Musik- und Filmdownloads Das muss auch teurer gehen


Ein nur im Internet erhältlicher Song schafft es in England auf Platz eins der Hitparade, Hollywood-Studios vertreiben nun auch aktuelle Blockbuster über das Web - doch der Industrie scheint der Download-Erfolg zu billig erkauft.

Die Bedeutung des Internet-Downloads für die Musik- und Filmindustrie nimmt ständig zu.

Allein durch Downloads hat "Crazy" von Gnarls Barkley den Spitzenplatz in den britischen Single-Charts gesichert. Damit war der Hit der erste, der es nur durch den Internet-Verkauf zur Nummer eins brachte. Die Single kam erst am Montag in die Läden, war aber bereits 31.000 Mal heruntergeladen worden. Immer mehr Musikstücke werden als Downloads über das Internet verkauft. Die Einnahmen aus diesem Geschäft stiegen im vergangenen Jahr auf 1,1 Milliarden Dollar, was zumindest teilweise den sonstigen Rückgang beim Musikverkauf ausgleichen konnte, wie der internationale Verband der Schallplattenindustrie (IFPI) in London mitteilte. Die Online-Einnahmen verdreifachten sich fast im Vergleich zu 2004, als 400 Millionen Dollar eingenommen wurden. Die Zahl der einzelnen Downloads stieg von 160 Millionen Stücken 2004 auf 470 Millionen im vergangenen Jahr. Insgesamt sank der Musikabsatz 2005 aber um drei Prozent, vor allem wegen des Rückgangs um 6,7 Prozent beim CD-Verkauf.

Sechs Hollywood-Studios - Warner, Universal, Sony, Paramount, Twentieth Century Fox und MGM - haben sich zusammengeschlossen, um erstmals den Download von aktuellen Spielfilmen anzubieten. Kassenschlager wie "Brokeback Mountain" oder "King Kong" sind bei dem neuen Filmportal movielink.com mit 20 bis 30 Dollar (17 bis 25 Euro) etwa so teuer wie eine DVD.

Trotz - oder wegen? - dieser Erfolgsmeldungen versucht die Industrie, die Preise für Downloads anzupassen - und zwar nach oben. Die neuen Blockbuster-Downloadangebote sind sogar etwas teurer als eine DVD, wenn die Extras auf der Silberscheibe hinzugerechnet werden. Der Musikdownload-Riese iTunes muss seine Ein-Song-ein-Preis-Politik in den kommenden Wochen gegen die Musikindustrie verteidigen. Die Verträge werden neu verhandelt, und die Plattenfirmen haben andere Vorstellungen als die Apple-Firma.

Alles hat seinen Preis - aber welchen?

Vor drei Jahren konnte Apple-Chef Steve Jobs die großen Plattenfirmen von seiner Idee des Online-Musikgeschäfts überzeugen, in dem jedes Stück den gleichen Preis kostet. In diesem Jahr nun stehen Neuverhandlungen über die Lizenzen an, und die werden wohl nicht einfach werden. Im Kern geht es darum, dass die Plattenfirmen mehr Geld für Neuerscheinungen verlangen wollen als die bislang bei iTunes üblichen 99 Cent, meint Matt Kleinschmit von der Marktforschungsfirma Ipsos Insight. Ob die Kunden dies akzeptieren würden, ist aber noch völlig offen. "Die Frage ist, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um mit variablen Preisen zu experimentieren?" Bislang verdienen die Plattenfirmen rund 70 Cent an jedem Download. Bei einer Anhebung könnte es deutlich mehr werden. Apple allerdings lehnt Änderungen an seinem Geschäftsmodell bislang ab.

"Ein bisschen geldgieriger"

Kommentare zu den Lizenzvereinbarungen wollten Apple und die Plattenfirmen nicht abgeben, ihre Beziehungen waren in jüngster Zeit aber schon angespannt. So forderte der Chef der Warner Music Group, Edgar Bronfman, dass Apple verschiedene Preise zulassen und die Plattenfirmen auch an den Verkäufen der iPod-Player beteiligen sollte. EMI-Chef Alain Levy verlangte unterschiedliche Preise für neue und ältere Titel. Jobs hingegen argumentiert, schon jetzt verdienten die Plattenfirmen an jedem Download mehr als an CDs, für die Produktions- und extra Marketingkosten anfallen. "Wenn sie also die Preise erhöhen wollen, dann heißt das nur, dass sie ein bisschen geldgieriger werden", erklärte Jobs im September in Paris. Die Bestrebungen der Musikkonzerne zeigen aber nur, dass sie möglichst viel an einem Geschäftsmodell verdienen wollen, von dem vor drei Jahren kaum einer geglaubt hätte, das es bestehen kann angesichts der Übermacht der illegalen Tauschbörsen

Was ist die magische Grenze?

"Die Musikindustrie befindet sich immer noch im Umbruch", sagt Michael McGuire von der Marktforschungsfirma Gartner. "Und sobald sie sehen, dass sich ein Markt entwickelt, wollen sie davon profitieren." Vor dem Start von iTunes im April 2003 kam der legale Musikverkauf im Internet kaum voran. Inzwischen laufen über iTunes 80 Prozent der legalen Musikdownloads in den USA. Ein Grund dafür ist das einfache Geschäftsmodell - jeder Song kostet 99 Cent (andere Preise gibt es nur bei kompletten CDs). Und diese 99 Cent, so sagen Experten, könnte für Musikfans eine magische Grenze sein. "Wenn man diese psychologische 99-Cent-Marke überschreitet, dann geht der Absatz zurück", sagt Wayne Rosso, der einst die Tauschbörse Grokster führte und nun auch an einem Download-Geschäftsmodell arbeitet.

Zwei Klagen von Musikfans

Unter Beschuss - wenn auch aus einem anderen Grund - ist die 99-Cent-Marke durch Musik-Fans geraten. Sie vermuten hier eine illegale Preisabsprache der Musikkonzerne und haben mindestens zwei Klagen vor Gericht eingereicht. Das nachzuweisen, dürfte aber nicht einfach werden. Denn dazu ist es nicht nur notwendig zu zeigen, dass überall der gleiche Preis verlangt wird, sondern dass dies durch eine Abmachung zu Stande kam, sagt James Wade, der früher die Kartellrechtsabteilung des US-Justizministeriums leitete.

Im Moment, so sagen Analysten, ist Apple mit seiner Marktposition wohl in der besseren Position bei den Verhandlungen. "Können es sich die Plattenfirmen wirklich leisten, mit ihrem Katalog nicht bei Apple zu sein?" fragt Kleinschmit. Möglich ist dies sicherlich. "Wir können variable Preise einführen und die Preise für Hits anheben", sagt der Analyst Charles Wolf, "aber das heißt nicht, dass die Kunden dies akzeptieren. Sie haben noch eine Alternative - sie besorgen sich die Songs kostenlos."

Ralf Sander mit Material von AP/DPA/Reuters DPA Reuters

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