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Messe Gamescom eröffnet: Die neuesten Trends bei Videospielen

Auf der Gamescom in Köln versuchen die Videospiele-Hersteller, mit 3D-Optik und Körpersteuerungen Spieler vor die Konsolen zu locken. Doch auch die Branche muss sich bewegen.

Von Ralf Sander

Eine Viertelmillion zappelnde Brillenträger – das wäre der Traum der Videospieleindustrie für die Gamescom. Wenn von Donnerstag bis Sonntag in Köln Europas größte Messe für Computergames öffnet, würde der Bundesverband der interaktiven Unterhaltungssoftware BIU, der die Gamescom ausrichtet, schon gerne die Zahl von 248.000 Besuchern im vergangenen Jahr übertrumpfen. Und die Gamesbranche setzt in diesem Jahr auf die Anziehungskraft neuer Technik: Die beiden großen Themen der Messe sind 3D und Spiele, die mit dem ganzen Körper gesteuert werden. Der perfekte Messebesucher springt, boxt und ficht vor der Konsole oder trägt wenigstens eine 3D-Brille. Am besten aber beides. Den Gamer von den Segnungen der Technik zu überzeugen, ist elementar für die Branche. Denn sie steckt im Umbruch. Um mit den Veränderungen des Marktes klar zu kommen, müssen Microsoft, Electronic Arts, Sony, Nintendo und Co. nicht nur die Spieler dazu kriegen, sich vor der Konsole zu bewegen. Die Spieleschöpfer müssen sich selbst bewegen.

Die Zeit der Riesenumsätze ist vorbei

Das klasssische PC- und Konsolenspiel, das im Fachhandel oder Elektromarkt im Regal steht, ist zwar immer noch der entscheidende Geldbringer der Branche, doch die Zeiten ändern sich. Die riesigen Gewinne der vergangenen Jahre sind Geschichte. Electronic Arts bespielsweise, einer der größten Spieleproduzenten der Welt, schloss eine Reihe von Entwicklerstudios und schaffte dennoch nur knapp die schwarzen Zahlen. Die Wirtschaftberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) hat 2009 einen Rückgang des Branchenumsatzes um 2,4 Prozent festgestellt, das erste Minus seit sieben Jahren. Für dieses Jahr erwartet PwC einen winzigen Anstieg - von 1,8 auf 1,81 Milliarden Euro. "In der Wirtschaftskrise haben sich die Konsumenten mit Ausgaben zurückgehalten", sagte PwC-Analyst Alessandro Pagella gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: "Gleichzeitig wurden weniger Spiele veröffentlicht". Die Hersteller scheuten die Investitionen in millionenschwere Produktionen für Konsolen und PC.

Neue Erfahrungen sollen's richten

Dabei müssen sie etwas tun. Denn die Menschen haben ja nicht aufgehört zu spielen, sie vergnügen sich inzwischen auf anderen digitalen Wegen. Mobile Spiele für Smartphones, einfache Casual Games für Gelegenheitszocker und so genannte Social Games in Netzwerken wie Facebook bespaßen Millionen von Menschen – und klauen ihnen Zeit und unter Umständen auch Geld, die sie nun nicht mehr den traditionellen Spielekonsolen spendieren können.

Technische Wunder sollen die Daddelkisten wieder sexy machen. Microsoft und Sony versprechen mit Kinect und Playstation Move völlig neue Spielerfahrungen, wobei die Grundidee alt ist: Bereits seit fast vier Jahren lässt Nintendo mit seiner Wii-Konsole die Menschen vor dem Fernseher springen, tanzen, bowlen oder fechten - mit großem Erfolg. Immerhin: Die beiden Nachzügler heben das Konzept dank der wesentlich höheren Leistung ihrer Konsolenhardware und modernerer Sensorentechnik, die Bewegungen um dreidimensionalen Raum präzise erkennen kann, auf einen neuen Level. (Mehr zur Technik der Systeme steht in den beiden Kästen.) Verkaufsstart für Playstation Move ist der 15. September. Ein einzelner Move Motion Controller soll knapp 40 Euro kosten, die für viele Spiele ebenfalls benötigte Navigation Controller (mit einem kleinen Joystick) schlägt mit rund 30 Euro zu Buche. Und wer noch keine Eye-Kamera für die PS3 hat, muss die auch noch anschaffen. Bei Microsofts Kinect, das am 10. November für die Xbox 360 erscheint, hat der Spieler gar keine Hardware mehr in der Hand und steuert alles ausschließlich mit dem Körper. Der Preis für die benötigte Kinect-Sensorleiste, die unter den Fernseher gestellt wird, beträgt rund 150 Euro.

Die Spieler vom Sofa herunterzulocken, hat für Microsoft, Sony sowie die Gameshersteller verschiedene Gründe:

  • Die Zielgruppe, die im Kern aus vor allem männlichen Hardcore-Gamern besteht, wird um Gelegenheits- und Partyspieler erweitert, darunter viele Frauen.
  • Durch den Verkauf des neuen Zubehörs wird zusätzliches Geld eingenommen.
  • Neue Funktionen erweitern den Lebenszyklus der Konsolen. Das bedeutet für Sony und Microsoft: mehr Zeit, um die ungeheuren Entwicklungsinvestitionen wieder reinzuholen. Und der Spieler muss nicht schon wieder auf eine neue teure Konsole sparen - wenn er das in Krisenzeiten überhaupt täte.

Die dritte Dimension ist teuer

Sparen müssen werden die meisten Spieler allerdings, wenn sie dem zweiten großen Trend der Gamescom folgen wollen: 3D. Die gesamte Unterhaltungsindustrie will dreidimensionale Bilder auf so vielen Wegen wie möglich in unsere Augen brennen, sei es im Kino, im Fernsehen oder beim Spielen. Besonders Sony ist in diesem Bereich sehr umtriebig, denn das Unternehmen baut auch 3D-fähige Fernseher. Die Playstation 3 ist dank des letzten Softwareupdates bereits in der Lage, die nötigen Signale auszugeben. Microsoft hält sich für Xbox 360 in Sachen 3D noch zurück. Nintendo hingegen bringt 3D nicht auf seine große Konsole Wii, sondern spendiert seinem tragbaren Spielgerät DS die dritte Dimension. Das Außergewöhnliche beim neuen Nintendo 3DS: Um den Tiefeneffekt zu sehen, muss der Spieler keine Brille tragen. Und im Gegensatz zu den Bewegungssteuerungen ist 3D auch bei den PC-Games ein Thema, hier vor allem vorangetrieben vom Grafikhardware-Hersteller Nvidia.

Warum der ganze Aufwand? Um den Spielern neue Erfahrungen zu bieten, sagt die Industrie. Das stimmt auch, Bewegungssteuerung und 3D ermöglichen tatsächlich völlig neue Games oder zumindest interessante Neuerungen für bekannte Spieltypen. Erfahrungen, die "Farmville" & Co. auf Facebook ebensowenig bieten können wie ein noch so gut produziertes Handygame und die Spieler wieder zurück vor die Konsole locken sollen.

So viele Möglichkeiten ...

Die kreativen Köpfe hinter den Spielen müssen allerdings erst lernen, mit den neuen Möglichkeiten der Technik umzugehen. Bahnbrechend Neues sucht man noch vergebens. Microsoft setzt beim ersten Schwung Kinect-Titel zunächst auf Sport-, Party- und leichte Actionspiele. Kurz: Games, deren Grundidee sich auf Nintendos Wii bereits bewährt haben. Dazu kommen zwei neue Titel aus bekannten Spielereihen, die für Körperkontrolle fit gemacht werden: das rasante "Sonic Free Riders" und "Harry Potter and the Deathly Hallows Teil 1", das zu dem gleichnamigen Film erscheinen wird.

Sony hingegegen verfolgt eine andere Strategie: Ein paar Tanz- und Sportspiele haben die Japaner natürlich im Programm, dazu einige speziell auf Move zugeschnittene Games wie die Knastprügelei "The Fight" und ein 3D-Billard-Spiel. Die meisten kommenden Sony-Titel sind allerdings Fortsetzungen bekannter - und von vielen Fans heiß geliebter - Reihen, die um die Bewegungssteuerung und 3D-Ansicht erweitert wurden, auf diese Features aber nicht unbedingt angewiesen sind. Wichtigste Beispiele sind die brachiale Ballerei "Killzone 3" und die spektakulären Autorasereien "Gran Turismo 5" und "Motorstorm Apocalypse". Überhaupt zeigt sich nach den ersten Probespielen , dass das Genre der Rennspiele am meisten von der dritten Dimension zu profitieren scheint. Für die Bewegungssteuerung lässt sich so etwas noch nicht so deutlich sagen. Aber wir üben ja alle noch. Die Hersteller ebenso wie die Spieler.