welt kommen Technikenthusiasten, Hacker und solche, die sich dafür halten, zusammen, um fünf Tage lang gemeinsam zu tüfteln, zu diskutieren und zu feiern. Rund 3500 Menschen sollen es diesmal sein, sagt CCC-Sprecher Frank Rieger.

Löten, hacken, chillen

Das Areal ist riesig und der Anblick des Zeltmeeres beeindruckend. Zwischen ausrangierten Kampfflugzeugen und überwucherten Hangars wird gelötet, programmiert oder auch einfach nur gechillt. Es gibt ein eigenes Camp-Radio, ein großes Zelt, in dem man lernt, wie die Hardware funktioniert, eines, in dem alte Computerspiele gespielt werden können. Für Kinder gibt es ein Bällebad, nebenan backt ein Computer Pfannkuchen, im nächsten Zelt steht ein 3D-Drucker, der Plastikformen gießt. Und am Camp-Eingang wird gerade eine Drohne ausprobiert, die Luftaufnahmen macht. Zur feierlichen Camp-Eröffnung wurden ein eigener Kommunikations-Satellit sowie der bemannte Flug zum Mond angekündigt.

Das sei die eine Seite, sagt Rieger, der sehr entspannt auf einem Elektrofahrrad durchs Camp rollt. "Hacken ist alles: das Verstehen, Beherrschen, Benutzen von Technologie." Aber im CCC gehe es schon immer auch um den Einfluss der Technologien auf die Gesellschaft. "Öffentliche Daten nutzen, private Daten schützen", habe bereits vor 30 Jahren in der "Hackethik" gestanden, so Rieger. Und tatsächlich ist Anonymität ein großes Thema auf dem Zeltplatz.

Hier wird nur bar bezahlt, und kaum einer verrät seinen Namen, geschweige denn Alter oder Herkunft. "Privacy is not a crime", steht auf T-Shirts, "Das unbefugte Betreten der Privatssphäre ist strengstens verboten" auf einem Schild. "Wir trinken nicht nur Bier und spielen Fussball, wir beherrschen die Welt", sagt einer, der sich sogar weigert, die Sonnenbrille abzunehmen. Darüber kann man lächeln. Bis man Jacob Applebaum aus San Francisco trifft.

"Ein magischer Ort"

Applebaum ist ein Popstar unter Hackern, und eine Angstfigur nicht nur für die US-Regierung. Der 28-Jährige verzichtet bei der Einreise in die Heimat mittlerweile auf Computer und Telefone, weil sie ihm eh abgenommen werden. Er ist unter anderem Unterstützer von Wikileaks und der Software Tor. Die verhindert, dass der Standort des Users oder dessen Internet-Gewohnheiten ausgeforscht werden können, was vor allem politischen Aktivisten hilft, die unter Lebensgefahr aus Krisengebieten berichten. Aber auch Normalbürgern, die sich der Gefahr des gläsernen Bürgers und Konsumenten bewusst sind.

"Dieses Camp ist ein magischer Ort", sagt Applebaum. "Hier kommen Menschen zusammen, die großartige Dinge zum Wohlergehen der Menschheit tun. Die die Welt verändert haben und sie verändern werden." Sagt es und verschwindet in einem der Flugzeughangars.

In denen laufen bis spät in die Nacht Vorträge zu allen erdenklichen Themen: von der "Strahlung im Weltall" bis zur "Zukunft des Geldes". Die schwarzen Klappstühle sind voll besetzt. Auf der Bühne steht ein schmaler Mann mit Brille, auf der riesigen Wand hinter ihm läuft ein Video. Und plötzlich wird aus dem unverständlichen Vortragstitel "Decentralized Clustering" ein Bericht darüber, was passiert ist, als in Ägypten während der Revolution das Internet abgeschaltet wurde. Dieser schmale Mann war vor Ort und hat geholfen, auf anderem Wege Verbindungen ins Ausland zu schaffen. Mit Erfolg.

Von WikiLeaks zu OpenLeaks

"Die Online- und Offline-Welt sind nicht getrennt voneinander", sagt Applebaum. Wie zur Bestätigung steht neben ihm der britische Journalist Stephen Grey, der 2003 mittels Hacking die gängige CIA-Prozedur im "Krieg gegen den Terror" entlarvte, Verdächtige in verbündete Länder auszufliegen, wo die Genfer Konventionen nicht ernst genommen werden.

In diesem Augenblick schlurft auch noch Daniel Domscheit-Berg vorbei, ehemals Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Nach dem Zerwürfnis mit Julian Assange ist er nun Mitinitiator von OpenLeaks, einem Projekt, das als "toter Briefkasten" das Ablegen und Weitergeben brisanter Dokumente ermöglichen soll. OpenLeaks sollte im Chaos Communication Camp eigentlich einen fulminanten Start hinlegen. Doch Starkregen setzte den Servern zu, was das Projekt die Fulminanz kostete.

Einen Hangar weiter steht eine etwa drei Meter hohe grüne Rakete. Das ist 'Fairy Dust', das Camp-Maskottchen", sagt ein Junge, auf dessen T-Shirt "Hell Yeah, it’s Rocket Science!" steht. Sie ist das Symbol der Hacker in Douglas Adams Kultromanreihe "Per Anhalter durch die Galaxis". Diese Rakete stehe für die Freiheit, sagt Applebaum. "Wir fliegen ins All, wir leben unsere Träume. Wir wollen mehr, und wir wollen mehr verstehen."

In diesem Sinne sollten eigentlich alle Menschen Hacker sein.

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