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Die Facebook-Debatte Darum bin ich wieder drin


Facebook boykottieren oder nicht? stern-Kolumnist Ulrich Jörges hat eine Debatte losgetreten. Hier erklärt View-Kollege Gerd Blank, warum er nach einer Facebook-Pause wieder aktiv ist.

Ich gehöre zu den Einerseits-Andererseits-Leuten. Ich weiß, dass Autofahren gefährlich und blöd für die Umwelt ist, dennoch nutze ich mein Auto gern. Alkohol ist schädlich, aber ein Gläschen Wein oder eine Flasche Bier lasse ich mir ab und zu schmecken. Und obwohl Facebook einige Probleme damit hat, mit meinen Daten vernünftig umzugehen, habe ich ein Konto im sozialen Netz. Wieder. Denn erst war ich begeisterter Nutzer, dann bin ich ausgetreten, weil ich mich über personalisierte Werbung und komplizierte Privatsphäre-Einstellungen geärgert hatte. Doch die Abstinenz hielt nicht lang, nur drei Monate habe ich auf Facebook verzichtet. Auch wenn ich gute Gründe hatte, meine Mitgliedschaft zu beenden - ich hatte noch viel bessere Gründe, wieder dabei zu sein.

Man braucht nur den Fernseher einzuschalten, um etwas über die Bedeutung von Facebook zu erfahren. Aber nicht die Nachrichten oder eine Reportage über das Zuckerberg-Unternehmen - die Castingshow "The Voice of Germany" genügt völlig. Denn wenn die Kandidaten im Warteraum gezeigt werden, hat fast jeder ein Smartphone oder ein Tablet-PC in der Hand und checkt neue Statusmeldungen und Freundschaftsanfragen. Dasselbe Bild jeden Tag in der S-Bahn: Immer mehr Fahrgäste zücken ihr Telefon, um ja keine Meldung des Freundeskreises zu verpassen. Und es sind nicht mehr nur die ganz jungen Leute, die sich im sozialen Netz sicher bewegen. Viele ältere Menschen sind dort aktiv - nicht immer zur Freude deren Kinder.

Ich bin vorsichtiger geworden

Allerdings sind natürlich die meisten meiner vernetzten Kontakte keine echten Freunde. Im normalen Leben würde ich sie als Bekannte bezeichnen, Menschen mit denen ich mich gut verstehe, die ich aber meistens nicht vermisse, wenn ich sie nicht sehe. Dennoch freue ich mich über Lebenszeichen von ihnen - ohne, dass sie mich unbedingt persönlich angesprochen haben. Ob Urlaubsgrüße, Einkaufserfolge oder Hundebilder: Bei Facebook erfahre ich ein wenig darüber, was im Leben meiner "Freunde" passiert. Und zwar soviel, wie sie mich und ihre anderen Kontakte wissen lassen wollen.

Natürlich gibt es eine Menge Dinge, die mich an Facebook nerven. An manchen ist Facebook schuld, wie zum Beispiel daran, dass üble Gesellen immer häufiger durch manipulierte Anwendungen Spam verschicken und Kontodaten klauen können. Es kann mir keiner erzählen, dass dies nicht zu vermeiden wäre. An anderen Dingen sind meine Freunde schuld, die so viel Nonsens zu erzählen haben, dass meine Infoseite regelrecht zugemüllt wird. Aber da bin ich inzwischen so weit, dass ich diese Kollegen einfach wieder lösche oder deren Kommentare ausblende. Denn, und das habe ich inzwischen gelernt: Wie im realen Leben ist man selbst verantwortlich, welche Infos man preisgibt und mit wem man sich abgibt.

Nach meiner Facebook-Rückkehr habe ich mein Verhalten grundlegend geändert. Ich veröffentliche hauptsächlich banale Beiträge, poste Bilder von meinem Hund oder meinen Koch- und Backergebnissen. Oder ich kommentiere die Beiträge meiner Freunde und Kollegen. Gerne drücke ich hier und da auch mal den "Gefällt mir"-Button. Regelmäßig überprüfe ich, welche Anwendungen und Services sich in mein Profil eingeschlichen haben und welche Rechte sie haben - was meistens mit einem Löschen dieser Anwendungen einhergeht.

Anfangs Spielerei, später unverzichtbar

Für mich ist Facebook inzwischen so etwas wie vor fast 20 Jahren mein erstes Handy: anfangs eine Spielerei, später unverzichtbar. Ich bekomme kaum noch private Kurznachrichten oder E-Mails, sondern Nachrichten per Facebook. Der Service erinnert mich an Geburtstage oder andere Termine. Einladungen zu Partys oder Konzerten laufen über eine einzige Website. Und durch die Verknüpfung mit dem Handy habe ich überall Zugriff auf alle Daten. Ich bekomme Film- und Konzerttipps, finde Leute mit ähnlichen Interessen und erfahre etwas über Aktionen meines Lieblingsrestaurants - all das, ohne unzählige Browserfenster zu öffnen.

Es wird niemand gezwungen, sich bei Facebook anzumelden. Nur werden künftig immer mehr Services anderer Anbieter ein Facebook-Konto voraussetzen. Wer sich also dem sozialen Netz verweigert, wird möglicherweise auch auf andere Dienste verzichten müssen - und muss sich dann nicht wundern, wenn er Strömungen, Trends und Stimmungen nicht mehr mitbekommt oder gar versteht.

Wer weiß, vielleicht ist meine Zeit mit Facebook nur begrenzt, weil schon ein anderer Dienst eines anderen Unternehmens meine Informations- und Kommunikationsbedürfnisse noch besser befriedigt. Aber derzeit macht es kein anderes Angebot besser. Mein Kollege Florian Güßgen hat Recht: Verteufeln oder ignorieren ist der falsche Weg. Wir müssen lernen, mit Facebook und Co. umzugehen - nur dann kann man die Gefahren und die Vorzüge der Dienste richtig einschätzen. Ich habe gelernt.

Von Gerd Blank

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