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Serie "Vinyl": Ein "Mad Men" der Musikindustrie

Wenn Martin Scorsese und Mick Jagger gemeinsame Sache machen, heißt das Ergebnis "Vinyl". Hinter dem schlichten Serientitel versteckt sich in Wahrheit ein wildes 70er-Jahre Porträt der Musikbranche.

Von Christine Kruttschnitt

Bobby Cannavale spielt den Labelboss in "Vinyl"

Bobby Cannavale spielt den Labelboss in "Vinyl"

Bobby Cannavale ist eine Naturgewalt. Ein großer, muskulöser Mann mit schwarzen Augen und einem dicken Schopf dunkler Haare, der ihm beim Sprechen immer wieder über die Augenbrauen fällt – dicke Brauen sind das, von denen man ahnt, dass sie in zwanzig Jahren buschig sein werden wie Waschbärenschwänze. Schwarze Haare schießen scheinbar aus jeder Pore, seine Arme sind fellig, seine Hände groß und rau, als hätte er damit Mauern verputzt. Er trägt eine abgegriffene Lederjacke, und wenn er zur Tür hereinkommt, weicht man unwillkürlich einen halben Meter zurück, um ihm Platz zu machen. "Filmen ist Kampfsport", raunt der 45-Jährige und funkelt unter der Tolle hervor. "Wenn ich abends heimkomme und nicht müde bin, habe ich etwas falsch gemacht."

Dieses dominierende Tremolo war es, das Martin Scorsese gleich gefallen hat an seinem Hauptdarsteller: Der Regisseur – etwa halb so groß wie der Schauspieler – wies ihn sogar an, in Szenen immer dicht an seine Mitspieler heranzutreten und sie anzufassen, ein Schulterklopfen hier, ein Tätscheln am Arm dort, immer schön bedrohlich wirken, immer überlebensgroß. Bobby Cannavale ist schließlich mehr als nur der Star in "Vinyl": Er ist die Seele dieser neuen Fernsehserie über die Musikindustrie, und wie immer, wenn der Katholik Scorsese sich der Seele widmet, muss sie, ehe sie Erlösung findet, erstmal durchs Schleuderprogramm. Und so spielt Cannavale – der in TV-Komödien wie "Will und Grace" ganz allerliebst charmieren kann – einen Getriebenen, einen Besessenen, einen Geplagten; er mischt zwar nicht die Unterwelt, nur die Subkultur auf, doch sein Job als Chef eines New Yorker Plattenlabels scheint mindestens so aufreibend wie der eines Goodfellas.

New York der 70er: lange Koteletten, kurze Röcke

In der zehnteiligen Reihe, die Amerikas Pionierkabelsender HBO Mitte Februar mit angemessenem Getöse lanciert hat, verfügt Cannavale als Richie Finestra über ein offenbar untrügliches Ohr für gute Musik – aber leider auch eine Nase für Drogen. Richies Definition von Rock’n’Roll hört sich ziemlich genau so an wie die seines Lieblingsstoffs Kokain: "Schnell, schmutzig, und es haut dich um."

Nach der Ganovenserie "Boardwalk Empire", die der preisgekrönte Drehbuchautor Terence Winter erdacht und mit Scorsese produziert hatte, ist "Vinyl" der zweite, wenn man so will historische Stoff des Erfolgsgespanns. Denn wir befinden uns im New York der frühen siebziger Jahre, im Sound- und Modenmix von bärtigen Hard-Rockern, androgynem Glam-Rock, Disco-Fuzzis und frühem Punk, Warhol-Factory-Künstlern und ersten Hip-Hoppern in der Bronx. Kokain – übrigens ebenso wie HBO – macht sich in der Stadt breit. Koteletten sind lang, Röcke kurz, und Rockmusik – etwa ein halbes Jahrhundert vor Justin Bieber – ist weit mehr als nur der Soundtrack einer Generation. Nämlich Rebellion, Religion, Rausch: "Damals", sagt Terence Winter, "war Musik viel radikaler, politischer und wichtiger. Heute ist Rock’n’Roll nur noch Entertainment."

"Es war unheimlich viel los damals", bestätigt Mick Jagger, dito einer der "Vinyl"-Produzenten, der mit den Rolling Stones damals als "größte Rock’n’Roll-Band der Welt" gefeiert wurde. Jagger hatte Scorsese, der eine Kino-Dokumentation über die Briten gedreht hatte, vorgeschlagen, jene Ära aus der Perspektive der Platten- und Erfolgsmacher zu schildern; eine Art "Mad Men" mit Musik, gefüttert von seinem Insider-Wissen.

"Vinyl" - ein nostalgischer Traum, Richie - ein durchgedrehter Forrest Gump

Herausgekommen ist nun ein Porträt der Ton-Industrie als korrupter, aufgeblähter Gemischtwarenladen: Radiosender werden geschmiert, Künstler geknebelt, Talente verheizt. Darüber gehen Ehen kaputt, zerbrechen Freundschaften – aber es jagen eben alle dem nächsten Hit hinterher, gieren nach dem nächsten Phänomen, glauben fest an die Magie, die vom perfekten Rock-Song ausgeht. Oder, wie Richie es ausdrückt: "Ich will den Song, bei dem sich dir die Haare im Nacken sträuben, zu dem du tanzen oder ficken willst!" Bei letzterem ist er ausgiebig zu beobachten, schließlich handelt es sich bei Sex & Drugs & Rock’n’Roll um einen harmonischen Dreiklang.

Elvis taucht auf, Janis Joplin, Alice Cooper – im Grunde ist "Vinyl" ein großer nostalgischer Traum, durch den Richie stolpert wie ein durchgedrehter Forrest Gump. Man schaut sich die Herren Jagger (72), Scorsese (73) und Winter (55) an und wird den Verdacht nicht los, dass da eine Serenade auf Zeiten gefiddelt wird, in denen alles besser war – die Musik, die Ideale und sogar die Drogen (gegen das, was Richie sich die Nase hochzieht, scheint heutiges Kokain Traubenzucker).

"Rockismus" nannte das vor einigen Jahren die "Times" – als Beschreibung der Sentimentalität, die vorwiegend Ü-50s befällt, wenn sie Band-Namen wie Led Zeppelin hören oder Langspielplatten in Händen halten. Das Vinyl-Revival hält weltweit an: Auch Bobby Cannavale sammelt Alben und schwärmt vom Kick, den ihm das Aufsetzen der Nadel auf PVC gibt.

Er sei altmodisch, gibt er zu. Der Schauspieler, der im Kino Nebenrollen in Woody Allens "Blue Jasmine" und im Actionfilm "Ant-Man" gespielt hat, renoviert gerade – jawohl, mit eigenen Händen – ein Haus in Brooklyn. Dort lebt er mit seiner Freundin, der Schauspielerin Rose Byrne, und ihrem gemeinsamen Baby. Er habe einen riesigen Plattenspieler installiert, erzählt er stolz. Seine Musik? Bruce Springsteen, Bob Dylan. In die 70er Jahre arbeitet er sich gerade erst vor; beziehungsweise zurück.

HBO indes steuert in die Zukunft und hat "Vinyl" um eine weitere Staffel verlängert. Die Einschaltquoten waren zwar nicht sensationell. Doch bei der Konkurrenz – dem Online-Giganten Netflix und dem Kabelsender Showtime – stecken ähnliche Projekte in der Pipeline, Serien über Musik und Zeitgeist der 70er. Ganz offensichtlich setzen Programmmacher auf Nostalgie.

Und dabei wird so vieles besser mit der Zeit. Man nehme Bobby Cannavale.