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Softwareversionen: Google, das Beta-Tier

Die Bezeichnung "Beta" bedeutet bei Software, dass sie noch nicht fertig ist und Fehler hat. Bei Google ist das anders: Viele Anwendungen tragen diesen Hinweis, obwohl sie die Testphase längst hinter sich haben. Warum eigentlich? Einige der "halbfertigen" Produkte kosten sogar Geld.

Von Reiner Mersmann

Laut Wikipedia ist eine Beta-Version die unfertige Version eines Computerprogramms. Weiter heißt es in der Enzyklopädie: "Der Begriff ist nicht exakt definiert, als Faustregel zur Abgrenzung einer Beta-Version von anderen Versionen gilt in der Regel, dass zwar alle wesentlichen Funktionen des Programms implementiert, aber noch nicht vollständig getestet sind und das Programm daher vermutlich noch Fehler enthält."

Nun ist Google dafür bekannt, seine Produkte viel länger im Beta-Stadium zu halten als andere Firmen. Von insgesamt 49 Google-Produkten befinden sich zur Zeit 22 noch im Beta-Stadium - das macht knapp 45 Prozent. Nicht mitgerechnet sind dabei die Entwicklungen in den so genannten Google-Labs, die als Spielwiese für zukünftige Produkte dienen.

Bei einigen Erzeugnissen, wie Chrome, Custom Search oder Google Alerts, ist es durchaus verständlich, dass diese als Beta-Versionen bezeichnet werden. Immerhin fehlt da noch einiges an Features, Komfort oder Sicherheit. Und mit dem Second-Life-Klon Lively hat Google gerade eine Betaversion nach nur vier Monaten mangels Erfolges wieder abgeschaltet.

Doch andere Produkte, bei denen der User das kaum erwartet, sind ebenfalls noch Beta: Google Mail, Orkut oder Google Finance - und das teilweise schon seit Jahren. Das Beta-Zeichen neben einer Google-Anwendung ist keine Seltenheit. Der Nutzer nimmt es inzwischen kaum noch wahr.

Darf man Geld für Beta-Versionen nehmen?

Normalerweise wird die Bezeichnung Beta nur für Software verwendet, die noch nicht vollständig getestet ist oder der noch wichtige Funktionen fehlen. Google-Mail gibt es seit April 2004, Orkut seit Januar des gleichen Jahres. Bei beiden Anwendungen gibt es keine Anzeichen dafür, dass sie instabil laufen. Im Gegenteil, die User scheinen mit ihnen sehr zufrieden zu sein. Google-Mail und Googles Text & Tabellen bieten zudem kostenpflichtige Zusatzangebote an. Wie verträgt sich das mit dem Begriff Beta, der per Definition ein Programm bezeichnet, das noch unfertig und fehlerbehaftet ist? Gibt es eine andere Firma, die für Software im Beta-Stadium Geld verlangt? Dem Autor ist zumindest keine bekannt.

Welche Kriterien hat Google eigentlich, um eine Anwendung im Beta-Stadium zu halten? Will der Konzern auf der sicheren Seite sein, falls neu implementierte Features nicht wie erwartet funktionieren oder Sicherheitslücken auftreten sollten: "Die Software befindet sich ja noch im Beta-Stadium"? Oder hat Google für sich den Begriff Beta neu definiert? Gegenüber dem amerikanischen Online-Portal Networkworld.com beantwortet ein Google-Sprecher einige dieser Fragen: "Wir haben sehr hohe Ansprüche an unsere Endverbraucher-Produkte, die erfüllt sein müssen, bevor diese das Beta-Stadium verlassen. Unsere Teams arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung unserer Anwendungen. Verbesserungen, die dem Nutzer neue Erlebnisse vermitteln sollen."

"Andere Bedeutung bei Web-Applikationen"

Tatsächlich definiert der Unternehmens-Sprecher für Googles Web-Anwendungen Beta neu: "Wir glauben, dass der Begriff bei Web-Applikationen eine andere Bedeutung hat, weil Benutzer hier eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Produkte erwarten. Bei Web-Produkten muss der User nicht auf die nächste Version oder ein Update warten; Verbesserungen werden sofort nach ihrer Entwicklung umgesetzt." Anders als bei normaler, statischer Software, die per CD oder per Software-Download vertrieben wird, erwarte der User im Web kontinuierliche Updates.

Bedeutet dies nun, dass die Google-Programme, die sich nicht mehr im Beta-Stadium befinden - wie Google Analytics oder Blogger - nicht kontinuierlich verbessert oder weiterentwickelt werden?

Herbe Kritik hat Google sich mit seiner Beta-Politik inzwischen von IT- und Sicherheits-Experten eingehandelt. Sie monieren, dass Google mit seiner Produktpolitik den Begriff der Beta-Version aufweiche. Das Unternehmen deklariere funktionsfähige und ausgereifte Produkte durch diese Bezeichnung als vorläufig. Die Anwender könnten nicht mehr unterscheiden, ob ein Produkt vorläufig oder final sei. Anders als beispielsweise Google-Mail hat der Google-Browser Chrome (im Unternehmens-Jargon beides Beta-Versionen) jedoch tatsächlich noch eklatante Schwächen.

Offenbar ist die vielfältige Kritik bei Google auf fruchtbaren Boden gefallen: Die kürzlich herausgekommene Google App Engine wird nicht mehr als Beta-Version bezeichnet, sondern als "Vorabveröffentlichung".