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"Murderabilia"-Auktionen: Mein Souvenir vom Serienmörder

Amerikanische Online-Auktionshäuser haben sich auf ein makabres Geschäft spezialisiert: Sie versteigern Souvenirs von Schwerverbrechern. "Murderabilia" werden diese morbiden Andenken genannt. Auch ehemalige Habseligkeiten deutscher Killer sind heiß begehrt.

Von Serge Debrebant

Charles Manson war der Erste, den Tod Bohannon anschrieb. Als er 13 Jahre alt war, hatte Bohannon einen Film über Manson und seine grausamen Taten gesehen. Die Manson Family, eine Mischung aus Kommune und Sekte, hatte 1969 in Kalifornien die Schauspielerin Sharon Tate und sechs weitere Menschen brutal ermordet. Als die Familie gefasst und vor Gericht gestellt wurde, stürzten sich die Medien auf ihren geistesgestörten Anführer. Charles Manson entwickelte sich zu einer Pop- Ikone, über die Songs geschrieben wurden. Auch Tod Bohannon war von Manson fasziniert. "Ich habe meine Mutter mit Fragen gelöchert", sagt er, "bis sie gesagt hat, dass ich ihm einfach schreiben soll."

Heute ist Bohannon 30 Jahre alt, arbeitet als Lehrer in einer Kleinstadt in Georgia und sammelt Murderabilia. So nennt man in den USA Gegenstände, die von Serienmördern und anderen Schwerstverbrechern stammen. Der Begriff ist eine Mischung aus "murderer" - Mörder - und "memorabilia" - Erinnerungsstücken. Abgeschnittene Fingernägel und Haare, aber auch Kunstwerke und Briefe gehören zu diesem makabren Sammelgebiet.

Der erste Gegenstand in Tod Bohannons Sammlung war Mansons Antwortbrief. Bohannon schrieb daraufhin auch dem Kannibalen Jeffrey Dahmer und vielen weiteren Gefängnisinsassen, in der Hoffnung auf neue Sammelstücke. Heute nennt er nicht nur Briefe, sondern auch Kleidungsstücke und Gemälde von Mördern sein Eigen. "Mein ganzes Haus ist voll mit diesem Kram", sagt der beleibte Mann in einem trägen, breiten Südstaatenakzent. "Er liegt überall: im Erdgeschoss, im ersten Stock, im Wandschrank und unter meinem Bett."

Rund 1500 Sammler auf der Welt

Bohannon schätzt, dass es rund 1500 Murderabilia-Sammler gibt. Über die Hälfte sind bei MurderAuction.com angemeldet, der bekanntesten Webseite zum Thema. Tod Bohannon hat sie vor sechs Jahren gegründet. Zu den Gegenständen, die man hier von Bohannon und anderen ersteigern kann, gehören ein pornografisches Gemälde des Serienmörders Daniel Lee Siebert für 19,99 Dollar, ein Haarbündel des Prostituiertenmörders Arthur Shawcross für 20 Dollar oder eine Bibel des "Milwaukee- Monsters" Jeffrey Dahmer für 695 Dollar. Alle diese Verbrecher hat Bohannon im Gefängnis besucht, "einige Dutzend" waren es insgesamt. Ein paar bezeichnet er sogar als Freunde.

Neben MurderAuction gibt es noch andere Webseiten, bei denen man Murderabilia erwerben kann: DaisySeven.com, die mit dem geschmackvollen Slogan "Where crime pays" - wo sich Verbrechen auszahlt - für sich wirbt; Supernaught. com - Supernull -, wo man unter anderem einen Brief des "Campus- Killers" Ted Bundy für 1700 Dollar kaufen kann; und SerialKillerCentral.com, die einen Händler bewirbt, der für 12.500 Dollar einen Brief des Kannibalen Albert Fish anbietet. Auch Stücke deutscher Mörder stehen gelegentlich zum Verkauf: Gegenstände des Kannibalen Armin Meiwes oder eine Postkarte von Heinrich Pommerenke, der in den 50er Jahren vier Frauen ermordet und zahlreiche andere überfallen hat. Das bisher teuerste Murderabilia war die Pistole des Raubmörders Gary Gilmore. Die Waffe wurde bei MurderAuction für eine Million Dollar angeboten, fand aber keinen Käufer.

"Die wollen ein Stück der Seele besitzen"

"Die Sammler wollen eine Verbindung zu den Mördern aufbauen - sie wollen ein Stück ihrer Seele besitzen", sagt Andy Kahan, der im Büro für Verbrechensopfer in Houston in Texas arbeitet. Kahan hat den Begriff Murderabilia erfunden und kämpft seit acht Jahren gegen den Handel damit. Damals las er in einer Zeitung, dass Gemälde des Prostituiertenmörders Arthur Shawcross bei Ebay versteigert wurden. Kahan ging auf die Webseite und tippte den Namen dieses und anderer Mörder ein. "Die Angebote", sagt er, "sprudelten nur so hervor. Menschen waren schon immer am Makaberen interessiert, aber das war einfach nur ekelhaft." Vor allem für die Angehörigen von Verbrechensopfern, die er vertrete, wirkten Murderabilia einfach nur zynisch.

Also beschloss Kahan, den Handel zu bekämpfen. Um die Szene besser kennenzulernen, gab er sich selbst als Sammler aus und kaufte ein Jahr lang abgeschnittene Fingernägel, Haare, Autogramme und Gemälde. Mehr als 1000 Dollar gab er aus, bis er die wichtigsten Händler kannte. "Einige haben mir Gegenstände sogar exklusiv angeboten", sagt er. Dann fing er an, Zeitungen und Fernsehsender anzurufen und sich als Interviewpartner anzubieten. Die Medien griffen die Geschichte auf und die öffentliche Empörung wuchs. 2001 verbot Ebay den Handel mit Murderabilia, kurz danach entstanden private Auktions- und Verkaufsseiten wie MurderAuction. "Die sind wie Kakerlaken", sagt Kahan. "Hat man sie aus einem Zimmer verjagt, tauchen sie im nächsten wieder auf."

In fünf US-Bundesstaaten ist der Handel mittlerweile verboten, in 45 anderen aber noch nicht. Kahans Kreuzzug ist deshalb weitgehend erfolglos geblieben. Jetzt will er mit einem republikanischen Senator ein Bundesgesetz durchbringen, das es Gefangenen verbietet, Murderabilia mit der Gefängnispost zu verschicken. Wenn es weniger Murderabilia gibt, so das Kalkül, gibt es auch weniger Sammler. Ob diese Strategie tatsächlich aufgeht, ist zweifelhaft. "Das führt nur dazu, dass ein Autogramm nicht mehr zehn, sondern hundert Dollar wert ist", sagt Tod Bohannon. Außerdem gibt es schon jetzt Gesetze, die es verbieten, dass Verbrecher durch die Vermarktung ihrer Taten Geld verdienen. Leute wie Rick Staton haben es aber geschafft, sie zu umgehen. Staton galt lange Zeit als einer der größten Murderabilia-Händler der Vereinigten Staaten. Er ist 53 Jahre alt, verheiratet und lebt in Baton Rouge in Louisiana, wo er lange als Bestatter ge- arbeitet hat. Mittlerweile ist er arbeitslos.

Die Preisliste direkt aus dem Knast

"Ich habe immer gerne verrückte und groteske Gegenstände gesammelt", sagt er. Als er vor rund 20 Jahren zufällig in der Zeitung von Murderabilia las, schrieb er einen Serienmörder an, der in Chicago auf seine Hinrichtung wartete: John Wayne Gacy, der in den 70er Jahren mehr als 30 Jungen und junge Männer vergewaltigt und ermordet hatte. "Ich hatte mir überlegt, dass seine Gemälde schnell an Wert gewinnen würden, wenn er gestorben ist", sagt Staton. Gacy schickte ihm eine Preisliste und Staton kaufte gleich drei Gemälde auf einmal. Als die Gefängnisleitung Gacys Kunsthandel unterbinden wollte, vereinbarte Staton mit Gacy, dass er ihm die Kunstwerke schenken und Staton ihm den Kaufpreis als Geschenk auf ein Konto überweisen würde. Staton sollte Gacys exklusiver Händler werden. Besonders die Bilder, die einen Clown zeigten, waren bei Sammlern beliebt. Gacy war früher gerne bei Straßenfesten als Pogo, der Clown, aufgetreten - daher auch sein Spitzname "Killer-Clown". Auch der Schauspieler Johnny Depp hat eines dieser Gemälde besessen.

Staton hat später auch andere Serienmörder angeschrieben und sie vertreten. "Leute, die solche Gegenstände sammeln, sind weder krank noch verrückt", sagt er. Für die Täter selbst hat er aber kein gutes Wort übrig: "John Wayne Gacy war ein widerwärtiger, eitler Lügner und Charles Manson hat wirres Zeug geredet. Ich habe nie verstanden, was er eigentlich von mir will." Wenn man ihn fragt, warum er damit angefangen habe, Murderabilia zu vermarkten, fällt es ihm schwer, seine Entscheidung zu begründen. "Viel Geld habe ich damit jedenfalls nicht verdient", sagt er. "Ich fand es aufregend, so viele Prominente kennenzulernen: Sammler aus Hollywood und aus dem Musikgeschäft, aber auch die Serienmörder selbst. Das sind ja auch Stars."

Statons Antwort passt zu einer Beobachtung, die der Kulturwissenschaftler David Schmid gemacht hat. Der Engländer, der als außerordentlicher Professor an der Universität in Buffalo in New York arbeitet, hat vor drei Jahren eine Studie über den Mythos des Serienmörders veröffentlicht, in der er sich auch mit Murderabilia beschäftigt. "Natürlich finden die meisten Leute Murderabilia abscheulich, aber für Sammler sind Serienmörder genauso Prominente wie Baseballspieler oder Schauspieler", sagt Schmid. "Das heißt aber nicht, dass sie die Taten der Mörder gutheißen."

Der Kult ist alt

Neu ist der Kult um Serienmörder nicht. Als Jack the Ripper Ende des 19. Jahrhunderts fünf Prostituierte in London ermordete, gab es anschließend Führungen an den Tatorten. Seit den 70er Jahren haben sich Serienmörder regelrecht zu einer Art Pop-Ikone entwickelt. "Sie stehen heute in einer Reihe mit mythischen Figuren wie dem Cowboy und dem Gangster", sagt Schmid. Das liegt in erster Linie daran, dass die Medien so häufig über sie berichten, aber auch an Filmen und Romanen wie "Das Schweigen der Lämmer" von Thomas Harris. Wo die öffentliche Neugier her- rührt, ist nicht einfach zu erklären. Die willkürliche Opferwahl von Serienmördern bestätigt ein diffuses Gefühl der Bedrohung, das Schmid als "Produkt des modernen Lebens" beschreibt. Die Anonymität in der Stadt, in der man nicht mehr weiß, wer der Nachbar oder Arbeits Arbeitskollege ist, erzeuge diese Angst, der der Serienmörder ein Gesicht gibt. "Aber natürlich hat die Popularität von Serienmördern auch mit der amerikanischen Faszination für Gewalt zu tun: Die Serienmörder überschreiten eine Grenze, an die sich andere nicht trauen", ergänzt er.

Das erklärt auch, warum der Handel mit Murderabilia vorwiegend in den Vereinigten Staaten stattfindet. "Wenn es ihn in Deutschland gäbe, wüsste ich davon", sagt der Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort, der sich in "Das Serienmörder-Prinzip" und vielen anderen Büchern mit der Psychologie von Serienmördern auseinandergesetzt hat. Er habe zwar schon Zuschriften von Leuten erhalten, die Briefen von Mördern eine fast religiöse Ehrfurcht entgegengebracht haben, dass es in Deutschland aber Webseiten für Murderabilia gäbe, habe er noch nicht gehört. Wer auf der deutschen Ebay- Seite nach Namen wie Charles Manson oder Jeffrey Dahmer sucht, findet zwar Bücher und DVDs, aber keine Murderabilia - zumal Ebay solche Angebote ja aussortiert. Gesetzlich zulässig wäre der Handel in Deutschland, solange die Täter damit kein Geld verdienen. Rick Staton ist das gleichgültig. Er hat sich aus dem makabren Geschäft zurückgezogen. Seit er zum Christentum konvertiert ist und einen Sohn hat, ekelt er sich vor Leuten wie Gacy noch mehr als früher. "Das war ein Pakt mit dem Teufel", sagt er. "Ich habe Murderabilia mittlerweile wirklich satt." Bei MurderAuction hat er sich zwar angemeldet, Gegenstände gehandelt hat er dort aber noch nie. Seine Sammlung hat er in Kisten verstaut, die er nur manchmal auspackt, wenn seine Mutter oder ein Mitglied seiner Gemeinde zu Besuch kommen und sie sehen möchten. "Es ist doch seltsam", sagt Staton. "Obwohl die meisten so einen Kram nicht besitzen wollen, sind sie davon fasziniert." So endgültig, wie er vorgibt, ist sein Abschied aus der Szene nicht. Auf MurderAuction angesprochen, sagt Staton, dass es ihn reizen würde, Gegenstände von Edward Gein zu sammeln. Der Amerikaner ermordete Mitte des letzten Jahrhunderts mindestens zwei Frauen, bastelte aus der Haut von Leichen Lampenschirme und diente als Inspiration für Alfred Hitchcocks "Psycho" und das "Texas Chain Saw Massacre". "Gegenstände von Ed Gein", sagt Staton, "würde ich gerne sammeln. Aber leider kosten die mehrere tausend Dollar. So viel Geld habe ich nicht."