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Machtrückgabe in Mountain View: Macht Larry Page Google wieder verrückt?

Am Montag nimmt Google-Gründer Larry Page nach zehn Jahren wieder auf dem Chefsessel Platz. Er ist berüchtigt für seine verrückten Ideen. Alles deutet nun darauf hin, dass der Konzern unter Page noch unberechenbarer wird.

Von Andrea Rungg

Larry Page ist noch gar nicht im Amt, da bekommt der baldige Google-Chef bereits Grenzen aufgezeigt. Grenzen, so etwas gibt es eigentlich in der Gedankenwelt von Page nicht. Wenn man wenig über ihn weiß, dann würde man den bald 38-Jährigen als Fantasten bezeichnen. Kaum etwas beschreibt seine Grenzenlosigkeit besser als seine Idee, Bücher zu scannen. Es ist ein Tag im Mai 2002. Eric Schmidt, offizieller Google-Chef, tritt ins Büro von Larry Page. Der Gründer des Suchmaschinenbetreibers führt Schmidt seine neueste Erfindung vor. Eine Maschine, die den Bund von Büchern entfernt und Seiten scannt. "Was willst du damit machen?", fragt Schmidt. "Wir werden alle Bücher dieser Welt scannen", sagt Page. Google solle eine "Superbibliothek" werden. "Wo sind alle Bücher?", fragt Page. Schmidt sagt, der größte Bücherbestand der Welt stehe in der Forschungsbibliothek des US-Kongresses in Washington. "Gut, dann werden wir mit denen einen Vertrag machen", sagt Page. "Du bist Larry", erinnert Schmidt ihn, "niemand interessiert sich auch nur einen Dreck für dich".

Doch einen Larry Page schüchtert keine noch so barsche Antwort ein. Schmidt und Page kommen überein, dass sie ihren Freund und Berater Al Gore für ihre Pläne einspannen, den ehemaligen US-Vizepräsidenten. So überliefert die Geschichte Ken Auletta, Autor des Buchs "Googled: The End of the World as We Know It".

Geht nicht gibt es nicht

Sie erzählt den Anfang des Google-Buch-Projekts, des Larry-Page-Projekts. 150 Millionen Bücher will Page einscannen lassen, bei 15 Millionen ist Google angekommen. Doch während Page fast kindlich naiv davon spricht, alles in der Welt verstehen und ordnen zu wollen und es dann den Nutzern zur Verfügung zu stellen, regt sich Widerstand. Verlage und Autoren klagen Google an. Page und Google verletzten das Urheberrecht, heißt es. Doch Google kämpft. Geht nicht gibt es nicht. Ein Larry Page kennt keine Grenzen. "Selbst wenn du mit deinen Ambitionen scheiterst, ist es sehr schwer, komplett zu versagen", sagte er einst. "Das ist etwas, was viele nicht verstehen."

Google - das ist den Gründern Page und Sergey Brin zufolge kein normaler Konzern. Immer wieder beklagen Analysten oder andere sogenannte Experten, dass Google zu viele Projekte gleichzeitig anfange. Das Unternehmen scannt Bücher, betreibt die Videoplattform Youtube, arbeitet an automatischer Übersetzung, will Autos automatisch fahren lassen, bietet Internettelefonie und Spracherkennung an, betreibt Software zur Erkennung von Gegenständen, hat ein Betriebssystem für Handys, programmiert einen Browser namens Chrome und will daraus auch gleich ein zweites Betriebssystem basteln. Und, und, und.

Manchmal, so scheint es, verkommt das eigentliche Kerngeschäft, die Google-Suchmaschine, die Erfindung Pages, fast zu einer Nebensache. Nur wenige Menschen verstehen, dass vieles irgendwie miteinander zusammenhängt oder mal zusammenhängen wird.

Warum Google nicht normal ist

"Google ist kein normales Unternehmen. Wir haben nicht die Absicht, normal zu werden", warnte der Suchmaschinenbetreiber potenzielle Investoren bereits 2004 in einem Dokument an die US-Börsenaufsicht SEC. Immerhin erlöste der unnormale Konzern des so grenzenlosen Page vergangenes Jahr 29 Mrd. Dollar, verdiente 8,5 Mrd. Dollar und hortet mittlerweile schlappe 35 Mrd. Dollar. Fast im Wochenrhythmus kauft Google Firmen auf. 2010 waren es 48.

"Man kann Google nicht verstehen, wenn man nicht weiß, dass Larry und Sergey Montessori-Schüler waren", sagt Google-Managerin Marissa Mayer. Sie war nicht nur eine der ersten Mitarbeiterinnen, sondern auch drei Jahre lang die Lebensgefährtin von Page. Sie kennt ihn. Und sagt, Montessori-Schüler lernten nicht, weil ihnen der Lehrer etwas aufträgt, sondern weil sie an etwas interessiert sind. Sie sollen in ihrem Lernen nicht behindert oder kritisiert werden, sondern nahezu grenzenlos ihre Begabungen und Bedürfnisse ausüben.

Erst machen, dann verklagt werden

So kommt es, dass Google häufig eher unkonventionelle Wege geht. Das Management fragt nicht, ob es Bücher scannen darf - es macht es einfach. Wie dabei Autoren für Urheberrechte vergütet werden, darüber macht sich das Unternehmen zunächst keine Gedanken. Google fragt nicht, ob es Häuser für ein Projekt namens Street View fotografieren darf - es macht es einfach. Ob da vielleicht jemand nicht seinen Vorgarten im Internet sehen will, interessiert Google erst, wenn Klagen da sind. Das Unternehmen fragt nicht, ob man für Nutzer ein soziales Netzwerk aus E-Mail-Kontakten erstellen darf - es macht es einfach. Wenn dabei Leute zusammengeführt werden, die absichtlich keinen Kontakt mehr haben, bemerkt man es erst, wenn es zu spät ist.

Was man als Fehler bezeichnen würde, gehört bei Google zum Lernprozess. Page und Brin wollen mit dem Wechsel an der Spitze zum 4. April auch wieder mehr Fehler machen. Der Konzern solle wieder den Geist eines Startups bekommen, kündigte Page an. Das heißt, der Konzern solle auch wieder mehr Fehler machen dürfen, erklärte Mayer kürzlich in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital". "Wir müssen begreifen, dass uns Fehler helfen, mehr für unser Unternehmen und unsere Nutzer zu erreichen", sagte Mayer.

FTD