HOME
Neon-Logo
Kommentar

20 Jahre "Die Sims": Cheats und Pool ohne Leiter – oder: Was ich von den Sims über das Leben gelernt habe

Unsere Autorin hat mit Videospielen eigentlich so gar nichts am Hut. Doch "Die Sims" hat sogar sie gespielt. Warum das Kultspiel sie nostalgisch macht und ihr sogar gute Noten in der Schule gebracht hat, erzählt sie hier.

Sims Geburtstag Kult

Alles ist möglich: "Die Sims" haben vier Generationen und 75 Erweiterungen erlebt. "Die Sims 2" gab es das erste Mal in 3D.

Wenn ich mich mit anderen 90er-Kids vergleiche, kann ich mich getrost als Dinosaurier bezeichnen – zumindest, wenn es um die Nostalgiethemen geht. Ich hatte nie einen Gameboy, kein Tamagotchi und auch lange keinen eigenen PC. Grund für diesen Zustand war meine Mutter: Sie boykottierte alles, was ihrer Meinung nach keiner braucht (rückblickend kann ich sagen, dass sie Recht hatte – aber das sieht man als 14- bis 16-Jährige ja eher selten so). Dazu gehörten auch Waffeleisen, Sandwichtoaster und vor allem PC-Spiele.

Vier Generationen und 75 Erweiterungen

Aber zum Glück hatte ich Freunde und Freundinnen: Kim war meine Sandwich-Toast-Freundin, bei Tobi konnte man immer heimlich "Sailor Moon" schauen und Katja hatte ein Tamagotchi, dass sie mir auslieh, im Austausch für ein seltenes Diddl-Blatt. Aber eine Freundschaft war unschlagbar: Mona hatte "Die Sims". Zusammen mit ihrer Schwester teilte sie sich einen PC, der im Flur zwischen ihren Zimmern stand und vor dem wir in einem pinken und einem blauen Aufblassessel viel über das Leben lernten.

Das ist jetzt 20 Jahre her. Denn die "Die Sims", die erste wirkliche Lebenssimulation, erschien tatsächlich im Januar 2000. Und wenn es einen Grund gibt, nostalgisch zu werden, dann wohl diesen. Vier Sims-Generationen und 75 Erweiterungen später kann fast jeder Millennial seine ganz persönliche Sims-Geschichte erzählen. Nach "Moorhuhn" oder "Age of Empire" war "Die Sims" etwas ganz Neues, ein Sozialexperiment. Die Lebenssimulation war eine Innovation auf dem Spielemarkt, geschaffen, um auch Gaming-Fremde wie meine Freundin Mona und mich zu faszinieren.

Der Leiter-Trick für ungeliebte Charaktere

Das Spiel vom Hersteller EA und Entwickler Maxis teilte uns in Einrichter und Geschichtenspieler – es war eine Philosophie, stundenlang Häuser einzurichten oder eben Geschichten durchzuspielen, Familien zu gründen oder Karrieren zu starten. Wenn man die riesige Kartonbox vor sich liegen hatte, um bei der Installation die vier CDs nacheinander einzulegen, nur um am Ende festzustellen, dass das Heftchen mit dem Aktivierungscode leider mal wieder verschwunden war oder wohl bei der Person, von der man das Spiel geliehen hatte, liegen geblieben war – das konnte ein Wochenende ruinieren.

Sims Geburtstag

"Die Sims" kam im Februar 2000 auf den Markt. In solche Lebenswelten ist auch unsere Autorin als Teenie eingetaucht.

Während meine Mutter mich vor allem in die Spielesucht abrutschen sah, gab es bei den Sims schon gleichgeschlechtliche Paare und freie Berufswahl für jede gesellschaftliche Gruppe. Obwohl ich zugeben muss, dass mich dieser Fakt damals tatsächlich weniger faszinierte als andere Erlebnisse: So ging meine erste Familie leider in Flammen auf, weil die Mutter noch nicht genug Fähigkeiten hatte, um den Kamin anzuzünden – und ich vergessen hatte, einen Rauchmelder aufzuhängen. Die Eltern wurden vom Sensenmann abgeholt und die Kinder blieben allein zurück. Das Internet riet mir daraufhin, die Kinder einzumauern (im Baumodus froren die Charaktere quasi ein und man konnte einfach eine Mauer um sie ziehen) oder in den Pool zu schicken und die Leiter zu entfernen. Ohne Frage ein sehr sadistischer Zug – zu dessen Entschuldigung ich wohl nur sagen kann, dass ich nicht die einzige war, die diesen "Trick" getestet hat.

Hilfe beim Business-Plan

Aber es waren nicht diese, von Kritikern des Rollenspiels oftmals bemängelten Situationen, die die Sims für mich zu einem Nostalgie-Erlebnis machen. Es waren die Momente, wenn man es endlich schaffte, nach Stunden am Schachbrett oder der Staffelei seine Fähigkeiten so zu verbessern, dass man befördert wurde. Oder sich der Nachbar endlich entschied, nach endlosen Gesprächen nicht nur der beste Freund zu sein, sondern auf ein Date zu gehen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mit Freundinnen voller Aufregung und Erwartung "Sims 2" installierte, um Menschen, die wir bewundernswert fanden, nachzubauen und mit ihnen ein Leben zu gestalten.

Aber die Sims konnten noch mehr, denn sie retteten sogar man Abschlussprojekt in der Schule. In der Wirtschafts-AG der zehnten Klasse gründeten wir die "WunderBar", eine Cocktailbar mit kreativem Kursangebot für Liebhaber von "Sex on the Beach" oder "Planters Punch" oder allem, was man mit 16 Jahren für einen guten Cocktail hält. Zum Abschluss des Schuljahres mussten wir unsere Idee inklusive Business-Plan vor Lehrern und Experten der IHK pitchen. Also bauten wir unsere Bar kurzerhand bei die Sims nach – und konnten die Jury begeistern. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste man dann auch zu schätzen, wie grandios es war, mit Cheats wie "Rosebud" und "move objects on" zumindest in der virtuellen Welt Konto unendlich ausdehnen zu können.

Es wird mal wieder Zeit

Genau diese Mischung ist es wohl, die das Spiel zum Kult gemacht hat: Man kann nächtelang Häuser bauen, Architekt und Einrichter seien. Man kann lernen mit begrenztem Budget umzugehen und sich in Jobs austoben, zu denen man vielleicht nie eine Beziehung hatte (und merkt, wie viel Lebenszeit man auf der Arbeit verbringen kann). Man kann durchschnittlich sein oder ganz aus dem Rahmen fallen, ohne bewertet zu werden.

Und selbst ohne jegliche PC-Spiel-Expertise findet man immer ein Gesprächsthema mit anderen Sims-Fans  – und wenn es nur die Aufregung über die Dudelmusik im Hintergrund ist oder die Frage, ob man im beschleunigten Zeitmodus spielt oder nicht. Oder man kann eben ein Dinosaurier sein: Denn noch heute schicke ich mir mit meiner alten WG-Mitbewohnerin das CD-Pack unserer "Sims 3"-Version per Post hin und her, wenn uns mal wieder die Lust aufs Spielen packt. Es wird wohl wieder mal Zeit dafür.