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Fernseher, Smartphones, Notebooks: Technik wird dank Frauen schön

Graue Kisten auf Kabelsalat: Unterhaltungselektronik ist oft unansehnlich. Doch das ändert sich gerade radikal, den Frauen sei Dank! 

Von Ulf Schönert

LG OLED 77W7P  "Weniger ist mehr": Das ist das diesjährige Motto der LG-Fernseher. Kommen wir zunächst zum Mehr: Freunde großer Bildschirme dürften sich freuen, das Spitzenmodell (W7) gibt es als 65- und 77-Zoll-Variante. Erneut setzt LG auf OLED-Technik, die zwar kein Schnäppchen ist, dafür aber unendliche Kontraste und sattes Schwarz ermöglicht. Außerdem verspricht der Hersteller eine um 25 Prozent gesteigerte Helligkeit im Vergleich zu den OLED-TVs aus dem Jahr 2016. Die neuen LG-Fernseher unterstützen sowohl Active HDR als auch Dolby Vision. Als wäre das nicht schon genug: Auch die neue Soundtechnik Dolby Atmos wird geboten. Mehr, damit ist vermutlich leider auch der Preis gemeint - Details hat LG noch nicht genannt.      Kommen wir nun zum Weniger. Mit 2,57 Millimetern ist der 65-Zöller einer der schlanksten TVs überhaupt. Mit LCD-Fernsehern, wie sie Samsung baut, wäre das unmöglich. Durch eine spezielle Magnethalterung lässt sich der TV wie ein Gemälde an der Wand aufhängen und wird damit praktisch Teil der Wand.

Ein Fernsehr auf sein Wesentliches reduziert: das Bild.  Der Flachbildfernseher LG Signature W7 ist mit 2,57 Millimetern kaum dicker als die Tapete vor der er hängt. 

Jede hinreichend fortschrittliche Technik ist von Magie nicht unterscheidbar, schrieb einst Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Und in der Tat hatte es etwas von Zauberei, als der koreanische Hightech-Hersteller LG Anfang Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas den neuen Flachbildfernseher W7 Signature vorstellte.

Denn das, was man da sah, hatte mit einem TV-Apparat im herkömmlichen Sinn kaum noch etwas gemeinsam. Der W7 hat eine Riesendiagonale von 77 Zoll, also fast zwei Meter. Und ist dennoch fast nicht mehr vorhanden! Wenn er in den kommenden Monaten auf den Markt kommt, wird er der dünnste Fernseher der Welt sein: nur noch 0,257 Zentimeter tief, kaum dicker als die Tapete, auf der er befestigt ist.

Mit dem Ultraflachfernseher von LG ist der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung erreicht, die bereits in den 1950er-Jahren begonnen hatte. Damals mussten TV-Geräte noch schrankgroß sein. Über die Stationen Röhren-TV, Transistor-Gerät und Flatscreen wurden die Gehäuse dann immer kleiner und leichter. Nun sind wir an einem Punkt, an dem praktisch nur noch das reine Bild übrig ist. Sehen Fernseher bald alle so aus? Wie Bilder - oder gar Poster -, die man sich an die Wand hängt?

Design schlägt Leistung

Die Entwicklung des Tapeten-Fernsehers von LG steht beispielhaft für einen Trend in der Unterhaltungselektronik insgesamt: Obwohl sie immer leistungsfähiger geworden ist, sieht Technik heute oft gar nicht mehr aus wie Technik. “Das Design ist minimalistischer geworden, die Unterschiede werden feiner”, meint Timm Lutter vom Branchenverband Bitkom. Andererseits hatten Designer noch nie zuvor so vielfältige Möglichkeiten, elektronische Geräte ansehnlich zu gestalten, sie zu bauen, wie sie nie zuvor gebaut worden sind - oder eben beinahe verschwinden zu lassen.

Möglich machen das immer ausgeklügeltere und flexiblere Bauteile, die in immer kleinere Gehäuse gequetscht werden können. Auch die LG-Techniker bedienten sich gleich mehrerer Kunstgriffe, um das Design-Wunder des Tapeten-Fernsehers möglich zu machen. So lagerten sie wichtige Elektronik-Komponenten und Anschlüsse in das Lautsprechersystem aus, das über ein flaches Kabel mit dem Display verbunden wird. Als Bildschirmtechnologie wählten sie OLED, denn nur damit lassen sich derart dünne Displays bauen. 

Flachbildfernseher von Star-Desigern

Was bei Fernsehern im Trend ist - möglichst materialarm bauen, möglichst wenig von den Geräten zeigen -, ist inzwischen auch bei Handys angesagt. Das Modell Mi Mix des chinesischen Herstellers Xiaomi beispielsweise verzichtet weitgehend auf den Rand um das Display herum. Was man da noch in der Hand hält, ist - abgesehen von einem schmalen Streifen an der unteren Gerätevorderseite - fast nur noch Bildschirm.

Was nicht heißt, dass dem Hersteller das Aussehen des verbliebenen Gehäuses unwichtig wäre. Im Gegenteil: Mit der Gestaltung hat Hersteller Xiaomi den weltweit gefeierten französischen Star-Designer Philippe Starck beauftragt. Der tobte sich dann auch gleich aus und wählte als Material für das Gehäuse nicht das übliche Plastik oder Leichtmetall, sondern Keramik. Anstatt eines Lautsprechers ließ er die Ingenieure einen Metallrahmen einbauen, der in Schwingungen versetzt werden kann und auf diese Weise Töne erzeugt. Auch das spart Platz: für den Bildschirm - und fürs Design.

Dass Top-Leute wie Starck mit chinesischen Billig-Fabrikanten zusammenarbeiten, zeigt, welchen Stellenwert gutes Design inzwischen auch fernab traditioneller Nobel-Marken wie Bang & Olufsen oder Apple hat. Eine vergleichbare Kooperation ging kürzlich der Kamerahersteller Fujifilm ein, der seine trendigen Instax-Sofortbildkameras teilweise vom namhaften Designer Michael Kors entwerfen ließ.

Smartphone oder Notebook: Kunden stehen auf Gold

Andere Elektronikhersteller kooperieren mit Luxusmarken wie Hermès oder Swarovski. Gold, Glitter, Edelsteine: Handys, Tablets und Notebooks im Edelmetalllook sind seit über einem Jahr Verkaufsrenner. Neben schönen Geräten ist Aufmerksamkeit das Ziel solcher Kooperationen: Wahrscheinlich hätte sich niemand für das Mi Mix interessiert, wäre es einfach ein neues Handy in der Flut der ständig neu erscheinenden Android-Modelle.

Doch gerade auf dem Gebiet der Smartphones, bei denen heutzutage im Grunde alle Geräte alles können, suchen die Hersteller nach immer neuen Verkaufsargumenten, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Früher hätten sie vielleicht auf noch mehr Rechenpower, noch mehr Leistung, noch mehr Pixel gesetzt. Inzwischen geht es immer mehr um den optischen Eindruck. 

Der Name eines Mannes steht stellvertretend für diese Denkart: Jonathan Ive. Als der Brite in den 1990er Jahren Designchef von Apple wurde, war die heute wertvollste Marke der Welt noch ein eher unbedeutendes Computerunternehmen mit allerhand wirtschaftlichen Problemen. Doch dann begann Ive, Aussehen und Bedienbarkeit in den Mittelpunkt der Produktentwicklung zu stellen. Heraus kamen spektakuläre Produkte wie der Musikplayer iPod. Zwar gab es schon vor dessen Marktstart im Jahr 2001 in technischer Hinsicht bessere Geräte. Nur: Die sahen nicht so gut aus. Und erwiesen sich gegen die hübsche Konkurrenz aus dem Hause Apple als chancenlos. Einen noch größeren Erfolg schaffte Ive später mit dem Design des iPhones, das anschließend von der gesamten Konkurrenz mehr oder weniger schamlos kopiert wurde.

WAF - oder wie Technik dank Frauen schön wird

Und nicht nur das Design übernahmen die Produktmanager der anderen Unternehmen. Sie hatten gelernt: Aussehen zählt! Und investierten fortan kräftig. In Materialien, Logos, Verpackungen, Benutzeroberflächen. Ein Grund für den Trend zum Schönen, der in der Branche aber meist hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird, ist der “Women Acceptance Factor”, auch WAF genannt. Damit bezeichnen die Hersteller nur halb im Scherz den weiblichen Faktor: Nicht nur, dass im Vergleich zu früheren Zeiten Frauen selbst sehr viel mehr Technik kaufen - sie wachen nach allgemeiner Ansicht auch darüber, dass das, was fürs Wohnzimmer angeschafft wird, entweder nicht zu sehen ist - oder optisch was hermacht.

Viele technische Neuerungen spielen den Produktdesignern beim neuen Design-Trend in die Hände. So können Lautsprecher inzwischen deutlich kleiner gebaut werden als früher - und sich trotzdem gut anhören! Ein Beispiel dafür ist der Mu-so Qb, ein Würfel mit etwa 20 Zentimetern Kantenlänge, dessen Design gleich mehrere Preise - darunter einen Red Dot Award und ein UX Award - einheimsen konnte. Inzwischen sind Bluetooth-Lautsprecher, die eine originelle und ansehnliche Erscheinung haben, die Regel und nicht mehr die Ausnahme. Ganz neue wie der PJ9 von LG oder der “Mars” von Crazybaby können - Magnetismus macht’s möglich - sogar schweben! Und andere sind unsichtbar. So wie beim gerade frisch vorgestellten Fernseher Bravia A1 von Sony, der die Lautsprecher gleich komplett aus dem Gehäuse verbannt, weil das Gerät insgesamt schwingt - und damit selbst der Lautsprecher ist. 

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Keine Kabel ist das Ziel bei Flachbildfernsehern

Doch nicht nur auf Lautsprecher, auch auf Bedienelemente wie Knöpfe, Rädchen und Schalter können Produktdesigner inzwischen immer häufiger verzichten. Dazu verbinden sie die jeweiligen Geräte kurzerhand mit dem Smartphone und ermöglichen die Steuerung dann über eine Handy-App.

Zudem nehmen auch die Anschlüsse immer weniger Platz weg. Dank des schlanken USB-C-Anschlusses werden auch die Notebooks immer flacher. Oder sie entfallen komplett. Künftig werden Kabel durch WLAN- und Bluetooth ersetzt werden. Und dort, wo man auf Kabel nicht verzichten kann, schaffen es die Hersteller mit zunehmendem Geschick, sie zu verbergen. Panasonic baut dazu in seine neuen Fernseher eine Klappe ein, hinter der die Kabel verschwinden können, Samsung lagert die Anschlussleiste ganz aus dem Gerät aus, so dass man sie versteckt in einem Fernsehmöbel unterbringen kann. Auch Standfüße werden immer öfter zur Unterbringung von Kabeln und sonstiger Elektronik genutzt.

Cool ist, wenn neuste Gadgets alt aussehen

Doch nicht allein das Verschwindenlassen ist das Ziel moderner Gerätedesigner. Die neuen Möglichkeiten lassen auch Designs zu, die aktuelle Geräte - im positiven Sinne - ganz alt aussehen lassen. Beispiel Kameras: Hier dominiert schon seit Jahren das Retro-Design. Bestes Beispiel ist die neue Android-Kamera von Kodak. Auf den ersten Blick sieht das Gerät mit seiner Leder-Optik aus, als wäre es mindestens 50 Jahre alt. In Wahrheit aber ist die Kamera so modern, dass sie eigentlich mehr Smartphone als Fotoapparat ist. Dazu passend bietet der Hersteller eine hellbraune Foto-Ledertasche an.

Ein ähnlicher Trend ist bei der noch jungen Produktkategorie Smartwatch zu beobachten. Die ersten intelligenten Uhren wirkten noch klobig und nerdig. Dann gelang den Herstellern der Umstieg auf runde Displays - und siehe da, auf einmal konnte man die Smartwatch auch tragen ohne auszusehen wie ein Physikstudent. Experimentierten die Hersteller zunächst mit futuristischen Designs, die an Science-Fiction-Filme erinnerten, herrschten fortan Analog-Styles vor. Auch wenn sie den Kalorienverbrauch berechnen, durch den Verkehr navigieren und komplizierte Sprachbefehle verstehen könne, sehen die meisten Smartwatches inzwischen aus, als würde in ihnen noch eine Mechanik mit Zahnrädern arbeiten. 

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