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Computeranimation im Film: Digitales Superhelden-Aerobic

Die Filmstars des 21. Jahrhunderts sind keine. Sie tragen Namen wie Peter Nofz und werkeln vor Computerschirmen. Es sind die Spezialeffekte-Macher der Hollywood-Blockbuster. Bei der Stuttgarter Konferenz FMX lassen sie ihre digitalen Puppen tanzen.

Von Jörg Isert

Es sind Szenen, die es nicht auf die DVD von "Spiderman 3" schaffen dürften: Spidey springt von Gebäude zu Gebäude, nimmt ein letztes Mal Schwung, steigt in die Lüfte, höher, noch höher - und stürzt ab. Er schlägt auf der Straße auf, genau vor einem Taxi: Klatsch, das Blut spritzt. Nächste Szene. Spideys riesiger Gegner holt mit der Faust aus, um den Spinnenmann platt zu schlagen. Klatsch, noch mehr Blut spritzt. Vom Comichelden ist nur noch ein roter Fleck übrig.

Zu sehen sind die brachialen Einblicke ins Leben des Comichelden auf der FMX in Stuttgart. Die sogenannten "Gag Shots" ließen sich die Spezialeffekte-Designer von "Spiderman 3" einfallen, wenn sie mal nicht unter Zeitdruck waren.

Die Elite der Effektmagier

Die FMX, die "Internationale Konferenz für Animation, Effekte, Echtzeit und Content", hat sich zu einer Art schwäbischen Berlinale entwickelt. Hier geben sich nicht Schauspieler, sondern die heimlichen Filmstars des 21.Jahrhunderts ein Stelldichein: Die Crème de la Crème der Computeranimatoren. Dass sie die wahre Macht haben in Hollywood, zeigt seit wenigen Tagen das neue Spiderman-Sequel: Da bläst der Bösewicht "Sandman", einer der beeindruckendsten Computertricks der Filmgeschichte, die menschlichen Akteute nur so über den Haufen. Der Auftakt für eine ganze Reihe von Sommer-Filmen, die Computerbilder im Quadrat bieten: "Piraten der Karibik 3", Shrek 3", "Transformers" und wie sie alle heißen.

"Anfangs ging es bei der FMX auch noch um Fernsehgrafiken und ähnliches", erzählt Veranstaltungsmacher Thomas Hägele über die Anfänge der Veranstaltung 1994. Der smarte Professor lehrt die Kunst der digitalen Bilder an Baden-Württembergs Filmakademie. "Inzwischen sind wir sehr breit aufgestellt. Wir haben Veranstaltungsreihen wie das Virtual Humans Forum. Da geht es um virtuelle Charaktere in Filmen, in interaktiven Anwendungen und auch in Online-Phänomenen wie "Second Life" oder "World of Warcraft". Dabei wird auch die Frage gestellt, wie solche neuen Techniken das klassische Filmgeschäft verändern. Tatsache ist: Zunehmend verschwimmen die Grenzen. Videospiel- und Filmbilder ähneln sich immer mehr.

Im Gegensatz zum gerade beendeten Stuttgarter Trickfilmfest, dem weltweit zweitgrößten Festival seiner Art, ist die FMX - Film and Media EXchange -keine Publikumsveranstaltung, sondern eine Fachkonferenz: Eigentlich eine "Ergänzungsveranstaltung", doch das kann man die FMX 2007 nicht mehr nennen. Mehr als 6.000 Besucher aus aller Welt sind zu Gast, die Konferenz ist zur wichtigsten europäischen Tagung der Animations-, Effekte-, und Spiele-Industrie geworden. Etwa 40 Prozent der Gäste kommen aus dem Ausland: aus europäischen Ländern, den Vereinigten Staaten oder Asien. Und so ist die offizielle Sprache seit vergangenem Jahr nicht mehr Deutsch, sondern Englisch.

Spidermans Animateur

Auf Englisch referiert auch Peter Nofz von der Effektefirma Sony Pictures Imageworks. Der Digital Effects Supervisor von "Spiderman 3", passend gekleidet in einem schwarzen Spidey-T-Shirt, ist sichtlich nervös angesichts der 1.000 Zuhörer im Stuttgarter Haus der Wirtschaft. "Wenn ich irgendwo Kameras sehe, höre ich sofort auf zu sprechen", warnt Nofz in beschleunigtem Sprach-Stakkato. Die Mahnung hat einen Grund: Eigentlich will das Filmstudio Columbia noch gar nichts über die spektakuläre Computer Generated Imagery, kurz CGI, verraten. Oder gar zeigen. Denn die Fortsetzung ist in den USA noch nicht einmal angelaufen. Zudem werden die Tricks der großen Sommerfilme normalerweise erst im Frühherbst enthüllt: Auf der Computergraphik-Messe Siggraph in San Diego. Dass Nofz neben den Gag-Shots dann doch eine ganze Reihe von Making-Of-Bildern vorführt, zeigt, welchen weltweiten Stellenwert die FMX inzwischen hat.

"Wir hatten ein Team von 300 Effekte-Mitarbeitern, das an insgesamt 915 Einstellungen gewerkelt hat", erzählt er. Weil Spiderman im neuen Film höher denn je durch die Lüfte schwingt, ist New York in größerem Umfang zu sehen als in den beiden Vorgängern. Für das Imageworks-Team bedeutete das, einen großen Teil der Stadt im Computer nachzubauen. Der Grund ist, dass sich die Achterbahn-ähnlichen Kamerafahrten nicht real umsetzen ließen.

Fotoorgie für die Oberflächen

"Zunächst zog ein kleines Team für eine Woche los, um etwa 4.000 Fotos von New Yorks Gebäuden zu machen", so Nofz. Die abfotografierten Gebäude-Oberflächen wurden in digitale Häuserrohlinge eingesetzt - ein Verfahren namens "Texture Mapping", das die Computerbilder besonders echt wirken lässt. Nofz: "Wir mussten uns allerdings überlegen, ob wir die Graffitis auf den Häusern mit übernehmen dürfen." Aus rechtlichen Gründen: Graffitis gelten teilweise als eigenständige Kunstwerke. Weshalb die Computeranimatoren sie durch digitale Sprayereien ersetzten.

Und hoch das Bein...

Dann führt Nofz dem amüsierten Publikum den schwarzen Spiderman und seine Comic-Kollegen bei der Superhelden-Gymnastik vor: Die digitalen Geschöpfe bewegen Arme und Beine auf und nieder, immer wieder. So werden die sie vorab auf ihre Beweglichkeit getestet - schließlich müssen sie im Film die unglaublichsten Kunststücke vollbringen. "Ich bin mir sicher: Würde man das als Aerobic-Video für die Kids anbieten, würde es sich bestens verkaufen", meint der Computertrickser.

Die schwarze Version von Spiderman hat zehn Prozent mehr Muskeln als sein rotes Alter Ego, berichtet Nofz weiter. Und: Bei dem digitalen Sand, aus dem der böse Sandman besteht, wurde Sand aus Arizona als Vorlage genommen. "Der war am idealsten für die Umsetzung am Computer." Schließlich zeigt Nofz eine Szene, die es nicht in die Kinos geschafft hat. Da fegt der Sandman als gigantische Staubwolke durch die Häuserschluchten New Yorks. Erinnert zu sehr an 9/11, entschied das Filmstudio und nahm die Sequenz aus dem Film. In der Tat verursachen die Bilder ein ungutes Gefühl. Selbst ein Popcorn-Streifen "Spiderman 3" ist manchmal zu nah am echten Leben.

Ein Veteran wagt sich ans Digitale

Echtes Leben? Regisseur John Boorman sind computeranimierte Filme ein Graus. Er findet sie oft zu künstlich: "Schauen Sie sich ein Film wie 'Shrek' an. Der gilt als Vorbild. Tatsächlich kranken computeranimierte Filme meist an ihrer grellen Beleuchtung und sind zu bunt." Weshalb der Macher von Filmen wie "Excalibur" es besser machen will: Auf der FMX zeigt er erste Ausschnitte seiner digitalen Variante von "Der Zauberer von Oz". Der 74-Jährige weist auf einen interessanten Aspekt hin: Bei rein computeranimierten Streifen wird zunehmend versucht, die Realität eins zu eins nachzuahmen. In "echten" Filmen sorgen die technischen Möglichkeiten dagegen für immer mehr Irrealität - siehe Spiderman. Denn was der in seinem neuen Film an Stunts vollbringt, ist für menschliche Wesen unmöglich.

Menschlicher Natur ist zumindest der letzte digitale "Gag Shot", den Peter Nofz im Gepäck hat: Der computeranimierte Spidey schwingt sich auf ein Hausdach. Er hält inne, öffnet sein Superheldenkostüm auf Hüfthöhe und pinkelt an eine Stelle, in der im fertigen Film - ausgerechnet - die US-Flagge wehen wird. Wenn das Superman wüsste!