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Microsoft stellt "Kinect" vor: Totaler Controller-Verlust

Hampeln vor der Konsole – seit der Wii völlig normal. Auf der E3 in Los Angeles zeigt Microsoft mit "Kinect" eine eigene Version der Bewegungssteuerung, Sony wird mit einem weiteren Konzept folgen. Die Ergebnisse sind verblüffend und könnten unseren Umgang mit Technik revolutionieren.

Von Ralf Sander, Los Angeles

Ausholen, der Arm schwingt nach vorne, Ausfallschritt, loslassen und dabei der Kugel mit einer Drehung aus dem Handgelenk noch etwas Effet verleihen. Das runde Geschoss saust über die Bowling-Bahn, knallt leicht rechts der Mitte zwischen die Kegel. Alle fliegen davon. Strike! Umgeworfen von einer völlig leeren Hand. Keine pfundschwere Bowling-Kugel war hier im Spiel. Aber auch kein Konsolen-Controller wurde gerüttelt und geschwungen, kein Knopf gedrückt – obwohl die Szene tatsächlich ein Videospiel beschreibt. "Kinect Sports" ist eines der ersten Games, das für Microsofts neuartige Bewegungssteuerung erscheinen wird. Bisher unter dem Arbeitstitel "Project Natal" bekannt, wurde der offizielle Name im Vorfeld der am Dienstag in Los Angeles beginnenden Videospielmesse Electronic Entertainment Expo (E3) bekannt gegeben: "Kinect", für Microsofts Spielkonsole Xbox 360. Mit Kinect will Microsoft an die Zielgruppe heran, die bisher fröhlich vor Nintendos Wii herumhampelt. Videospieler freuen sich auf neue Spielkonzepte, die ohne klassische Controller auskommen. Und uns allen könnte Kinect einen Vorgeschmack geben, wie wir in Zukunft Technik bedienen werden.

Wir haben immer etwas in der Hand

"Wir wollen dem Menschen den Controller zurückgeben, mit dem er von der Natur ausgestattet wurde: seinen Körper", sagt Chris Lewis, Xbox-Chef für Europa. Seit Jahrzehnten muss der Mensch etwas in die Hand nehmen, um moderne Technik zu dirigieren: Mit Maus und Tastatur beherrschen wir Computer. Gamer schwören auf Konsolen-Controller. Der Fernseher folgt den Infrarotsignalen unserer Fernbedienung. Und auch neuere Bedienkonzepte wie die bewegungssensitive Steuerung von Nintendos Wii und die berührungsempfindlichen Displays von iPad und Smartphones haben eines gemeinsam: Wir drücken auf Knöpfe, schubsen Plastikkästchen herum oder wischen über Glasflächen. Manchmal wippen wir auf dem Wii Balance Board oder springen auf einer Tanzmatte herum. Wir befassen uns nicht nur mit Technik, wir fassen sie an. Bei Microsofts Kinect hingegen gibt es keine physische Verbindung zwischen Mensch und Technik. Das System erkennt den Körper des Menschen, seine Bewegungen, sogar sein Gesicht.

Die Technik von Kinect steckt in einem rund 20 Zentimeter breiten Kästchen, das unter dem Fernseher aufgestellt und per USB-Kabel an die Xbox 360 angeschlossen wird. In Kinect stecken verschiedene Sensoren: Eine Videokamera erfasst die Bewegungen der Spieler. Eine Kombination aus einem Infrarotsender und einem Bildsensor überwacht die Tiefe des Raums und sammelt 3D-Daten. Spezialmikrofone orten Stimmen im Raum und filtern Hintergrundgeräusche heraus. Ein Elektromotor im Fuß kann die Kinect-Einheit schwenken, sodass die Kamera Menschen folgen kann, die sich bewegen. Das ganze System kann Personen voneinander unterscheiden, ihre Position im Raum erkennen – und sogar einzelne Körperteile identifizieren.

Kinect ist nicht das einzige System zur Bewegungssteuerung auf dem Markt. Nintendo ist mit seiner Wii extrem erfolgreich, setzt aber auf ein oder zwei bewegungssensitive Controller, die der Spieler in der Hand halten muss. Sony scannt mit seiner EyeToy-Kamera schon seit Playstation2-Zeiten Bewegungen der Spieler. Diese Erfahrungen werden in "Playstation Move" eingehen, wozu Sony auf der E3 weitere Details bekannt geben will. Bekannt ist hier allerdings bereits: Die Spieler werden Controller in der Hand halten müssen.

Wenig Risiko für den Anfang

Dass die drei großen Hersteller von Spielkonsolen in die Entwicklung von Hardware für Gestensteuerung investieren, zeigt: Hier liegt die Hoffnung auf das Geld. Besonders Microsoft hat diesen Bereich der Gelegenheitsspieler, die sich mit Freunden im Wohnzimmer zum virtuellen Kegeln und Um-die-Wette-Tanzen treffen, bisher sträflich vernachlässigt. Da ist es wenig überraschend, dass von den 15 Titeln, die zum Kinect-Start am 4. November (USA) verfügbar sein werden, vielle wie Kopien von erfolgreichen Wii-Titeln wirken. "Kinect Sports" bietet unter anderem Bowling, Hürdenlauf und Speerwurf. Der Spieler imitiert dabei die entsprechenden Bewegungsabläufe der Sportart. "Kinect Joyride" ist ein Spaß-Autorennen mit wilden Stunteinlagen, das mit einer Art "Lenkrad aus Luft" und Körperbewegungen gesteuert wird. Trotz der grundsätzlichen Ähnlichkeit zu Nintendo-Erfolgen wie "Wii Sports" und "Mario Kart Wii" fällt beim ersten Spielen eines auf: Der Zugang zu den Spielen ist noch einfacher als bei der schon sehr einsteigerfreundlichen Wii. Schon im ersten Durchgang feiert man Erfolge. Xbox-Manager Chris Lewis könnte Recht haben, wenn er sagt: "Es gibt keine Hürde, keine Notwendigkeit mehr, sich mit der Steuerung zu beschäftigen." Weiteres Beispiel: Bei "Kinect Adventures" - einer Art Indiana-Jones-Achterbahnfahrt mit Springen, Bücken und allerhand Verbiegungen des Körpers - kann man einfach einsteigen, indem man von der Couch aufsteht und sich zu den anderen Spielern dazugesellt. Das Game erkennt den neuen Spieler und lässt ihn sofort mitmachen.

Ob Kinect im heimischen Wohnzimmer wirklich funktioniert, ob interessante neue Spielekonzepte entstehen, und ob auch die Hardcore-Gamer, die traditionell bei ihrem Knopf-Joystick-Controllern bleiben, gefallen an dem System finden werden, lässt sich noch nicht abschätzen.

Worum es wirklich geht

Doch Kinect ist viel mehr als eine Spielesteuerung. Darin liegt seine eigentliche Stärke und Bedeutung. Denn Microsofts Entwicklung hat das Potenzial, die Art und Weise zu revolutionieren, wie wir mit Technik interagieren. Scheinbar banale Funktionen wie das Abspielen von Musik, das Navigieren durch Menüs, sogar das Einloggen ist bei Kinect ganz anders. Wenn alles so funktioniert, wie von Microsoft auf seiner E3-Pressekonferenz gezeigt, sitzen wir bald auf dem Sofa und tun Folgendes:

  • Um uns einzuloggen, winken wir kurz – das System erkennt unser Gesicht, wählt unser Profil aus und meldet uns an.
  • Inhalte lassen sich durch gesprochene Befehle aufrufen: "Xbox! Movies!" würde bei einer englischsprachigen Konsole die Filmauswahl öffnen. Das gilt auch für Musik. Befehle wie "Pause" oder "Stopp" unterbrechen oder beenden laufende Songs oder Filme, mit "Play" geht’s weiter oder von vorne los.
  • Mit einfachen Handbewegungen steuert man einen großen weißen Punkt oder eine Hand auf dem Bildschirm, vergleichbar einem Mauszeiger. Hält man den Cursor länger auf einer Stelle, erfolgt die Auswahl. Dieses Prinzip erwies sich im Test als extrem einfach.
  • Was wir bei iPad, iPhone & Co. gerade erst gelernt haben – auf Touchscreens herumzuwischen – passiert bei Kinect in der Luft: Mit einem huldvollen Wedeln blättert man durch Fotos oder Plattencover.

Kurz: Die Technik gehorcht uns wie ein dressierter Hund, der keine Leine mehr benötigt.

Erinnerungen an "Minority Report" werden wach, jenen Film, in dem Tom Cruise mit beiden Händen Projektionen von Daten herumjongliert. Kaum ein Motiv dieser Zukunftsvision aus dem Jahr 2002 hat sich so ins kollektive Popkultur-Gedächtnis gebrannt wie die Gestensteuerung. Mit Kinect scheinen Vision und Realität ein ganzes Stück zusammenzurücken.