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"Once Upon A Time In Hollywood": Stadt der Träume: Ein melancholischer Blick auf L.A. zwischen Hippie-Mädchen und brutalen Morden

Gefühlvoll blickt Quentin Tarantino in seinem neuen Film "Once Upon A Time In Hollywood" auf das alte Hollywood. Der stern traf den Regisseur und seine Hauptdarsteller Brad Pitt und Leonardo DiCaprio.

Von Christine Kruttschnitt

"Once Upon A Time In Hollywood": stern trifft Regisseur und Darsteller

"Once Upon A Time In Hollywood" – Schöne Menschen vor schöner Kulisse: Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pitt in den berühmten Hollywood Hills

Es war einmal ein Ort, den man Stadt der Engel nannte und der so voller Geschichten und Mythen steckte, dass er selbst zum Märchen wurde. "La-La-Land“ war die letzte Lovestory über Los Angeles, "Once Upon A Time In Hollywood“ heißt jetzt die jüngste Liebeserklärung an die Traum-Metropole. Die magische Reise des Films führt 50 Jahre in eine Vergangenheit zurück, in der man noch gemütlich im Cadillac DeVille cruisen konnte und nicht wie heute dauernd im Stau steht; und in der alles besser war.

Oder fast alles: Denn wir schreiben den Sommer 1969 – die Hippie-Mädchen tragen Hotpants und keine BHs, und während auf dem Mond Apollo landet und an der Ostküste die Vorbereitungen zum Woodstock-Festival laufen, wird hier in L.A. Charles Manson mit seinem verstrahlten Gefolge die Hoffnungen und Träume der Räucherstäbchen schwingenden Jugend- und Ge­genkultur in zwei blutgetränkten Nächten killen. "Das Ende einer Ära“ nennt es der damalige Staatsanwalt Vincent Bugliosi, der Manson und seine "Family“ hinter Gitter brachte. "Die Sixties, das Zeitalter der Liebe: Alles war mit jener Nacht vorbei.“

"Once Upon A Time In Hollywood

Dabei habe er, beteuert Quentin Tarantino, der Regisseur von "Es war einmal in Hollywood“, keinesfalls die Manson-Morde rekonstruieren wollen. Er blicke nur zurück auf das Los Angeles seiner Kindheit. Im Stadtteil Los Feliz tötete Mansons Bande am 10. August 1969 den Supermarkt-Mogul Leno LaBianca und seine Frau Rosemary, in einer Villa im feinen Benedict Canyon wurden zuvor die Schauspielerin Sharon Tate und ihre drei Hausgäste niedergestochen, regelrecht abgeschlachtet.

Vereint in der Liebe zum Kino: Schauspieler Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pitt (vorn), Regisseur Quentin Tarantino (hinten)

Vereint in der Liebe zum Kino: Schauspieler Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pitt (vorn), Regisseur Quentin Tarantino (hinten)

Bis heute gelten diese Bluttaten als die bizarrsten Morde in der US-Kriminalgeschichte – und auch als fester Bestandteil der Popkultur. Vielleicht, weil in diesen Verbrechen alles vorkommt: ein Psychokiller, der Rockstar werden wollte und mit einem Beach-Boy-Musiker einen Song aufnahm; der Titel eines Beatles-Hits, mit dem Blut der Opfer auf eine Kühlschranktür geschrieben; Satanismus; Hippies; und die schreckliche Erkenntnis, dass Kids aus ganz normalen Familien Menschen ermorden, wenn ein charismatischer Verbrecher wie Manson es ihnen nur befiehlt.

Leonardo DiCaprio, 44, der in Tarantinos Film die Hauptrolle spielt, sagt: "Meine Eltern haben mir diese Zeit beschrieben. Sie waren Hippies, sind es eigentlich noch. Aber diese Morde haben damals ihre Ideale zerstört, ihre Hoffnungen, dass alle Menschen in Frieden leben können.“

Ein irgendwie passendes Panorama also für den 56-jährigen Tarantino ("Pulp Fiction“), der hier vordergründig die Geschichte vom Niedergang einer Hollywood-Ära erzählt. DiCaprio spielt einen TV-Serien-Cowboy, der gern Margaritas direkt aus dem Mixer süffelt und sich von der neuen Zeit und einem neuen, harschen Kino überrannt fühlt. Er greint darüber mit seinem Kumpel und Stuntman (Brad Pitt), der das alles lockerer sieht, auch, weil er keine Karriere zu verlieren hat.

Die bizarren Bluttaten im Sommer 1969, bei denen unter anderem die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate ermordet wurde, lösen auch heute noch makabre Faszination aus

Die bizarren Bluttaten im Sommer 1969, bei denen unter anderem die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate ermordet wurde, lösen auch heute noch makabre Faszination aus

Manson bekommt im Film nur einen Mini-Auftritt. Dennoch löste die Nachricht, dass Tarantino sich der Sensationsmorde angenommen hat, im Benedict Canyon einen wahren Boom bei denjenigen aus, die schon immer einen Blick auf das Haus im Cielo Drive erhaschen wollten, wo Sharon Tate und ihre Freunde sterben mussten, an manchen Tagen fahren dort Dutzende Neugierige vor. Auch eine Bustour führt Touristen an die Tatorte der Manson-Familie. Dabei gibt’s das Mörderhaus gar nicht mehr, schon vor einem Vierteljahrhundert wurde es abgerissen und eine neue Villa an seine Stelle gebaut, mit neuer Hausnummer sogar. Doch ein Nachbar trat in Fernsehsendungen über unheimliche Phänomene auf und schwört, der Geist von Sharon Tate weile noch im Cielo Drive.

"Wandelnde Videothek"

Man komme in ganz melancholischer Stimmung aus dem Kino, hieß es kürzlich in der "Los Angeles Times“ – keine Reaktion, die man von einem Tarantino-Film erwarte. Und der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro war gleichermaßen verzaubert. Die gut zweieinhalb Stunden lange Saga fühle sich an wie eine echte Erinnerung, schrieb er, und erzähle dabei doch wahrscheinlich ein Märchen.

Es war einmal ein kleiner Junge, der saß jeden Abend vor dem Fernseher und fand dort seine Helden, seine Götter. Tarantino hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nahezu alles, was er über das Leben weiß, im Kino gelernt hat. "Das war seine Religion“, sagt Brad Pitt, der mit Tarantino bereits die Hitler-Mordfantasie "Inglourios Basterds“ gedreht hat. "Seine Liebe zum Film hat mich immer sehr berührt.“

"Quentin ist eine wandelnde Videothek“, sagt DiCaprio.

In Tarantinos Film wird Sharon Tate von der australischen Schauspielerin Margot Robbie verkörpert

In Tarantinos Film wird Sharon Tate von der australischen Schauspielerin Margot Robbie verkörpert

"Aber ohne meine Erinnerungen hätte ich diesen Film nicht machen können!“, ruft Tarantino – nicht, weil er aufgebracht ist, sondern weil er eigentlich immer ruft. Er kann auch nicht lächeln, er hat nur diese laute Lache, die klingt, als würde er sie für Schwerhörige buchstabieren. Ha-ha-ha. Keine Zwischentöne. Dabei bezeichnet er sich selbst als "recht nett“ und rastet angeblich nur aus, wenn die Schauspieler ihren Text nicht können. Seine Detailbesessenheit ist berüchtigt. Bei Außenaufnahmen auf dem Hollywood Boulevard ließ er die Fassaden der alten Clubs und Sex-Schuppen nachbauen und Oldtimer aus dem ganzen Land auf der abgesperrten Straße schnurren. "Das Radio war immer volle Pulle an“, erinnert er sich an seine Jugend, "und immer nur auf einer Station, so viele gab’s nicht, und wenn Werbung kam, haben wir einfach drübergesprochen.“ Was schon mal seine Lautstärke erklärt.

Sein Lieblingslokal war ein biederer Mexikaner nördlich von Hollywood, wo DiCaprio und Pitt im Film sich einmal tüchtig betrinken. "Casa Vega“ gilt heute wieder als hip unter Reality-Stars wie den Kardashians, und Tarantino geht immer noch hin wegen der Margaritas. Er hat dem Barkeeper sogar seine eigene Mischung aufgeschwatzt, "The Tarantino“ steht seit Januar auf der Karte.

Und in seinem alten Lieblingskino hat er gedreht. Und bei "El Coyote“, wo Sharon Tate an ihrem letzten Abend noch essen ging. "Dies ist der ultimative L.A.-Film“, sagen Filmschaffende, "eine Liebeserklärung an unsere Industrie“, nennt es DiCaprio. Und alle Kritiker klingen, als habe der Mann, der für seine Gewaltorgien bekannt ist, eine Romanze gedreht. "So lieblich, so entspannt, so nachdenklich“, schwärmte ein Rezensent. In den USA hat der Film am ersten Wochenende mehr als 40 Millionen Dollar eingespielt – Best-Ergebnis für Tarantino – und gilt als erster sicherer Oscar-Kandidat des Kinojahrs.

Noch ein Film – ist dann Schluss?

Noch einen Film wolle er drehen, kündigt Tarantino an, dann sei Schluss. Sehr zur Bestürzung seiner Fans. Zu denen auch Brad Pitt gehört. "Er geht nicht in Rente“, wiegelt der Schauspieler ab. "Er hat noch so viele Ideen. Man darf bei dem Spruch nämlich nicht vergessen, dass Quentin Streaming-Produktionen nicht für Filme hält.“

Es war einmal eine Krise, die Männer hatten. "Eigentlich jeder von uns“, sagt Tarantino, "jeder, der in dieser Branche arbeitet. Jeder Künstler fragt sich irgendwann: Habe ich das Beste schon hinter mir?“ Im Drehbuch zu "Es war einmal in Hollywood“, das er natürlich selbst verfasst hat, erleidet sein Held einen Zusammenbruch, weil er eine Szene in einer Western-Serie vermasselt (er hat den Text vergessen, ha-ha-ha). Dieser Rick Dalton, den DiCaprio da spielt, ist nicht der Größte aller Mimen, außerdem zerfressen von Selbstzweifeln. Und sein Kumpel Cliff, der Stuntman, findet auch nicht mehr so einfach neue Jobs.

Mitglieder von Charles Mansons Bande töteten Sharon Tate mit 16 Messerstichen

Mitglieder von Charles Mansons Bande töteten Sharon Tate mit 16 Messerstichen

Und so ist es natürlich der beste Gag in Tarantinos melancholischer Komödie, dass diese beiden Loser von den größten Kinostars unserer Zeit verkörpert werden. Das Fachblatt "The Hollywood Reporter“ bezeichnete DiCaprio gerade als den "letzten“ echten Star, weil er sich nie in die Strumpfhosen eines Marvel-Superhelden gezwängt und dennoch Hunderte Millionen Eintrittskarten verkauft hat. Wie der 55-jährige Brad Pitt begann er seine Karriere in den 90er Jahren, ist seit drei Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft.

Im Film sind die beiden rechte Haudegen, nicht zimperlich. Der Stuntman darf in einer Szene sogar den aufsteigenden Action-Helden Bruce Lee zusammenschlagen, was die Familie des chinesischen Superstars geärgert hat, da sei wohl Tarantinos Fantasie mit ihm durchgegangen.

Prompt warf ihm eine Kritikerin vor, einen "Nostalgie-Porno“ gedreht zu haben. Andere nörgeln, im Film werde alles, was im Los Angeles des Jahres 2019 als No-No gilt, lustvoll zelebriert – rauchen, trinken, endlose Partys in Lustgrotten, wo jeder LSD-Trip in Erleuchtung und jeder Minirock in einen freundlich geöffneten Schoß führt.

Satanistische Ritualmorde

Es war einmal eine wunderschöne junge Frau, die tot im Wohnzimmer am Cielo Drive aufgefunden wurde, von 16 Messerstichen nahezu perforiert. Sharon Tate hätte zwei Wochen später ihren Sohn geboren. Ihr Ehemann, der polnische Regisseur Roman Polanski, befand sich noch in Europa, wollte zur Geburt wieder zu Hause in Los Angeles sein.

Tate galt Ende der 60er Jahre als "eines der heißesten jungen Dinger in Hollywood“, wie das Magazin "Newsweek“ jubelte. Das blonde Starlet hatte im Melodram "Das Tal der Puppen“ ein blondes Starlet gespielt und in Polanskis Komödie "Tanz der Vampire“ seinen späteren Ehemann verführt; das Paar heiratete Anfang 1968.

Der tragische Tod dieser erst 26-jährigen Kino-Hoffnung und ihres ungeborenen Kindes bescherte Los Angeles den ersten großen "Star-Prozess“, als im Juni 1970 Manson und seine Mittäter wegen siebenfachen Mordes vor Gericht standen. Ihre Motive blieben im Dunkeln, Gerüchte von satanistischen Ritualmorden, Drogenexzessen machten die Runde. In der Stadt der Engel herrschte regelrecht Panik: Der Fall Manson zeigte, wie wehrlos die Stars in ihren Prunkburgen in den Hügeln von L.A. und Malibu waren, damals beschäftigte kaum jemand Security-Personal. Der Schriftsteller Dominick Dunne beschrieb die Stimmung in den Tagen nach den Gräueltaten: "Man glaubte, die Reichen und Berühmten seien in Gefahr. Kinder wurden zur Sicherheit aus der Stadt geschickt. Als Steve McQueen zur Beerdigung fuhr, nahm er eine Pistole mit.“

Filmszene mit Pitt, DiCaprio und Al Pacino (v.l.)

Filmszene mit Pitt, DiCaprio und Al Pacino (v.l.)

Hat sich die Faszination jener mysteriösen Verbrechen je gelegt? Manson hat ­Bücher, Fernsehserien, Dokumentationen inspiriert, sogar Popsongs, und an einigen amerikanischen Universitäten werden Seminare zum Thema angeboten. Der ehemalige Ankläger Stephen Kay war bei 60 Begnadigungsgesuchen der Manson-Mörder zugegen – vor allem, um sicherzustellen, dass keiner der Täter je wieder auf freien Fuß kommt. Er erinnert sich an jedes blutige Detail. "Wir werden diesen Fall nie vergessen“, sagte er kürzlich in einem Interview.

Es war einmal eine wunderschöne junge Frau ...

Nichts hat die Stadt der Engel wohl je wieder so erschüttert. "Außer der Skandal um Harvey Weinstein“, sagt Brad Pitt nachdenklich. Dessen Übergriffe und die Metoo-Bewegung hätten dazu geführt, dass Männer ihr Verhalten neu "einstellen“. "Ich mag keine Machos“, sagt Pitt weich. "Vielleicht liegt das an meinem zunehmenden Alter, aber ich muss nicht mehr tough sein.“

Wirklich, es war einmal eine wunderschöne junge Frau, die sich ihre weißen Lackstiefel anzog und flanieren ging. Die Australierin Margot Robbie spielt Sharon Tate in "Es war einmal in Hollywood“ als lichtes Geschöpf, wie aus Sonnenstrahlen und Lebensfreude gehäkelt. Einmal kommt Sharon an einem Kino vorbei, in dem ein Film mit ihr selbst läuft, und sie setzt sich ins Publikum und strahlt wie ein Kind, wenn die Leute an der richtigen Stelle lachen. Es ist herzzerreißend. Auch Tarantino, scheint’s, will nicht mehr tough sein.

"Ich wollte sie ins Leben zurückholen“, sagt der Regisseur. Und buchstabiert sein Lachen. Ein bisschen leiser sogar.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: