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Krieg der Suchmaschinen: Und plötzlich sucht Chrome mit Bing: Microsoft zwingt Nutzern seine Suchmaschine auf

Der Kampf um den Suchschlitz tobt seit Jahren. Microsofts Suchmaschine Bing ist dabei weit abgeschlagen. Nun greift Microsoft zu verzweifelten Maßnahmen - und ändert die Suche von Chrome eigenmächtig zu Bing.

Mann sitzt vor Computer

Bei Nutzern von Microsoft 365 taucht bald plötzlich die Bing-Seite mit Suchergebnissen auf

Getty Images

Was genau wollen die Menschen im Internet wissen? Welche Seiten bekommt sie in welcher Rangfolge zu sehen? Welche Werbung kann man dazu zeigen? Die Kontrolle über die Websuche gibt dem Betreiber den Schlüssel zum Internet. Kein Wunder, dass Microsoft seit Jahren die Dominanz von Google zu brechen versucht. Wie groß der Druck ist, zeigt ein gerade angekündigter neuer Anlauf: Mit einem Update will Microsoft die Standard-Suche in Chrome ändern - und den Nutzern ausgerechnet in Googles eigenem Browser die Microsoft-Suche Bing unterjubeln.

Chrome-Nutzer sollen bingen statt googeln

Das kündigte der Konzern gestern in einem Blogpost an. Ab Version 2002 von Office 365 Pro Plus enthält das Office-Paket auch ein Plug-in für Google Chrome. Das "erweitert" den Browser um die Suchfunktion "Microsoft Suche in Bing" - und schaltet damit alle Websuchen von Googles Suchmaschine auf Microsofts um. 

Der Windows-Konzern verkauft das als Vorteil für den Kunden. Mit dem Schritt käme die systemweite Suche auch in den Browser, wirbt das Unternehmen. Man könne dadurch über den Suchschlitz auch nach Dateien auf dem Rechner, E-Mails, Gesprächsverläufen des Chat-Tools Teams, Skype-Kontakte und ähnlichem suchen, so der Konzern. Chrome wird dann wie schon jetzt Edge in Microsoft 365 zum Universal-Suchprogramm. Dass aber auch alle Websuchen über Bing laufen, wird nicht extra hervorgehoben.

Microsofts Kampf um das Netz

In der Praxis dürfte es für Microsoft aber genau darum gehen. Nachdem der Konzern jahrzehntelang den Zugang zum Internet beherrschte, ist der Einfluss mittlerweile fast völlig eingebrochen. Mit dem Aufstieg von Firefox und Chrome wurde der Internet Explorer - lange Zeit der de-Facto-Standard im Netz - immer unwichtiger, auch der mit Windows 10 eingeführte Nachfolger Edge dümpelt laut "Statcounter" auf Desktop-Rechnern weltweit bei unter fünf Prozent Marktanteil herum. Auf dem immer wichtigen Smartphone-Markt spielt er gar keine Rolle.

Das wirkt sich auch auf den Suchmaschinen-Markt aus: Das einst vollmundig als großer Konkurrent für Google angekündigte Bing wurde im letzten Jahr für weniger als drei Prozent der Internetsuchen benutzt. Google kommt auf über 90 Prozent. Dass Microsoft nun ausgerechnet in Chrome die Suche auf Bing umstellt, kann man auch als Eingeständnis für das Versagen der eigenen Browser lesen: Wenn Bing nur in Edge genutzt wird und dann alle Edge ignorieren, muss man eben das beliebtere Konkurrenz-Produkt kapern.

Xbox Series X

Kein Zwangs-Bing für alle

Noch wird die Suche nicht für alle Nutzer umgestellt. Zum einen beschränkt sich Microsoft zunächst auf eine wenige - wenn auch enorm wichtige - Märkte. Neben Deutschland sind das die USA, Kanada, Indien und einige weitere Staaten. Weitere Länder könnten später folgen, erklärt Microsoft. 

Zum anderen gibt es das Plug-in vorerst nur bei Geschäftskunden. Office 365 Pro Plus ist ein reines Business-Angebot, das nicht an Privat-Kunden verkauft wird. Auch das ebenfalls betroffene Microsoft 365 richtet sich an Firmenkunden. Es verknüpft  Windows 10 und Office 365 in einem Paket. Eine Variante für Privatkunden geistert zwar schon länger durch die Gerüchteküche, wurde aber nie offiziell gemacht. Wer also Windows und Office nur Zuhause nutzt, muss sich vorerst keine Sorgen um die heimliche Umstellung machen. Ob später eine Umstellung auch bei anderen Version erfolgt, wollte Microsoft auf Nachfrage des stern nicht beantworten.

Auch Firmenkunden können die Zwangs-Umstellung unterbinden. In seinem Ankündigungspost erklärt Microsoft, wie man die firmenweite Umstellung unterbindet und wie man die Erweiterung nachträglich deaktivieren oder gar löschen kann. 

Dass auch Microsoft die Tragweite seiner Entscheidung bewusst ist, zeigt ein Satz in der Ankündigung: Die Administratoren sollten die Nutzer lieber per E-Mail auf den Wechsel vorbereiten und ihnen "die Gründe für die Umstellung und die Vorteile der Microsoft-Suche" erklären, heißt es dort. Allerdings sei das nur nötig, wenn man sich "für die Benutzung der Microsoft-Suche" entscheide. Bei einem Zwangsupdate, das man manuell verhindern muss, wirkt das etwas hämisch.

Quelle: Microsoft, Statcounter