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LG G Watch im Test: Das kann Android am Handgelenk (nicht)

Smartwatches sollen den Umgang mit dem Smartphone schneller, einfacher, schlicht besser machen. Aber was bringt eine Computeruhr wirklich? Ein absolut subjektiver Selbstversuch mit der LG G Watch.

Von Timo Brücken

Smartwatches sind der neue heiße Scheiß. Pardon für den Kraftausdruck, aber wenn man in letzter Zeit die einschlägigen Medien gelesen hat, muss man fast zu dem Schluss kommen: Die nächste Technologie-Revolution findet am Handgelenk statt. Intelligente Armbanduhren sollen unseren Alltag angeblich noch bequemer, effizienter, ja schlicht besser machen. Google hat mit Android Wear gerade ein eigenes Smartwach-Betriebssystem vorgestellt, von Apple wird für den Herbst die iWatch erwartet. Höchste Zeit also, den Hype mal persönlich zu testen - anhand der G Watch von LG. Die läuft mit Android Wear und kostet 199 Euro. Also, was kann das Ding?

Schön ist anders

Optisch leider nicht viel. Die LG G Watch ist ein flaches Kunststoffkästchen mit Glasoberseite und Gummiarmband. Weder billig noch besonders edel wirkt sie, einfach nur unscheinbar. "Warum herausstechen, wenn man sich einfügen kann?", steht sinngemäß auf der Website des Herstellers. Kann man so unterschreiben. Oder es ausdrücken wie ein Freund, der die Uhr zum ersten Mal zu Gesicht bekommt: "Was haben die sich denn gedacht? 'Wie bekommen wir ein möglichst unergonomisches Design hin?'" Die G Watch ist nämlich eher kantig als anschmiegsam, das Ziffernblatt zeichnet sich deutlich unter dem Pulloverärmel ab. Wenigstens leicht ist die Uhr, so dass man schon mal vergessen kann, sie am Handgelenk zu haben. Aber gut, es soll ja auf die inneren Werte ankommen.

Ein Kärtchenspiel

Die Benutzeroberfläche von Android Wear besteht aus kleinen Kärtchen, die in verschiedene Richtungen gezogen und gewischt werden können. Nach oben zum Lesen einer Benachrichtigung, nach rechts zum Löschen und nach links für weitere Optionen, zum Beispiel die Antwortfunktion (dazu später mehr). Die LG G Watch wird komplett über das Touch-Display bedient, Knöpfe hat sie keine. Die Steuerung ist ziemlich intuitiv, alles läuft flüssig. Ein kurzes Tippen führt zum Menü mit Schrittzähler, Wecker und Co. Hält man den Finger länger auf dem Display, kann man aus 25 verschiedenen Ziffernblättern wählen, von minimalistischen Zeigern in schwarz-weiß bis zu neonfarbenen Riesenzahlen. Neben austauschbaren Armbändern ist das bisher die einzige Möglichkeit, die Optik der Uhr dem eigenen Geschmack anzupassen. Praktisch: Durch Handauflegen kann ich das Display in den Standby-Modus schalten, drehe ich das Ziffernblatt Richtung Gesicht, wird es automatisch wieder eingeschaltet. Bei all dem An-Aus hält der Akku etwa eineinhalb Tage.

Verlängerung fürs Smartphone

Das größte Versprechen rund um Smartwatches: Sie sollen es überflüssig machen, das Smartphone überhaupt noch in die Hand zu nehmen. Die mobile Nachrichtenzentrale soll aus der Hosentasche ans Handgelenk wandern. Ob das stimmt, will ich mit einem LG Nexus 5 herausfinden. Das Koppeln mit der G Watch klappt jedenfalls auf Anhieb - sobald die Android-Wear-App auf dem Smartphone installiert ist. Ab jetzt landen alle Benachrichtigungen von Facebook, Whatsapp, E-Mail und Co. mit einem kurzen Vibrieren auf dem Display an meinem Arm.

Das ist eine ziemliche Umstellung, ich trage schon seit Jahren keine Armbanduhr mehr, sondern hole eigentlich das Handy raus, wenn ich wissen will, wie spät es ist. Anfangs muss ich mich fast zwingen, das nun nicht mehr zu tun. Aber schon nach kurzer Zeit lese ich lange E-Mails auf dem kleinen Smartwatch-Display und verfolge, was meine Freunde bei Whatsapp schreiben. Vorausgesetzt ich habe das Smartphone auch wirklich in der Tasche. Das Handy auf den Schreibtisch zu legen und in die Küche zu gehen, kann schon mal heißen: Empfang weg. Spätestens nach 15 Metern ist Schluss. Und mit dem Antworten auf Nachrichten ist es auch so eine Sache.

Hallo, Uhr!

Denn auf der G Watch kann nicht tippen. Wie denn auch, bei dem winzigen 1,65-Zoll-Bildschirm mit 280x280 Pixeln? Stattdessen hört die Uhr auf Sprachbefehle. "Ok, Google" weckt sie auf, dann kann man Fragen stellen wie "Wie spät ist es gerade in Bangkok?" oder Anweisung geben wie "SMS an Oma" - die man der Smartwatch dann ebenfalls diktieren muss. Auch gut: "Route zum nächsten Supermarkt" sagen und dann an jeder Ecke auf die Uhr schauen, ob man links oder rechts gehen soll. Die Sprachsteuerung funktioniert gut und ist eigentlich ziemlich praktisch. Solange man sich in den eigenen vier Wänden aufhält. Den Gedanken, auf der Straße oder in der vollen U-Bahn ständig mit meiner Armbanduhr zu sprechen, finde ich nämlich nach wie vor ziemlich befremdlich. Aus dem selben Grund, aus dem sich wohl auch Headsets für Handys nie in der breiten Masse durchsetzen konnten. Was die G Watch angeht, läuft es für mich also mehr aufs Lesen von Nachrichten als aufs Beantworten hinaus.

Also, braucht man das?

Die LG G Watch zu testen, hat durchaus Spaß gemacht. Android Wear ist schick gemacht, das Smartphone einfach mal in der Tasche lassen zu können, hat seinen Reiz. Und für Gesprächsstoff sorgt das neue Gadget am Handgelenk in den ersten Tagen allemal. Aber dem Hype, der gerade um sie gemacht wird, werden Uhren wie die G Watch nicht gerecht. Weil sie das Smartphone schlichtweg nicht ersetzen können, zumindest noch nicht. Um wirklich revolutionär zu sein, müssten sie das aber können.

Eine bloße Benachrichtigungszentrale mit ein paar Zusatzfunktionen wie Schrittzähler oder Navigation zu sein, reicht einfach nicht. Mit ihren jetzigen Fähigkeiten sind Smartwatches leider nicht mehr als nette Gadgets. Nett, aber überflüssig.

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