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Open Office 2.0: Her mit den Billigarbeitern

Kein Zweifel: Word, Excel und Powerpoint sind gute Programme zum Schreiben, Rechnen und Präsentieren. Doch das neue Programmpaket Open Office 2.0 ist genauso gut - kostet aber keinen Cent.

Mit dem einen kann man Briefe schreiben, mit dem anderen auch. Mit dem einen kann man Tabellen erstellen und Grafiken einbauen, mit dem anderen auch. Mit dem einen kann man zeichnen, Aufzählungen machen und Fußnoten einsetzen, Schrift fett, kursiv oder unterstrichen formatieren, Serienbriefe erstellen und Rahmen einfügen. Mit dem anderen auch.

Nicht nur darin gleichen sich die Programme Microsoft Word und Open Office Writer bis ins Detail. Menüs, Knöpfe, Dokumentenansichten: Alles ist bei beiden immer fast gleich. Einzig im Preis unterscheiden sich die beiden Textverarbeitungsprogramme ganz gewaltig. Das eine ist Teil des Bürosoftware-Pakets Microsoft Office, und das kostet im Laden zurzeit 549 Euro (unverbindliche Preisempfehlung). Das andere kann man sich kostenlos aus dem Internet laden (www.de.openoffice.org, etwa 70 Megabyte).

David gegen Goliath

Paradoxerweise ist das teurere der beiden, das von Microsoft nämlich, das weitaus erfolgreichere. Mit einem Marktanteil von geschätzt mindestens 90 Prozent hat der US-Gigant bei Büroanwendungen fast ein Monopol. Seit vielen Jahren schon ist Office Microsofts Garant für die riesigen Gewinne, die den Konzern so mächtig und seinen Gründer Bill Gates so reich gemacht haben.

Open Office hingegen, einst erfunden von einem Lüneburger Gymnasiasten und nunmehr im Besitz des Computerkonzerns Sun Microsystems, kostet nichts, weil es Open-Source-Software ist. So heißen Programme, die sozusagen der Allgemeinheit gehören. Entwickelt wird Open Office, dessen neue Version 2.0 soeben erschienen ist, hauptsächlich in Deutschland: zum einen von vielen freiwilligen Helfern, die aus Idealismus mitmachen, zum anderen von Angestellten der Firma Sun, die nicht nur das kostenlose Open Office anbietet, sondern auch dessen kommerzielle Variante Star Office (kostet etwa 80 Euro). Die hat erweiterte Funktionen, und es gibt eine Support-Hotline, falls das Programm mal Probleme macht. Ansonsten sind Star Office und Open Office weitgehend identisch.

Open Office kann fast alles

Open Office besteht hauptsächlich aus der Textverarbeitung Writer, der Tabellenkalkulation Calc, dem Präsentationsprogramm Impress und dem Zeichenprogramm Draw. Es steht für die Betriebssysteme Windows, Linux und Solaris zur Verfügung (an einer Mac-Version wird gearbeitet) und ist bereits in mehr als 50 Sprachen übersetzt worden.

Sicher, Open Office kann nicht alles, was Microsoft Office kann: Zum Beispiel fehlt ihm ein eingebauter Kalender und ein Mail-Programm. Doch das, was die meisten Nutzer mit einem Office-Paket machen, Briefe schreiben, Examensarbeiten layouten, Geburtstagseinladungen gestalten, Haushaltsbücher führen, geht mit Open Office und Microsoft Office gleich gut. Auch dieser Text ist mit Open Office entstanden. Manche Aufgaben beherrscht Open Office sogar besser als Microsoft Office, fanden Tester der Fachzeitschrift "c't" jüngst heraus. So kann man mit Open Office PDF-Dateien erstellen - mit Microsoft Office nicht. Trotzdem: Im Schatten des mächtigen Microsoft Office führt es noch immer eine Randexistenz.

Es sind die Standards, die Microsoft gesetzt hat, die das Erfolgsgeheimnis des teuren Office ausmachen. Genauer gesagt: das Dateiformat ".doc". Lange Zeit konnte ein mit Microsoft Word erstellter ".doc"-Text auch nur mit Microsoft Word gelesen werden, weil der Hersteller aus dem inneren Aufbau des Dateiformats ein Geheimnis macht. "Für uns bedeutete das einen immensen Programmieraufwand", sagt Open-Office-Entwickler Michael Bemmer. In jahrelanger Arbeit musste sein Team mit der Versuch-und-Irrtum-Methode so lange herumprogrammieren, bis es gelungen war, auch komplizierte Dokumente fehlerfrei aufzukriegen.

Umgekehrt geht das hingegen nach wie vor nicht: Word kriegt keine Open-Office-Dateien auf - zumindest bisher nicht. Doch das neue ".odt"-Speicherformat, das Open Office benutzt, könnte eine große Zukunft haben. ".odt" ist das Ergebnis einer internationalen Übereinkunft großer Softwarefirmen und Open-Source-Entwickler, die in der Standardisierungsorganisation Oasis zusammengeschlossen sind.

Förderung von Open-Office-Standard durch die EU

Geht es nach deren Willen, soll es eines Tages die Dutzenden bestehenden Textformate ".txt", ."sxw", ."wps", ".rtf", ".psw", ".xml", ".wri", ".kyb", ".abw", ".wpd", und wie sie sonst noch alle heißen, ablösen - als eine Art Weltsprache, die jedes Textprogramm versteht, egal von welchem Hersteller. Das begrüßen nicht nur Microsoft-Gegner und Netzaktivisten wie die "Friends of Open Document".

Inzwischen kommen auch aus der Europäischen Union Signale, dass das ".odt"-Format im innerbehördlichen Dokumentenaustausch gefördert werden soll. Der US-Bundesstaat Massachusetts schreibt seinen Behörden sogar verbindlich vor, in Zukunft ".odt" zu benutzen - gut möglich, dass andere Länder diesem Beispiel folgen werden.

Auch IBM und Google setzen auf das ".odt"-Format

Für öffentliche Einrichtungen hätte ein einheitliches Format nämlich den Vorteil, dass sie ihre Software künftig auch bei einem anderen Anbieter kaufen können, ohne Gefahr zu laufen, ältere Dokumente nicht mehr öffnen zu können. Kein Wunder, dass mehrere Hersteller angekündigt haben, künftig ".odt" zu unterstützen: Corel will sein Textverarbeitungsprogramm Word Perfect damit ausrüsten, die kostenfreien Nischenprodukte Abiword und KOffice werden ".odt" beherrschen und die mit Open Office verwandten kommerziellen Programme Star Office und Duden Open Office Suite sowieso. Inzwischen haben auch Unternehmen wie IBM und Google erklärt, zukünftig auf Open Office und das ".odt"-Format zu setzen.

Einzig Microsoft will nicht mitspielen. Für die im kommenden Jahr erscheinende neue Office-Version 12 wird es zwar ein neues Dateiformat geben, aber eben nicht .odt, sondern ein eigenes, von Microsoft entwickeltes. Das werden die Open-Office-Programmierer dann wieder mühsam in ihre Software einbauen müssen.

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Ulf Schönert / print