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Neuer Google-Chef Larry Page: Der Anti-Zuckerberg

Es ist ein Paukenschlag. Ausgerechnet der öffentlichkeitsscheue Gründer Larry Page soll den Weltkonzern Google gegen Herausforderer Facebook wappnen - und den Geist der Anfangsjahre wieder beleben.

Von Florian Güßgen

Die Nachricht ließ das Silicon Valley erbeben: Larry Page, 37, Google-Gründer, Superhirn, Multimilliardär, löst Anfang April den bisherigen Google-Chef Eric Schmidt ab - und zwar mit einer klaren, wenn auch eigentlich unmöglichen Mission. Page soll den Giganten Google im heiß umkämpften digitalen Markt wieder so wendig und innovativ werden lassen wie ein kleines Start-Up-Unternehmen: "Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, Google zu einer großen Firma werden zu lassen, die die Gewandtheit und die Seele und die Leidenschaft und das Tempo eines Start-ups hat", sagte Page der "New York Times". Tägliche Aufsicht durch Erwachsene sei jetzt jedenfalls nicht mehr vonnöten, twitterte der scheidende Chef Schmidt.

Für Google, den Weltkonzern, die Datenkrake, jene mächtige Firma, die das vergangene Jahrzehnt prägte wie kaum eine andere, markiert der Personalwechsel eine Zeitenwende. 2001 hatten Page und der zweite Firmengründer Sergej Brin den Manager Schmidt, Jahrgang 55, zu dem Unternehmen geholt. Denn zwar waren die beiden geniale Entwickler und brillante Erfinder mit hochtrabenden Ideen ("Don't be evil"), aber eben keine Manager. Sie hatten keinen zwingenden Plan, wie man ihren Suchschlitz in eine Geldmaschine würde verwandeln können. Deshalb heuerten sie Schmidt an, als "Erwachsenen", wie fortan unaufhörlich kokettiert wurde. Im August 2001 wurde der erfahrene Manager zum Chief Executive Officer (CEO) gekürt.

Kulturen prallten aufeinander

Die drei bildeten ein mächtiges Triumvirat, in dem Kulturen aufeinanderprallten. Hier der Anzugträger Schmidt, Ingenieur zwar, aber im Kern Manager, der sich als Ex-Novell-Chef in der Welt der Flanellmännchen auskannte, dort die genialen, innovativen Nerds mit Jeans und Sneakern. Sein Job war es, sie Disziplin zu lehren. Das Modell wude zur Erfolgsstory. Google schaffte es, die Vormachtstellung seines Suchschlitzes in Geld zu verwandeln, viel Geld. Der Konzern eroberte im vergangenen Jahrzehnt den Online-Werbemarkt, expandierte ohne Unterlass. Google schluckte Youtube, entwickelte Google Mail und das mobile Betriebssystem Android, um Apple auf dem Markt für mobile Endgeräte Konkurrenz zu machen, brachte den Browser Chrome auf den Markt, erfand Google Street View, scheiterte mit "Wave" und "Buzz" und stieß ins TV-Geschäft vor.

2004 ging Google, unter maßgeblicher Führung Schmidts, an die Börse. Rund 27 Milliarden Dollar war der Konzern damals wert, heute sind es rund 200 Milliarden Dollar. Page und Brin halten die Aktienmehrheit, mehr als 24.000 Menschen arbeiten bei dem Konzern. Milliardäre sind die Gründer - aber auch Schmidt - längst, auch wenn sie für ein Jahresgehalt von einem symbolischen Dollar arbeiten.

Und dennoch verlor Google in jüngster Zeit an Glanz. Der Konzern ist so groß, so mächtig geworden, dass er im rasanten digitalen Markt träge wirkt. Der letzte Schrei, das sind soziale Medien - und dabei vor allem das Facebook Mark Zuckerbergs, in Hollywood, an der Börse. Die Geschäftserwartungen sind enorm, weil die Experten davon ausgehen, dass die sozialen Netzwerke die alles bestimmenden Medien der Zukunft sein werden. Ohne Unterlass ventilieren Zuckerberg & Co., dass man sich die fürs Leben wirklich wichtigen Informationen nicht mehr über Google selbst wird suchen müssen, sondern dass sie zu uns kommen, über Empfehlungen von "Freunden". Dort wird jetzt das Geschäft vermutet. Google hat auf diese Herausforderung noch keine überzeugende Antwort gefunden. Und auch die erste Adresse für die Avantgarde der Entwickler und Business-Zauberer ist Google nicht mehr.

Page wird ein "Geek in Chief"

Page soll das jetzt alles ändern, die Führung des Konzerns effizienter machen und den Geist der Gründerjahre wieder erwecken. Damals, zwischen 1998 und 2001, war er schon einmal CEO gewesen. Dass er diese Position noch einmal einnehmen würde, überrascht Insider wenig, als überraschend gilt lediglich der Zeitpunkt. Das technische Know-How für seine Mission hat der Mann aus Lansing im US-Bundesstaat Michigan zweifellos. Auch Erfahrung in der Unternehmensführung dürfte der "Geek in Chief" mittlerweile genügend haben. Immerhin war er an allen wichtigen Entscheidungen Googles immer beteiligt. Er habe im Laufe der Jahre "tonnenweise" von Schmidt gelernt, sagte Page laut "All Things Digital". Dennoch erscheint es angesichts der Jobbeschreibung kurios, dass ausgerechnet Page immer als besonders öffentlichkeitsscheu galt, gar als ein bisschen verschroben. "Er war ein Einzelgänger", schreibt der Journalist Ken Auletta in seiner lesenswerten Unternehmensgeschichte "Googled", "einer, den Freunde als schüchtern bezeichnen würden, Fremde als asozial."

Die Existenz als Nerd war Page dabei fast schon familiär vorgegeben. Sein Vater Carl Victor war Professor für Informatik und Künstliche Intelligenz an der Universität von Michigan, seine Mutter Gloria hatte ebenfalls einen Abschluss in Computertechnik. Die Legende besagt, dass er einmal einen Drucker aus Lego-Steinen baute. "Ich wollte Dinge erfinden", soll Page einmal gesagt haben. "Aber ich wollte auch die Welt verändern." Auch als Saxophonist soll er begabt gewesen sein, aber statt eine Karriere als Musiker zu verfolgen studierte Page zunächst in Michigan Maschinenbau, bevor er an die Elite-Universität Stanford südlich von San Francisco wechselte, um dort zu promovieren. Der Rest ist Geschichte: In Stanford traf Page 1995 auf seinen Seelenverwandten Brin. Gemeinsam entwickelten sie den Suchalgorithmus, der Suchergebnisse nach Relevanz gewichtete, den PageRank - 1998 gründeten sie Google.

Eine Jacht für 45 Millionen Dollar

Seither ist wenig über Pages Privatleben bekannt, seine öffentlichen Auftritte waren eher rar. 1996 starb sein Vater, sein Bruder Carl war ebenfalls mit einer Firmengründung im digitalen Geschäft erfolgreich. 2007 heiratete Larry Page Lucy Southworth, ein früheres Model, das im Januar 2009 in Stanford in "Bioinformatik" promovierte. Die Hochzeit fand auf der Privatinsel des britischen Milliardärs Richard Branson statt. Im Herbst 2010 wurde Page Vater. Das Vermögen des "King of Search" wird auf schlappe 17,5 Milliarden Dollar geschätzt. Dass Page auch an banalen Annehmlichkeiten des Lebens interessiert ist, belegt eine Meldung von Anfang Januar: Für 45 Millionen Dollar hat er sich demnach eine 60 Meter lange Luxusjacht mit dem Namen "Senses" gekauft, mit Hubschrauberlandeplatz und Jacuzzi.

Bei Google ist Page erst ab dem 4. April offiziell die Nummer eins, aber schon jetzt soll er sich mit voller Kraft auf seine neuen Aufgaben konzentrieren. Sein Vorgänger Schmidt bleibt dem Konzern als "Executive Chairman", eine Art Super-Botschafter und Chefberater, vorerst erhalten, Sergej Brin trägt den Titel eines Firmengründers und soll sich künftig um die Entwicklung neuer technischer Produkte kümmern, er übernimmt wohl eher die Rolle eines kleinen Bruders. Dass Page es sich zutraut, seinem Weltkonzern Google die Atmosphäre eines Start-ups einzuhauchen, daran lässt er keine Zweifel. Insofern ist es nicht überraschend, dass Journalist Auletta berichtet, einer von Pages Lieblingssprüchen laute: "Verachtet das Unmögliche."