Computerviren "I Love You" hat Geburtstag


Vor fünf Jahren breitete sich das "I Love You"-Computervirus epidemisch aus. Es verursachte Milliardenschäden - und hatte dennoch positive Nebenwirkungen, meinen Experten.

Der Angreifer hatte sich eine besonders hinterhältige Tarnung ausgesucht: Die Attacke kam scheinbar von einem Freund oder Bekannten und sah aus wie ein Liebesbrief. Am 4. Mai 2000 fanden Millionen von Internetnutzern weltweit eine E-Mail mit der Betreffzeile "I love you" (Ich liebe Dich) in ihren elektronischen Postfächern. Sobald sie das Schreiben öffneten, verschickte sich das Virus an weitere Empfänger, bei denen das Ganze von vorne begann. Durch ihr massenhaftes Auftreten legte die Mail die Datennetze von Firmen und Behörden lahm und verursachte Staus im gesamten Internet.

Vom "bösartigsten, schädlichsten, teuersten und am schnellsten um sich greifenden Virus in der Computergeschichte" war anschließend die Rede. Zu den Geschädigten gehörten namhafte Unternehmen wie der Tourismuskonzern TUI und der Axel-Springer-Verlag. Nicht einmal das US-Verteidigungsministerium entging dem Angriff. In Deutschland war laut einer Umfrage jedes fünfte Unternehmen betroffen. Die Schweizer Rückversicherung Swiss Re bezifferte den Schaden später auf weltweit rund 2,9 Milliarden Euro und stufte die Virus-Attacke als größte von Menschen verursachte Katastrophe des Jahres 2000 ein.

Christoph Fischer vom Virentestcentrum Karlsruhe erklärt die verheerende Wirkung des so genannten Wurms "I love you" damit, dass er sich in kürzester Zeit so weit verbreiten konnte. Anders als konventionelle Viren benötigen Würmer dazu keinen Benutzer als "Wirt", der den Dateianhang aktiv verschickt. "Das hat die Unternehmen völlig auf dem falschen Fuß erwischt", sagt Fischer.

Nichts Besonderes mehr

Aus heutiger Sicht war das "I love you"-Virus nur einer unter vielen. "Seitdem hat es Hunderte vergleichbare Würmer gegeben", sagt Fischer. Neuere Mail-Schädlinge seien meist technisch aufwendiger und gefährlicher. So sieht der Sprecher des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, Michael Dickopf, die größte Gefahr heute in Würmern, die so genannte Trojaner einschleppen. Diese unbemerkt vom Benutzer installierten Programme können großen Schaden anrichten, indem sie etwa heimlich Passwörter oder Kontodaten ausspionieren.

Geschärftes Problembewusstsein

Die bleibende Wirkung des "I love you"-Virus sieht Dickopf vor allem darin, dass er das Bewusstsein der Computerbenutzer geschärft habe. "Heute hat fast jeder ein Programm zum Schutz vor Viren - das war damals nicht so."

Wird es ein Ende geben?

Strittig ist bis heute, ob das Viren-Problem jemals technisch in den Griff zu bekommen sein wird. Nach Ansicht von Harald Summa, dem Geschäftsführer des Verbands der deutschen Internetwirtschaft, liegt der Schlüssel dazu bei den Computerherstellern. Auch bei einem Auto sei es doch selbstverständlich, dass der Endverbraucher ein sicheres Produkt bekomme und es nicht erst aufrüsten müsse. Bei Rechnern mit Unix- oder Apple-Betriebssystemen gelinge dies auch heute schon weit besser als bei den im PC-Markt dominierenden Systemen von Microsoft.

Daniel Bachfeld, Redakteur der Computerzeitschrift "c't", glaubt dagegen nicht an eine technische Ausrottung der Viren. "Das letzte Problem ist immer der Anwender", sagt er. Bei den Betriebssystemen und Anwendungen habe sich in puncto Sicherheit seit dem "I love you"-Virus kaum etwas getan - ebenso wie auf rechtlicher Ebene.

Der mutmaßliche Programmierer des Wurms wurde niemals gerichtlich belangt, weil es dafür in seinem Heimatland, den Philippinen, keine Rechtsgrundlage gab. In Deutschland wurden inzwischen erste Viren-Entwickler wie der des Wurms "Sasser" vor Gericht gestellt, ebenso etwa in den USA oder Kanada. Dennoch ließen sich die Internet-Saboteure letztlich nicht aus der Welt schaffen, glaubt Bachfeld: "Was will man tun, wenn jemand in China, Korea oder irgendwo in Afrika sitzt?"

Christoph Dreyer/DPA DPA

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