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30 Jahre SMS Von HDGDL und Smileys bis zu Angela Merkel – eine kleine Geschichte der SMS

Angela Merkel schreibt SMS
Altkanzlerin Angela Merkel lenkte per SMS Regierung und Partei
© POP-EYE / Imago Images
Die erste SMS wurde vor 30 Jahren geschrieben. Seitdem haben die Kurznachrichten unsere Kommunikation grundlegend verändert. Zeit für eine kleine Kulturgeschichte der SMS.

Eigentlich war Neil Papworth deutlich zu früh dran. Der Brite verschickte vor 30 Jahren die erste SMS der Welt. Der Inhalt: "Merry Christmas" – und das am 3. Dezember 1992, also drei Wochen vor Weihnachten. Papworth erzählte das später, als schon klar war, welche Bedeutung seine Nachricht gehabt hatte, damit, dass der Empfänger, ein Vodafone-Manager, gerade auf einer Weihnachtsfeier gewesen sei.

Inhalt und Zeitpunkt der SMS waren aber nicht das einzig Bemerkenswerte daran. Denn Papworth schickte die Nachricht von einem riesigen Computer mit der Größe eines Kühlschranks auf das Mobiltelefon des Empfängers. Mit der SMS, wie sie später so gut wie jeder kannte, hatte das noch nicht viel zu tun. Doch genau dort begann der Siegeszug des "Short Message Service".

SMS: Textnachrichten mit 160 Zeichen verändern die Kommunikation

Die Idee war ja auch bestechend: kurze, prägnante Textnachrichten mit einer Länge von nicht mehr als 160 Zeichen, in Sekundenschnelle gesendet vom Mobiltelefon eines Nutzers auf das eines anderen. Damit entstand eine völlig neue Form der Kommunikation. Sie füllte die Lücke zwischen dem direkten Gespräch am Telefon und dem schriftlichen Austausch in Form von Briefen oder Postkarten, bei dem der Empfänger die Nachricht erst mit deutlicher Verzögerung erhält. SMS boten eine beinahe unmittelbare Übermittlung, bei der die Kommunikation dennoch asymetrisch verlief – das heißt, es mussten nicht beide Teilnehmer gleichzeitig präsent sein wie bei einem Telefongespräch.

Smishing-Betrug: Gefährliche SMS

Mit der Weiterentwicklung der technischen Standards und der fortschreitenden Verbreitung von Handys in der Gesellschaft wurde die SMS mehr und mehr zum Kommunikationsmittel der Wahl – vor allem bei jüngeren Menschen. Und so etablierten sich die Kurzmitteilungen nicht nur als neue Möglichkeit, Gespräche zu führen oder Informationen auszutauschen. Sie veränderten auch Sprache und Kommunikationskultur. In 160 Zeichen musste jeder noch so mitteilungsfreudige Zeitgenosse alles gesagt haben, wollte er nicht die Kosten für eine weitere Nachricht berappen. Es entstanden Abkürzungen, die mit ein paar Buchstaben ganze Gefühlszustände ausdrücken sollten: hdgdl, lol, omg. Wer das nicht entziffern konnte, verstand meist nur Bahnhof.

SMS schreiben war noch richtig Arbeit

Emojis hießen damals noch Smileys – und man benötigte einige Vorstellungskraft, um sich erschließen zu können, was sie ausdrücken sollten: Doppelpunkt Klammer zu. So sollte in den Kurznachrichten das transportiert, was dieser Form der Kommunikation notwendigerweise fehlte, nämlich Mimik, Gestik, Untertöne. Dass Missverständnisse oft nicht lange auf sich warten ließen, was das eine Problem. Das andere, aus Sicht vieler Kritiker viel größere, war, dass Sprache und Menschlichkeit angeblich auf der Strecke blieben. "Einer SMS mangelt es an Gefühl und Herzlichkeit", befand der damalige Chef des Deutschen Rechtschreibrats 2012. "Wenn man nur noch verkürzt kommuniziert, leidet die Sprache." 

Ja, große Gefühle schriftlich via Handy auszudrücken, galt als verpönt. Tausende Teenies und die deutsche Medienlandschaft empörten sich, als 2003 Alexander Klaws, der erste Gewinner von "Deutschland sucht den Superstar" angeblich per SMS mit seiner Freundin Schluss machte – was er später dementierte. Mehr Herzenskälte konnte man sich damals offenbar nicht vorstellen. Dabei war SMS schreiben – das muss sich jeder unter 25 klarmachen – damals noch richtig Arbeit: Auf einem herkömmlichen Tastenhandy musste man für ein simples "Hallo" ganze zwölfmal drücken. Zweimal die Vier, einmal die Zwei, dann zweimal jeweils dreimal die Fünf und dreimal die Sechs.

Jede Nachricht kostete Geld, wenn man nicht schon einen Tarif mit Flatrate besaß. Da wollte alles gut überlegt sein, Scheibchenkommunikation wie heute, bei der ein Satz über drei Nachrichten hinweg formuliert wird, war undenkbar, weil schlicht ineffizient. Und um Himmels willen durfte man später, als das möglich war, keine MMS verschicken, auch nicht aus Versehen. Das war mindestens genauso schlimm, wie auf seinem Handyknochen auf das Internetsymbol zu kommen, bei dem jeder Teenager fürchtete, dass seine ganze Familie nun verarmt sterben würde.

Eine Person hält ein Handy in der Hand, eine SMS zeigt einen Phishing-Link.

Angela Merkel regierte sogar per SMS

Über die Jahre wurde die SMS in fast allen Gesellschaftsschichten zum Massenkommunikationsmittel – und unter Angela Merkel schließlich auch zum Werkzeug der Macht. Die CDU-Kanzlerin war bekannt dafür, per Handy zu regieren und mit ihren Kurznachrichten sowohl die Geschicke des Staates wie auch ihrer Partei zu lenken. In der Corona-Pandemie schließlich war die SMS wieder in aller Munde: Wenn aus den Konferenzen der Ministerpräsident:innen vertrauliche Informationen auf den Handys von Journalisten landeten.

Ob es sich da wirklich noch um klassische SMS und nicht etwa Whatsapp-Nachrichten oder ähnliches handelte, darf bezweifelt werden. Aber auch das ist ein Indiz für den Erfolg der SMS: Sie ist über ihre eigentliche technische Form hinaus zur Chiffre für eine Kulturtechnik geworden. Der herkömmlichen SMS geht es schon länger schlecht, Messenger wie Whatsapp, Threema, Telegram oder Signal haben ihr den Rang abgelaufen. Sie sind einfacher zu bedienen, visueller, bieten mehr Möglichkeiten. Eigentlich werden SMS nur noch im Notfall geschrieben – das heißt: wenn die Internetverbindung fehlt. Wurden zum 25. Geburtstag 2017 noch 10,4 Milliarden SMS in Deutschland verschickt, waren es 2021 nur noch 7,8 Milliarden. Aber: Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr wieder gestiegen, zum ersten Mal seit fast zehn Jahren. Vielleicht ist die SMS doch noch nicht ganz am Ende.

Quellen: "Spiegel” / Statista

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