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Scheibes Kolumne: Zwei Bier beim Pac-Man

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe hat Tränen in den Augen. In seinem Büro stapeln sich die Computerspiele. Er hat aber nur eins im Sinn: Pac-Man und Galaga für den Nintendo DS durchspielen. Beim piepsigen Daddeln werden Erinnerungen an längst vergessene Zeiten wach.

In der Redaktion treffen ständig Spiele zum Testen ein - mal für den PC, mal für die Wii und mal für den Nintendo DS. Nach all den ganzen Jahren ist die eigene Begeisterung aber nicht mehr ganz so hoch, wenn es um die Begutachtung der Neuheiten geht. Im Grunde genommen ist ja alles schon einmal da gewesen. Wenn ich da an früher denke. Die ersten Runden in "Loom", das Monster-Schlachten mit "Eye of the Beholder", der Spaß mit "Popolous" und den "Lemmings", das Städtebauen mit "Sim City" und das verbale Rummachen in "Leisure Suit Larry": Ach ja, da kommen nostalgische Erinnerungen hoch.

Letztens hat es mich wieder gepackt. Da bekomme ich doch von Atari das neue DS-Spielepaket "Namco Museum" zugeschickt. Mit zittrigen Fingern hole ich die weiße Schachtel aus dem Umschlag, da ich bereits seit der Presseankündigung weiß, was mich da erwartet. Viele Klassiker des schon angestaubten Spielhöllen-Maschinen-Zeitalters finden sich auf dem winzigen Speicherchip, der in den Nintendo DS geschoben wird. Und zwei dieser Klassiker sind für mich mit ganz besonderen Erinnerungen verbunden.

Pac-Man in Spanien: Dos cervesas, por favore!

Heute bin ich 40 Jahre alt. Als ich etwa 12 oder 13 war, sind meine Eltern mit mir und einer befreundeten Familie nach Spanien in den Urlaub gefahren. Jeden Tag ging es an den Strand. Das sah dann so aus, dass die Männer sich sofort einen Gartentischa us Plastik ins flache Meer stellten, sich auf Gartenstühlen mitten ins Wasser setzten und dann - klammerten. Das ist ein Kartenspiel, das ich so noch nie so richtig verstanden habe, das sich aber anscheinend rund um die Uhr mit manischer Begeisterung spielen lässt. Wir Kinder konnten dann sehen, was wir mit unserer Zeit anfingen. Ich nutzte die Stunden vor allem zum Schnorcheln und spürte riesigen Kompassquallen nach, die wie gewaltige Unterwasserstädte durch das Mittelmeer kreuzten.

Und ich hatte meinen besonderen Auftritt, wenn bei den beiden Kartenspielern der Durst ausbrach. Dann bekam ich einen Schein spanischer Währung in die Hand gedrückt und wurde in die Ladenparzelle gleich neben den Strand geschickt. Zwei Flaschen Bier sollte ich holen. Auch so kann man als Kind Spanisch lernen: "Dos cervesas, por farvore". In Wirklichkeit bestellte ich sogar zwei kühle Biere, aber das spanische Wort für Kühl habe ich inzwischen wieder vergessen.

Der große Vorteil dieser Botengänge war, dass immer ein paar Münzen übrig blieben. Und die durfte ich in der krachend lauten Spielhalle verdaddeln - freilich erst nach der Abgabe der Bierflaschen. Mir hatte es ein Automat in der dunklen Ecke ganz besonders angetan: Pac-Man. Mit lautem Mäck-Mäck-Mäck-Mäck-Mäck steuerte ich das gelbe Freßgesicht durch die Gänge und fraß die Energiepillen und alle Geister auf. Leider drehten die Geister den Spieß viel zu schnell um und machten mich fertig. So war das Spiel viel zu schnell vorbei und ich musste auf die nächste Bierrunde warten, um wieder punkten zu können. So wurde ich im Spanienurlaub zum Pac-Man-Meister!

Zwei Fünfen auf dem Zeugnis: Galaga

Mit 14 ging es dann nach Amerika. Das war ein toller Trip, der in New Jersey begann und bis nach Florida führte. Mein Problem: Ich hatte Ende der siebten Klasse zwei Fünfen ohne Ausgleich auf dem Konto - in Musik und in Englisch. Ich durfte aber eine Nachprüfung vor dem Rektor machen, um so doch noch in meiner Klasse zu verbleiben. Alle rieten mir dazu, Musik zu machen, aber das Fach habe ich schon immer gehasst. Dann doch lieber Englisch. Da hat man wenigstens noch sein Leben lang etwas davon. Also paukte ich in den USA jeden Tag eine Stunde Vokabeln. Das Ackern machte meine Eltern dann etwas empfänglicher für meine Spielmaschinensucht. Die Nachprüfung habe ich übrigens bestanden.

Wir besuchten in New Jersey immer einen Diner zum Essen, in dem meine amerikanische Kusine arbeitete. Keine Ahnung, wie dieser Diner hieß und was es da zu Essen gab. Im Eingangsbereich stand aber ein Galaga-Automat. Und das war dann auch meine Passion, meine Berufung und mein finanzieller Untergang. Ein Spiel kostete 25 Cents und ich fütterte den Automaten bis zum Anschlag. Das Spiel ist eigentlich ganz simpel. Eine Flotte blauer und gelber Alien-Raumschiffe erscheint auf dem Bildschirm und muss abgeschossen werden. Der Spieler zappelt mit seinem Raumschiff am unteren Bildschirmrand herum und kann nur nach rechts oder links ausweichen, wenn die Aliens ballern oder in Kamikaze-Manier herabstoßen.

Mit einem schrillen PIU-PIU-PIU könnte der Spieler immer nur dann einen neuen Schuss abfeuern, wenn der alte ein Ziel gefunden hatte. Ergo: Schoss man daneben, musste man warten, bis der Schuss den ganzen Bildschirm durchquert hat und ins Aus davonflog. Waren alle Aliens vernichtet, kam sofort eine neue Flotte herbei. Eine echte Sisyphusaufgabe, aber einer muss sie ja erledigen. Rote Fähnchen am Bildschirmrand zeigten an, wie viele Flotten man schon zersiebt hatte.

Mein Problem war: Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Und: Der Knauf zum Bewegen des Raumschiffes hatte seinen Plastikknauf verloren, sodass nur noch eine scharfkantige Schraube aus dem Automaten ragte. Da man sich ja schon mit dem ganzen Körpergewicht auf diese Schraube werfen musste, um einen Schuss auszuweichen, schlug ich mir erst Daumen und Zeigefinger blutig, dann gab es fette Blasen und am Ende packte ich mit dem rohen Fleisch zu. Dass mir die Finger nicht amputiert werden mussten, lag einzig und allein daran, dass wir nach Florida abreisten und es da keine solchen Automaten mehr gab.

Ich könnte nun noch davon erzählen, wie ich mit 15 zusammen mit den Pfadfindern nach Frankreich kam und dort am ersten Tag gleich mein gesamtes Taschengeld für drei Wochen beim "Missile Command" verballerte. Aber dieses Spiel gehört nicht zum "Namco Museum" und so muss diese Geschichte ein anderes Mal erzählt werden.

Carsten Scheibe, Typemania