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Kinect für Xbox 360: Die bewegende Revolution

Microsoft will das Spielen neu erfinden, in Deutschland startet das große Zappeln: Mit Kinect lassen sich Spiele auf der Konsole Xbox 360 erstmals völlig ohne weitere Hilfsmittel mit Körperbewegungen und Gesten steuern.

Mit der Spielesteuerung Kinect für die Xbox 360 will Microsoft nichts Geringeres als das digitale Spielen revolutionieren. Ab Mittwoch wird die Sensortechnik auch in Deutschland verkauft. Den Startschuss feierte Microsoft am Vorabend mit viel Prominenz, einer rauschenden Party und großer Spielwiese zum Ausprobieren in München. Und die Erwartungen liegen hoch.

In den USA hatte Kinect kurz nach dem Verkaufsstart vor einigen Tagen bereits teilweise für ausverkaufte Regale gesorgt. Die positive Resonanz habe gezeigt, dass viel mehr Potenzial in der Steuerung steckt als ursprünglich angenommen, sagte Microsoft-Manager Oliver Kaltner. "Unsere Prognosen waren bislang viel zu konservativ." Weltweit korrigierte Microsoft inzwischen die Erwartungen und schätzt, bis Weihnachten statt drei nun fünf Millionen Kinect-Systeme zu verkaufen.

Ob Tanzen, Fitness, Sport- oder Actionspiele ­ eine Palette ganz verschiedener Spielegenres soll mit Kinect gesteuert werden. Zum Deutschland-Start sind nach Angaben von Microsoft insgesamt 19 verschiedene Titel verfügbar, darunter "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" von Electronic Arts, das Fitness-Spiel "Your Shape: Fitness Evolved" von Ubisoft oder die virtuellen Kuscheltiere aus "Kinectimals", die aus Microsofts eigenen Game Studios stammen.

Kinect besteht aus einer 3D-Kamera, einem Sensor und der entsprechenden Software. Der Sensor erfasst Bewegungen und Gesten im Raum so genau, dass es anders als bei der Konkurrenz keines zusätzlichen Controllers bedarf. Die Xbox nimmt den Spieler wahr. Wer winkt, aktiviert die angepasste Konsolensteuerung und navigiert wie bei einem Touchscreen mit langsamen Hand- und Wischbewegungen durch Erfolge, Freundeslisten, Videofunktionen und Einstellungen - nur eben, dass es keinen Touchscreen gibt. Wer den Film "Minority Report" kennt, hat in etwa eine grobe Vorstellung, wie das aussieht.

Kinect erfasst den Spieler von Kopf bis Fuß und erstellt anhand eines Scans eine Art virtuelles Skelett, mit dessen Hilfe die Bewegungen von Haupt, Rumpf und Extremitäten verarbeitet und auf den Bildschirm übertragen werden - wenngleich auch mit einer kleinen, aber spürbaren Verzögerung, die solide programmierte Spiele jedoch leicht vergessen machen.

Laut Microsoft ist Kinect sogar in der Lage, einzelne Spieler anhand ihrer Statur voneinander zu unterscheiden und Stimmen zu verarbeiten - etwa, um der Konsole Befehle wie "Xbox - Film starten!" zu geben. Allerdings wird die Sprachfunktion erst zu einem späteren Zeitpunkt durch ein System-Update verfügbar sein.

Das Paket inklusive einer Xbox 360 mit 4 Gigabyte Speicher kostet im Bundle mit dem Spiele-Paket "Kinect Adventures" rund 300 Euro, wer bereits eine Xbox 360 besitzt, zahlt für das Paket knapp 150 Euro.

Mit Militär-Technologie spielen

Mit Kinect sieht sich Microsoft als "Innovationstreiber" der Branche. Das werde auch von den Geschäftspartnern des Unternehmens bestätigt, sagte Kaltner. Wie viel an Technologie von Microsoft in Kinect allerdings wirklich steckt, ist nicht bekannt. Berichten von Technik-Blogs wie etwa "TechCrunch" zufolge soll die zugrundeliegende Technologie von der israelischen Software-Firma PrimeSense stammen und ursprünglich im israelischen Militär entwickelt worden sein. Microsoft will diese Gerüchte nicht bestätigen, dementiert sie allerdings auch nicht.

Mit Kinect hat sich Microsoft Zeit gelassen. Das Unternehmen ist nun das letzte unter den großen Konsolenherstellern, das auf alternative Steuerungssysteme setzt. Seit wenigen Monaten vertreibt Sony seine Bewegungssteuerung "Move" für die Playstation. Vor Jahren hatte Nintendo vorgemacht, wie man mit cleveren Ideen sogar ohne hochgerüstete High-Tech an der Konkurrenz vorbeimarschiert.

Der japanische Spielespezialist hatte mit seiner Konsole Wii in Kombination mit einem bewegungsempfindlichen Controller eine neue Spielegeneration eingeläutet und sich in der Verkaufsstatistik ganz an die Spitze katapultiert. Das gelang vor allem mit neuen Zielgruppen. Neuartige Gelegenheitsspiele für Nintendos Wii haben die Spielekonsole erstmals zu einer Unterhaltungs-Plattform für die ganze Familie gemacht.

Nintendo habe für die gesamte Branche einen sehr wichtigen Job erledigt, sagt Kaltner. Der Rivale habe das Spielen an der Konsole quer durch die Bevölkerung salonfähig gemacht. Während das japanische Traditionshaus derzeit mit entsprechenden Titeln nun auch den Kreis der sogenannten Hardcore-Gamer anzusprechen versucht, sei Microsoft den umgekehrten Weg gegangen.

Spagat zwischen Viel- und Gelegenheitsspielern

Mit der Xbox 360 richtete sich der Softwarekonzern traditionell in erster Linie an die technikbegeisterten Vielspieler. Diese Gruppe ist zwar klein und recht überschaubar, dafür aber auch schnell für aufwendige und teure Spieleproduktionen zu begeistern. Speziell für diese Klientel soll es auch schon ab Frühjahr 2011 erste Hardcore-Spieletitel geben, die sich mit Kinect steuern lassen. Doch am Markt für Gelegenheitsspiele kommt auch Microsoft nicht vorbei. Mit neun Millionen Haushalten in Deutschland sei dieser Markt "wahnsinnig groß", sagt Kaltner. Und die Tendenz zeige steil nach oben.

In Deutschland könnte Microsoft einen Schub für seine Xbox 360 gut gebrauchen. Weltweit wurden bislang 45 Millionen Konsolen abgesetzt. In Deutschland rangiert die Konsole des Unternehmens nach eigenen Angaben derzeit auf dem dritten Platz hinter Sonys Playstation und Nintendos Wii. "Mit Kinect wollen wir die Marktführerschaft in Deutschland erreichen", sagt Kaltner.

Nach vielen Stunden vor der Kamera darf man Kinect durchaus Zukunftsfähigkeit attestierten - auch wenn es immer wieder hier und da hakt, Bewegungen nicht richtig erkannt, User verwechselt und die Handhabe der Konsolenmenüs via normalem Gamepad wesentlich schneller von der Hand geht. Die Empfangsbereitschaft für Sprachkommandos, das Erkennen von Personen anhand ihrer Gesichter und Statur, Videochats und das ganzkörperliche Eintauchen in die virtuellen Welt machen Kinect jedoch zum Erlebnis.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Kinect für die Xbox 360 im Test"

bla/DPA/Teleschau / DPA