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Offener Brief: Ärzte prangern Google und Facebook an: "Wir können nicht gleichzeitig Lügen bekämpfen und Leben retten"

Tausende Menschen bekommen täglich falsche Informationen rund um das Coronavirus zu sehen. Nun wenden sich Ärzte und Experten, darunter Melanie Brinkmann und Christian Drosten, in einem offenen Brief an die Betreiber der Plattformen. Sie fordern zwei Schritte.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin

DPA

"Meine Kollegen und ich können nicht gleichzeitig Lügen bekämpfen und Leben retten. Wir brauchen dringend Hilfe." Es sind emotionale Worte, mit denen sich der New Yorker Epidemiologe Duncan Maru an die Chefs von Facebook, Twitter, Google und Youtube wendet. 

Gemeinsam mit mehr als 100 Ärzten, Krankenpflegern sowie Gesundheitsexperten aus der ganzen Welt - darunter den beiden deutschen Virologen Melanie Brinkmann und Christian Drosten - hat er einen offenen Brief veröffentlicht, der zudem in der heutigen Ausgabe der "New York Times" als ganzseitige Anzeige erscheint.

Mediziner sehen die Folgen von Fehlinformationen

In dem offenen Brief fordern sie die CEOs der großen Techkonzerne auf, dringend allen Personen, die mit Fehlinformationen über Covid-19 in Kontakt gekommen sind, auf Fakten überprüfte Richtigstellungen anzuzeigen. Denn häufig bekommen die Nutzer zwar Fake News zu sehen, aber selten die Richtigstellungen. 

Die Digitalkonzerne haben in der Coronakrise bereits wesentlich strengere Maßnahmen gegen die Verbreitung von Falschnachrichten ergriffen als vor der Pandemie. Twitter etwa löschte bedenkliche Tweets, Youtube änderte bereits seinen Algorithmus, Google priorisiert bei Anfragen zum Thema Covid-19 in seiner Suchmaschine Behörden oder seriöse Medien. Den Unterzeichnern des Briefes gehen diese Änderungen jedoch noch nicht weit genug.

Denn die Experten wissen aus eigener Erfahrung, welche Folgen falsche Informationen für die Realität haben können: Sie sehen Patienten, die Desinfektionsmittel trinken, um sich vor dem Virus zu schützen. Sie sehen in der Öffentlichkeit Menschen, die auf Abstand und das Tragen von Masken verzichten, weil sie Covid-19 für kaum gefährlicher halten als eine reguläre Grippe, - und mit ihrem Verhalten ihre Mitbürger gefährden. Die Experten bezeichnen die Flut an Fehlinformationen und Fake News als "Infodemie".

Melanie Brinkmann vom Institut für Genetik an der Technischen Universität Braunschweig sagt: "Falsche oder wissenschaftlich noch nicht eingeordnete Informationen verbreiten sich oft wie ein Lauffeuer, und sie können unnötig Angst verbreiten und Schäden anrichten. Ein Beispiel sind Berichte über das Auftreten aggressiverer Virusmutanten, ein anderes Berichte über angeblich wirksame Heilmittel."

Hinter der Aktion steckt die international tätige Nichtregierungsorganisation Avaaz. Erst vor zwei Wochen machte sie in einer Studie darauf aufmerksam, dass Millionen von Facebook-Nutzern Coronavirus-Fehlinformationen ausgesetzt waren, ohne dass die Plattform ihnen eine Warnung anzeigte. Jedoch glaubt nach einer korrekt angezeigten Richtigstellung nur noch die Hälfte der Menschen an die ursprünglich falsche Information, erklärt Avaaz-Deutschland-Chef Christoph Schott.

Lesen Sie hier den offenen Brief in voller Länge:

Als Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger/innen und Gesundheitsexpert/innen aus der ganzen Welt müssen wir jetzt Alarm schlagen. Es ist unsere Aufgabe, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen. Wir haben es in diesem Moment allerdings nicht nur mit der Covid-19-Pandemie zu tun, sondern auch mit einer weltweiten “Infodemie”, bei der durch Fehlinformationen, die sich in den sozialen Medien viral verbreiten, auf der ganzen Welt Menschenleben gefährdet werden. 

Berichte, in denen behauptet wird, dass Kokain ein Heilmittel sei oder dass Covid-19 von China oder den USA als biologische Waffe entwickelt wurde, haben sich schneller verbreitet als das Virus selbst. Technologieunternehmen versuchen zu reagieren, indem sie bestimmte Inhalte, wenn sie gemeldet werden, löschen und es der Weltgesundheitsorganisation gleichzeitig erlauben, kostenlose Anzeigen zu schalten. 

Diese Anstrengungen sind aber bei weitem nicht genug. 

Die Flutwelle an falschen und irreführenden Inhalten über das Coronavirus ist kein isolierter Ausbruch von Desinformation, sondern Teil eines globalen Problems. Auf Facebook haben wir Behauptungen beobachtet, dass Chlordioxid Menschen hilft, die an Autismus und Krebs leiden, dass Millionen von Amerikanern durch die Polio-Spritze ein "Krebsvirus" verabreicht wurde oder dass ADHS von den großen Pharmakonzernen erfunden wurde usw. 

Videologe Christian Drosten zum Coronavirus.

Diese Lügen sind von Bedeutung, weil sie falsche Heilmittel anpreisen oder die Menschen von Impfungen und wirkungsvollen Behandlungen abbringen wollen. Und sie haben eine große Reichweite -- ein Beitrag auf Facebook, laut dem Ingwer 10.000-mal effektiver bei der Krebsbekämpfung sein soll als eine Chemotherapie, wurde fast 30.000-mal geliked, geteilt und kommentiert. 

Deswegen rufen wir heute die Technologieunternehmen dazu auf, sofort und systematisch aktiv zu werden, um die Flut an medizinischen Fehlinformationen sowie die dadurch ausgelöste Gesundheitskrise zu stoppen.  

Durch unsere Arbeit in Krankenhäusern, Kliniken und Gesundheitsämtern auf der ganzen Welt kennen wir uns nur zu gut mit den tatsächlichen Auswirkungen dieser Infodemie aus. Wir sind diejenigen, die Kleinkinder mit Masern stationär behandeln - eine vollkommen vermeidbare Krankheit, die in Ländern wie den USA bereits als ausgerottet galt, jetzt aber vor allem dank Impfgegner-Propaganda wieder auflebt. 

Als Angehörige der Gesundheitsberufe müssen wir uns nicht nur um die Folgen kümmern, sondern werden oft auch noch dafür verantwortlich gemacht. Fehlinformationen verschlechtern so die Moral eines ohnehin schon unter großem Druck stehenden Berufsstandes, während die finanziellen Kosten der Behandlung ohnehin übermäßig beanspruchte Budgets noch mehr belasten. 

Die Diagnose sieht finster aus, was kann also getan werden? 

Die sozialen Medien müssen mit zwei offensichtlichen und dringenden Schritten vorangehen. 

Zunächst einmal müssen sie Richtigstellungen zu den Gesundheits-Fehlinformationen veröffentlichen. Das bedeutet, dass jede einzelne Person, die auf ihren Plattformen mit Gesundheits-Fehlinformationen in Berührung gekommen ist, gewarnt und benachrichtigt wird, und dass eine gut konzipierte und unabhängig überprüfte Korrektur angezeigt wird -- etwas, das nachweislich dabei helfen kann, dass Benutzer nicht an gefährliche Lügen glauben. Während Plattformen wie Facebook bereits dazu übergegangen sind, auf Fakten geprüfte Fehlinformationen zu kennzeichnen, geht dieses Verfahren nicht weit genug, da Millionen von Menschen einen Beitrag sehen können, bevor er auf Fakten geprüft und gekennzeichnet wurde. Deshalb fordern wir Facebook dringend auf, ALLE Nutzer, die solchen Inhalten zum Opfer gefallen sind, zu warnen. Das bedeutet, einen Schritt weiterzugehen als die bloße Kennzeichnung, nämlich indem den Nutzern rückwirkend Richtigstellungen mitgeteilt werden. 

Zweitens müssen die Plattformen ihre Algorithmen entgiften, die bestimmen, was den Benutzern angezeigt wird. Das bedeutet, dass gefährliche Lügen sowie diejenigen Seiten und Gruppen, die sie verbreiten, in den Benutzer-Feeds herab- und nicht heraufgestuft werden. Schädliche Fehlinformationen sowie Seiten und Kanäle, die "Wiederholungstätern" gehören, die diese Informationen verbreiten, sollten ebenfalls aus den inhaltsempfehlenden Algorithmen herausgenommen werden. Die Algorithmen konzentrieren sich derzeit mehr darauf, die Benutzer online zu halten, als ihre Gesundheit zu schützen. Und das führt zu einer Beeinträchtigung des gesellschaftlichen Wohlbefindens.

Technologieunternehmen, die sowohl die Verbreitung von Ideen erleichtern, als auch davon profitiert haben, befinden sich in einer unvergleichlichen Machtposition und sind dafür verantwortlich, der tödlichen Verbreitung von Fehlinformationen entgegenzuwirken, um zu verhindern, dass soziale Medien unsere Gesellschaft kränker machen. Um Leben zu retten und das Vertrauen in die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung wiederherzustellen, müssen die Tech-Giganten aufhören, die Lügen, Verdrehungen und Fantasien, die uns alle bedrohen, weiter anzufachen

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