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Informatikstudium Flirten nach Lehrplan

Die Uni Potsdam bietet im Rahmen des Informatikstudiums einen Flirtkurs an. Um soziopathischen Computerfreaks den Kontakt zum anderen Geschlecht beizubringen? Nicht nur, meint der Kursleiter. Flirtkenntnisse seien auch im Job sehr wichtig.

"Flirten ist nichts weiter als eine Kommunikationsform", sagt Phillip von Senftleben. Der 42-Jährige steht an der Tafel eines gut gefüllten Hörsaales der Universität Potsdam und gibt einen Flirt-Kurs für angehende Informatiker. Nur fünf Prozent der Studenten am Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik sind Frauen, die Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht sind für die 95 Prozent junger Männer rar. Und dann ist da noch dieses Klischee vom nächtelang Cola trinkend vor dem Bildschirm sitzenden, sonst aber schüchternen Computerexperten.

Doch wegen solcher Vorurteile steht das Flirten nicht auf dem Lehrplan. "Es ist eine einmalige Veranstaltung im Rahmen unseres Softskills-Kolloquiums, in dem die Studenten soziale Kompetenz erwerben sollen", erklärt Institutssprecher Hans-Joachim Allgaier. "Das gehört heute zu einer fundierten Berufsausbildung." Etwa 20 Prozent der Lehre beschäftigen sich mit diesem fachfremden Stoff. Die Teilnahme an zwei solcher Kolloquien während des Studiums ist Pflicht. Normalerweise werden Themen wie Business-Etikette, Namens- und Gedächtnistraining oder Zeit- und Stressmanagement vermittelt. "Zum Jahresanfang haben wir mit dem Flirten eben eine lockerere Veranstaltung gewählt", sagt Timm Krohn, der am Institut für die Softskills-Ausbildung zuständig ist.

Dozent Senftleben verweist darauf, dass die Methoden des Flirtens sich auch gut im Geschäftsleben einsetzen ließen, um bei Gesprächspartnern etwas im eigenen Sinne zu erreichen. Er selbst hat dies bereits erfolgreich getan. Seine telefonischen Flirt-Attacken verkauft er bundesweit an unzählige Privatradios. Außerdem gibt er Seminare, diesmal allerdings erstmals an einer Uni.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht dann auch nicht das Geschäftsleben, sondern die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht. Um mit einem attraktiven Menschen ins Gespräch zu kommen, reiche eine irritierende Bemerkung, sagt Senftleben. Es genüge oft schon, nach 15 Uhr mit "Guten Morgen" zu grüßen, dann werde die Frau eine Gegenfrage stellen. "Dann könnt ihr sagen: Ich bin Informatiker, ich habe die ganze Nacht gearbeitet", schlägt er vor und erntet Lacher unter den Studenten. Die Atmosphäre im Hörsaal ist ohnehin locker, schnell widerlegen die angehenden Software-Spezialisten die über sie kursierenden Klischees. Bereitwillig beteiligen sie sich an Senftlebens Vortrag und stellen auch Fragen wie: "Muss man ein Schwein sein, wenn es ums Flirten geht?" Davon freilich rät der Spezialist dringend ab. "Man muss authentisch sein und das Gegenteil eines Schweins", antwortet er. Lügen sei nur in sanfter Form erlaubt, um einen Vorwand zur Kontaktaufnahme zu finden.

Nicht besonders groß ist die Beteiligung bei einer Flirt-Übung mit Blicken, was aber dem geringen Frauenanteil unter der Zuhörerschaft geschuldet ist. Dafür sind die Studenten eifrig dabei, als der Dozent sie auffordert, eine SMS an einen Menschen zu formulieren, an dem man Gefallen gefunden hat. Einfühlend und nicht zu fordernd, aber auch nicht zurückhaltend dürfe diese sein, empfiehlt er. Und "LG" als Abschluss sei verboten. "Das heißt doch, ich gebe mir nicht mal Mühe, einen Gruß drunter zu schreiben", warnt Senftleben.

Wichtig auch für den Beruf

Am Ende verlassen die meisten Studenten zufrieden den Hörsaal. "Die Formulierung von SMS und das Flirten am Telefon - da werde ich sicher mal was probieren", sagt Peter Weigt, der aber gleich darauf verweist, dass er derzeit eine Freundin habe. "Aber ich glaube schon, dass ich manches auch später im Beruf anwenden kann", ergänzt er. Der Frauenmangel im Institut sei im Übrigen kein Problem, darauf weisen mehrere Studenten hin. Denn in der Mensa, der Cafeteria oder an der S-Bahn treffe man auch genügend Studentinnen aus anderen Fächern. "Und bei unseren Partys laden wir eben auch die Juristen ein", sagt Markus Steiner. Das soeben erworbene Wissen könne also schnell angewandt werden.

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Sven Kästner/AP AP

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