Illegaler Datentausch Musikindustrie setzt auf Abschreckung


Die Vertreter der Musikindustrie jammern und versuchen alles, um den illegalen Download ihrer Waren im Netz zu stoppen. So initiieren sie jährlich tausendfache Strafverfahren gegen Urheberrechts-Verletzer. Jetzt wollen sie sogar die Internet-Provider zu Komplizen machen.

Stefan Michalk ist sauer: "Ich verstehe nicht, warum es keinen Warnhinweis auf PCs gibt: Vorsicht, hier gibt es Internet-Piraterie!" Der 45-jährige Westfale arbeitet als Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie, des mächtigsten deutschen Lobby-Verbandes der großen und einiger kleiner Plattenfirmen. Deren Hauptsorge scheint darin zu bestehen, den illegalen Download ihrer Musik-Alben im Internet zu stoppen oder zumindest zu dämpfen. Denn der Umsatz der Musikindustrie schrumpft seit zehn Jahren, angeblich, weil allein hierzulande dreieinhalb Millionen Menschen Pop-Stücke oder ganze Musik-Alben mittels Filesharing (siehe Glossar-Kasten) auf ihre Festplatten laden.

Und "wer Hunderte oder Tausende Stücke runterlädt, der ist kein Konsument mehr", sagte Michalk auf einer Presse-Veranstaltung, die am 16. April dieses Jahres in den Büroräumen der Promedia GmbH stattfand.

Kaufleute und Piratenjäger

Die Promedia sucht im Internet nach eben diesen Ex-Konsumenten, die Hunderte, Tausende, Zehntausende Musikstücke und Spielfilme auf ihre Festplatten laden und selbst wiederum zum Herunterladen anbieten. In einem Raum sitzen sechs junge Frauen und Männer, die meisten von ihnen Jura-Studenten. Sie starren auf PC-Monitore, die das Treiben in der Tauschbörse eDonkey zeigt. Bietet ein Nutzer hier dauerhaft große Mengen an Musik-Dateien an, wird er von den Überwachern ins Visier genommen.

Sind nagelneue Musik-Alben dabei, dokumentieren die Fahnder das Treiben, notieren die Internet-Adresse (IP) des verdächtigen Computers und leiten den Fall weiter an das Anwaltsbüro Rasch, das den Menschen hinter der Internet-Adresse ermittelt und die Einleitung eines Strafverfahrens beantragt. Auf die Frage, ob ein Strafverfahren angemessen sei bei einem kleinen Urheberrechtsvergehen, antwortet Michalk: "Die Nutzer wissen, dass das, was sie in den Tauschbörsen tun, illegal ist." Das bestätigt der anwesende Anwalt Clemens Rasch: "Dass die Musik-Piraten vollkommen überrascht sind, das gibt es heute kaum noch. Das war früher anders. Also hat die Aufklärung gewirkt."

"Aufklärung" und Partnersuche"

Die "Aufklärung" besteht aus Kampagnen, die Daten-Tauscher mit Schwerkriminellen gleich setzen, was souveräne Staatsbürger gegen die Musikindustrie aufbringt. "Wenn ich von den Plattenbossen erst einmal verdächtigt werde, ihre Musik zu klauen, dann hab ich keine Lust, für blöde Kaufhaus-Pop-Platten Geld auszugeben", formuliert ein Internet-Foren-Teilnehmer seinen Unmut. Die Musik-Industrie verstärkt indes ihre Klage-Strategie. "Wir erhöhen die Verfahrensmenge bewusst. Jeder soll jemanden kennen, der schon einmal verklagt wurde. Dabei wollen wir niemanden wirtschaftlich ruinieren und passen die Vergleichssumme den jeweiligen Lebensumständen an", beschwichtigt Michalk.

Diese Strategie hat nur geringe Auswirkungen auf die Download-Freudigkeit der Menschen. Zwar stieg der legale Download-Markt via Musicload.de, Apples iTunes Store und anderer Download-Portale im Jahre 2007 um rund 40 Prozent, doch das sind gerade einmal 35 Millionen Stücke, ein winziger Teil des rund 1,6 Milliarden Euro schweren Gesamtmarktes. Michalk gibt zu: "Die Entdinglichung ist ein Problem: Das Medium Musik ist wenig greifbar, es kommt vor als Fahrstuhlmusik, im Kaufhaus, im Schwimmbad. Es wird immer schwieriger, den Wert des Guts zu fassen." Andererseits schrumpft die Menge der aus Tauschbörsen geladenen Musik-Stücke laut einer GfK-Studie im Auftrag der Musikindustrie im Jahre 2007 von 374 auf 312 Millionen Stück.

Michalk reicht das nicht, er favorisiert das "französische System". Unter Federführung von Frankreichs Präsident Sarkozys sollte dort ein Gesetz erlassen werden, das es dem Internet-Zugangsanbieter erlaubt, illegale Daten-Tauscher vom Internet abzuschneiden; eine spezielle Behörde sollte die Einhaltung des Gesetzes kontrollieren.

Erst im April kippte das EU-Parlament dieses Vorhaben - mit knapper Mehrheit. Wenn T-Online, Hansenet, 1&1 & Co. tatsächlich verpflichtet wären, die "Musik-Piraten" kalt auszusperren, wäre die Musik-Industrie eine große Sorge los. "Provider müssen eigentlich ein Interesse daran haben, etwas gegen Internet-Piraterie zu tun", sagt Michalk. Immerhin verursachen die illegalen Musik- und Film-Downloads hohe Kosten auf Seiten der Zugangs-Anbieter. Doch der Daten- und Persönlichkeitsschutz ist keine Kleinigkeit, T-Online & Co. fürchten, eine offensive Kooperation mit der Musikindustrie könne die Kunden in Scharen zur freimütigen Konkurrenz treiben: Wer möchte schon gern, dass der Inhalt seines Internet-Verkehrs überwacht wird?

Peter Kusenberg/DigiText

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker