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Kolumne - Neulich im Netz: @uch das noch: 20 Jahre E-Mail

Am 2. August 1984 war es hierzulande vorbei mit der medialen Steinzeit. Informatiker an der Karlsruher Universität verschickten ihre erste Elektropost. Das hätten sie mal besser gelassen.

Was damals das rein wissenschaftliche Vergnügen einiger blassgesichtiger Computerbastler war, ist heutzutage Allgemeingut. Mama, Papa, Oma, Opa, Kind, Chef, Mitarbeiter, Knacki - alle mailen sich die Finger wund. Müssten sie das, was sie eigentlich nicht zu sagen haben, auf Papier schreiben, couvertieren und zur Post bringen, sie würden es nie und nimmer tun. Weil digital, wird aber jeder Unsinn in den Rechner gehackt und in die Umlaufbahn geschickt. Tagtäglich hagelt es Millionen nutzloser Nachrichten wie "Danke" oder "ok".

Unverbesserliche Gutmenschen, euer Auftritt: Wenigstens die Jungen lungern so nicht auf den Straßen herum und schlagen alte Menschen mit Eisenstangen oder lassen Hausschlüssel über sündhaft teure Metalliclacke kratzen. Und außerdem schreiben sie, was ja auch ein Zeichen ist wider die grassierende Blödheit im Lande. Obendrein lernen sie ... Genug! Schreiben tun sie wohl, aber zumeist falsch. Weil so digital und so schnell, ist Rechtschreibung Nebensache - und zwar alters- und bildungsübergreifend. Tests bewiesen schließlich, dass nur der erste und der letzte Buchstabe an der richtigen Stelle stehen muss, um ein Wort zu vetsreehn.

Wärme in den Alltag bringen

Gutmenschen, ihr dürft noch mal: Im Zeitalter des vollverkabelten Sozialautismus bringen E-Mails Wärme in den Alltag. Da, schau, da ist doch jemand, der sich für mich interessiert. Ein Mensch, der liebe Worte für mich hat, der an meinem Schicksal teilhat, der sich sorgt, mit mir leidet und sich freut, wenn... Genug! Sicherlich gibt es sie auch, die liebe Patentante, die den von Taliban oder Friendly Fire waidwund gesprengten Neffen grüßt im afghanischen Lazarett, der entflammte Etagenbewohner, der seine Nachbarin bezirzt mit wohlfeilen Versen, und all die anderen, die Licht in die Tristesse des 21. Jahrhunderts bringen.

Doch sie sind nicht mehr als ein Holzspänlein in einer gigantischen Lagerhalle. Kaum der Rede wert angesichts der Milliarden sinnleerer Elektrobriefe, die Tag für Tag den Globus umschwirren - und mitunter im kolumneneigenen Postfach landen: China Stein offeriert Steine aus China, wohl Post für stern.de-Redakteur Ralf Sander, da weder Augustin noch Hirschbiegel derzeit ein Haus planen. Mariano Myers will Schulden "sofort" um 70 Prozent reduzieren, was selbstverständlich für alle interessant ist, weswegen wir Marianos Post gleich großflächig weiterleiteten. Adolph Lockhart verkündet diesmal nicht den totalen Krieg, sondern die bevorstehende Explosion der Aktienmärkte. Und weil es mit Chemie gerade noch mal so gut brennt, empfiehlt er bei dieser Gelegenheit entsprechende Geldanlagen. Des Weiteren die üblichen Verdächtigen: Schlaf- und Potenzmittel, Mittel zum Abnehmen, Lebensversicherungen, "Wanttowatchmes" von Vera, Elena, Sheena und einer Heerschar weiterer Damen, unbegrenzte Musik- und Film-Downloads oder Doktortitel für ein paar Groschen.

Endlich nicht mehr dem Doktorvater nachsteigen müssen

Immerhin: Akademische Grade gab es nie so günstig wie heute. Früher musste man noch etwas wissen oder zumindest Experte im ausdauernden Doktorvater-Brownnosing sein. Heute genügt eine schlichte Antwortmail. Wie praktisch.

Thomas Hirschbiegel
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