Digitales Rechte-Management Musik - bald ohne Maulkorb?


Die Front der Musikunternehmen, die beim Onlineverkauf auf Kopierschutz und Nutzungsbeschränkungen bestehen, bröckelt: Auf iTunes bietet nun das große Label EMI ungeschützte Songs an, bei Musicload sind es verschiedene kleine Firmen.

Seit Jahren basteln Plattenfirmen und Download-Portale an Konzepten für den Kopierschutz von digitaler Musik herum. Keine Technik hat bisher alle Beteiligten restlos zufrieden stellen können. Inzwischen wird schon wieder von einem Comeback für den offenen MP3-Standard gesprochen. "Die Front der Befürworter eines Digitalen Rechte Managements (DRM) beginnt zu bröckeln", heißt es in einem Newsletter des zur Gruppe der Deutschen Telekom gehörenden Download-Portals Musicload. "Ohne ein technisch einfaches Produkt kann sich der legale Downloadmarkt nicht in dem gewünschten Maße entwickeln", erklärt Musicload-Manager Joachim Franz dazu. "Klar ist aber auch, dass unsere Partner aus der Musikindustrie ihr Urheberrecht geschützt wissen wollen. Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden, die beide Aspekte berücksichtigt."

Ärgerlich für die Verbraucher ist es vor allem, wenn ein legal gekaufter Song nur deswegen nicht mehr abgespielt werden kann, weil man sich einen anderen MP3-Player zugelegt hat. Die rasche Folge von neuen und preiswerteren Abspielgeräten macht die Forderung nach "Interoperabilität" immer dringlicher - darunter versteht man die Möglichkeit, Download-Musik auf jeder Art von Player zum Klingen zu bringen.

Verbraucherschützer kritisieren Apple

Diese Forderung macht auch nicht Halt vor Platzhirsch Apple, der die Branche mit iPod und iTunes nicht nur in Bewegung gebracht hat, sondern auch weiter anführt. Verbraucherschützer aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Norwegen haben sich zusammengeschlossen, um Apple zu einer Lockerung seiner Nutzungsbedingungen zu bringen. "Verbraucher haben ein Recht, online gekaufte Musik auf Abspielgeräten ihrer Wahl spielen zu können", erklären die Initiatoren. Die EU-Kommission hat ein Kartellverfahren gegen iTunes eingeleitet. Die Konsumenten seien in ihrer Wahl, wo und welche Musik sie kaufen könnten, beeinträchtigt. Apple hat nun zwei Monate Zeit, um auf die Vorwürfe der Kommission zu reagieren.

Apple setzt in seinem Online-Shop eine DRM-Technik ein, die nur der iPod unterstützt. Das Übertragen auf andere Player ist nur über dem Umweg möglich, eine CD mit Songs im MP3-Format zu brennen. Apple-Chef Steve Jobs reichte den Schwarzen Peter allerdings flugs an die großen Musikanbieter weiter: iTunes könne für andere Player geöffnet werden, falls die Plattenfirmen auf DRM verzichteten. Die Verbraucher sollten sich daher an die vier Großen der Branche wenden - Universal Music, EMI, Sony BMG und Warner Music. Tatsächlich wird bei den Plattenfirmen offenbar bereits über einen solchen Schritt nachgedacht - und das britische Label EMI ist schon einen Schritt weiter.

EMI wagt den ersten Schritt

Als erster großer Musikkonzern will EMI Musik ohne Kopierschutz im Internet vertreiben. Damit können Verbraucher online gekaufte Titel auf jedem Player uneingeschränkt nutzen. Apples iTunes Music Store soll die erste Plattform sein, auf der das neue Angebot verfügbar sein wird. "Unser Ziel ist es, den Konsumenten das bestmögliche digitale Musik-Erlebnis zu bieten", sagte EMI-Chef Eric Nicoli. Die von EMI vertriebenen Songs der Beatles gehören vorerst jedoch nicht zum Angebot, wie Nicoli betonte. Daran werde noch gearbeitet. Der Musikkonzern ist seit den 60er Jahren Distributor der Beatles.

Mit dem Format ohne Kopierschutz sollen die Musikstücke auch eine deutlich bessere Klang-Qualität besitzen. Apple verkauft die Songs künftig mit einer doppelt so hohen Bitrate wie bisher (256 statt 128 Kilobit pro Sekunde in der MPEG-4-Variante AAC). Das neue Angebot von EMI soll das bisherige Angebot allerdings nicht ersetzen, sondern ergänzen. Einzelne Songs sollen in der verbesserten Qualität statt zum üblichen Preis von 99 Cent für 1,29 Dollar beziehungsweise Euro angeboten werden. Alben mit höherer Qualität will das Plattenlabel jedoch zum gleichen Preis verkaufen wie kopiergeschützte.

Apple-Chef Steve Jobs erwartet, dass bis Jahresende die Hälfte aller Songs in iTunes ohne Kopierschutz angeboten werden. "Unsere Kunden werden das lieben." Jobs hatte im Februar die Verantwortlichen der Musikindustrie in einem offenen Brief aufgefordert, auf einen Kopierschutz generell zu verzichten. Die gängigen Systeme würden ohnehin nicht verhindern, dass Musik illegal kopiert werde.

Musicload bietet ungeschützte MP3-Songs

Musicload hat in den vergangenen Wochen bereits mehrere kleinere Labels zum Umstieg vom DRM-Format WMA auf MP3 gewinnen können. Musicload-Vizepräsident Franz nennt unter anderem Daredo, Rebeat Music, Spectre Media und ZYX Music und fügt hinzu: "Wir wollen in naher Zukunft etwa ein Viertel der bei Musicload erhältlichen Musik im MP3-Format anbieten." Dieses Format habe auch den Vorteil, dass es von fast allen verfügbaren Geräten unterstützt werde.

Ein Verzicht auf DRM hätte auch ganz praktische technische Vorteile. Gerätetests zeigen, dass die Batterieleistung eines MP3-Players einige Stunden länger reicht, wenn der Prozessor des Geräts nicht erst bei jedem Song komplizierte DRM-Algorithmen berechnen muss.

san mit AP/DPA DPA

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