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Online-Shopping: Der dubiose Handel mit Adelstiteln

Mit nur einem Klick zur Grafenwürde - das Angebot klingt verführerisch. Titelhändler bieten bei Ebay noble Namen zum Sofortkauf an und versprechen dem Käufer gesellschaftliche Anerkennung. Doch so schnell wird keiner zum Adligen.

Von Claudia May

Plötzlich stand das Pärchen im Innenhof. Die beiden waren mit Leitern, die sie mitgebracht hatten, über die Mauer gestiegen und hatten sich dann durch den Park angeschlichen. Jetzt inspizierten der Mann und die Frau neugierig das von Efeu umrankte Mauerwerk von Schloss Mainberg. Der erste Blick, der die beiden traf, war der des steinernen Herkules, den ein früherer Schlossherr hatte aufstellen lassen.

Der zweite Blick gehörte Renate Ludwig, der Eigentümerin des herrschaftlichen Gebäudes bei Schweinfurt im bayrischen Unterfranken. Sie ging auf die beiden zu, die mittlerweile fleißig Fotos von Statue und Torbögen schossen. Ob sie ihnen helfen könne? "Wir schauen uns unseren Mitbesitz und die Wirkungsstätte unserer Ahnen an", eröffnete ihr der Mann. "Wir sind nämlich Grafen von Mainberg." "Ich wusste sofort, was los war", sagt Ludwig. Das angebliche Grafenpärchen war nicht der erste ungebetene Besuch, der seine Besitzansprüche bei ihr anmeldete. "Die beiden hatten wie viele andere auch bei Ebay den Titel 'Graf von Mainberg' gekauft", erzählt sie. "Ich musste ihnen erst erklären, dass es erstens nie einen Grafen von Mainberg gegeben hat und sie zweitens kein Anrecht auf das Schloss erworben haben." Der Mann verstand nach einer Weile, dass er sich für 29,90 Euro plus Versandkosten nicht einfach in die Reihe der adligen Schlossbesitzer einfügen durfte. "Seine Frau beharrte jedoch weiter darauf, eine echte Gräfin von Mainberg zu sein." Renate Ludwig findet das einerseits recht lustig, sie ist aber auch genervt. Denn sie ist zwar Eigentümerin des Schlosses, hat aber mit den Titelverkäufen bei Ebay nichts zu tun.

Ein Titel mit Markeneintrag

Hinter dem Angebot stecken Lieselotte und Maximilian Heitzer, die als Powerseller mit über 10.800 positiven Bewertungen unter dem Namen 4micromax einen regen Handel mit Titeln betreiben. Der "zertifizierte Adelstitel" des Grafen von Mainberg inklusive einer "Beglaubigungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland" kostet besagte 29,90 Euro. Dafür gibt es eine selbst gedruckte Ernennungsurkunde auf Marmorkarton, eine Info-Broschüre, eine Kopie über die Eintragung der Marke "Graf von Mainberg" beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) - und die Erlaubnis, das eigens kreierte Wappen zu benutzen.

Mehr als fünfzig "Graf von Mainberg"-Titel sind zurzeit verfügbar. Wer lieber anders heißen will, kann auch auf "Adelstitel = Graf von Hohenfels = edel & selten" (39,90 Euro) oder "realer Titel = Graf von Leuchtenberg = Adelstitel" (49,90 Euro) zurückgreifen. Bis vor einigen Jahren gab es sogar Doktortitel.

Aber kann man durch einen Ebay-Kauf von heute auf morgen zum Blaublütigen werden? Wer bei dem Ebay-Angebot weit nach unten scrollt, erhält einen Hinweis: "Beachten Sie, dass es sich bei dem hier zu erstehenden Titel nicht im direkten Sinne um einen Adelstitel handelt, der durch Adoption oder Geburt erlangt werden kann." Man bekommt also keine noble Abstammung geliefert.

Eine Art Künstlername

Die Heitzers haben sich einfach real existierende Burgen und Schlösser herausgesucht, dem Ganzen einen "Graf von" angefügt und dann den kompletten Namen als Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt registriert. "Ich hatte die Idee im Krankenhaus", erzählt Maximilian Heitzer. "Da ich aus der Oberpfalz in Bayern stamme, habe ich Burgen von dort genommen und zusätzlich das Schloss Mainberg." Da die Geschäfte von Anfang an gut liefen, konnte er nach eigenen Angaben bald seinen Job aufgeben und sich ganz auf den Ebay-Handel konzentrieren. "Bei den meisten Käufern ist es wohl die Titelgeilheit", stellt Heitzer fest. Natürlich könne sich jeder auch selbst einen Namen ausdenken, seine Titel seien ja auch nichts anderes als eine Art Künstlername. "Aber wir nehmen den Leuten die Kosten für die Registrierung beim Markenamt ab." Mindestens 300 Euro kostet dort die Eintragung für zehn Jahre. Doch auch beim DPMA können nicht einfach Namen für den persönlichen Gebrauch reserviert werden - sie müssen mit einer Ware oder einer Dienstleistung verknüpft sein. Der "Graf von Mainberg" beispielsweise ist unter der Registernummer 307429210 in den Klassen 35 (Werbung; Herausgabe von Werbetexten) und 41 (Dienste von Unterhaltungskünstlern etc.) eingetragen. Ob nicht trotzdem Käufer glauben, dass sie einen echten Grafentitel bekommen? Immerhin lassen die ungebetenen Besucher auf Schloss Mainberg, von denen auch Heitzer weiß, das vermuten. "Diese Leute können nicht lesen. Und ich habe es schriftlich, dass ich gegen keine geltenden Rechte verstoße", entgegnet er.

Das sieht der Berliner Rechtsanwalt Ulrich Schulte am Hülse, der sich schon lange mit Namensrecht beschäftigt, anders. "Diese Verkäufe sind nicht seriös", sagt er. Besonders die konkrete Werbung in der Artikelüberschrift wie "realer Titel" und "incl. Beglaubigungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland" spiegele falsche Tatsachen vor. "Hier wird der Eindruck erweckt, die Bundesrepublik Deutschland würde dem Käufer mit einer staatlichen Urkunde einen Titel verleihen", meint Schulte am Hülse. Das ist aber nicht der Fall - es gab nur eine Anmeldung beim Deutschen Patent- und Markenamt, die jeder durchführen kann. "Der Verkäufer scheint hier massenhaft die Eintragungsurkunde zu kopieren und weiterzugeben. Dadurch wird der Käufer aber nicht einmal zum Markeninhaber." Der Käufer kann auch noch in eine andere Falle tappen - wenn er nämlich den neu erworbenen Namen gutgläubig bei der nächsten Polizeikontrolle verwendet. "Privat können Sie sich nennen, wie Sie wollen - aber beim Umgang mit Behörden ist es eine Ordnungswidrigkeit, wenn Sie sich als 'Graf von Mainberg' ausgeben", warnt Schulte am Hülse.

Bei seinen Grafen-Titeln wirbt Heitzer außerdem damit, dass sie durch den Adelsverband zertifiziert sind. Das klingt seriös. Doch der Adelsverband und das zugehörige Institut für die Anerkennung von Adelsnachweisen (IFAA) sind kein ein getragener Verein, sondern gehören zur Graf von Roit Liegenschafts- und Verwaltungsgesellschaft. Diese arbeitet gewinnorientiert und wird von Heiko Nowak geführt. Er selbst nennt seinen Namen meist mit dem Zusatz "Graf von Roit", da er seine "geistigen Wurzeln" im rumänischen Roit in Transsylvanien sieht. Außerdem hat er diesen Namen genau wie Heitzer beim Deutschen Patent- und Markenamt registriert. Damit der Adelsverband einen Namen als adelig anerkennt, reicht es, wenn ein "einem adeligen Titel gleich erscheinender Name" eingereicht wird. Dazu zählt dann natürlich auch der von Heitzer selbst erdachte "Graf von Mainberg" - er klingt nach Noblesse. Auch Heiko Nowak mischt beim Titelhandel munter mit. Er ist Schirmherr der Ebay-Angebote, die den Käufer zu einem "Grafen von Berga" machen. Die Stadt Berga liegt in Ostthüringen und besitzt eine Schlossruine, in der auch in besseren Zeiten nie ein Graf von Berga gewohnt hat.

"Der neue Name macht schick was her"

Für 299 Euro erhält man neben dem Titel einen Quadratmeter Land und ein Versprechen: "Mit Ihrem Engagement unterstützen Sie das Ziel der Stadt Berga und des Interessenvereins Schloss Berga e.V., die historisch bedeutende Schlossanlage zu erhalten und wertvolle Bauelemente wieder aufzubauen."

Doch die Sache ist nicht so einfach. Derzeitiger Besitzer von Schloss Berga ist nicht die Stadt oder der tatsächlich existierende Interessenverein, sondern Michael Hillmann, ein Geschäftspartner von Heiko Nowak. Er wickelt die Ebay-Geschäfte ab und bekommt auch erst einmal das Geld. Das ist nicht wenig, zumal neben den Titeln auch Prägezangen, Bademäntel oder Handtücher mit Wappen und Grafenschriftzug verkauft werden. "Angedacht war, dass 50 Prozent der Einahmen an den Verein gehen - aber es gibt Diskrepanzen", sagt der Vereinsvorsitzende Helmut Müller. "Es wurden schon über 400 Titel verkauft. Wenn wir das versprochene Geld bekommen hätten, wären wir mit dem Ausbau längst fertig." Auch von dem ersten symbolischen Scheck über 20.000 Euro, der im April 2008 von Heiko Nowak vor laufenden Fernsehkameras übergeben wurde, seien erst 15.000 Euro an den Verein geflossen. Müller will sich wie der Bürgermeister der Stadt bald mit allen Parteien zusammensetzen. Es müsse einiges geklärt werden. Zumal Friedrich Senff, ein Mitarbeiter von Hillmann, dem Ebay-Magazin gegenüber behauptet, dass 80 Prozent der Einnahmen weitergeleitet werden: "Käufer sind auch viele Rechtsanwälte, es geht also alles mit rechten Dingen zu." Seit Mitte Juni sind alle Angebote um das Schloss Berga bei Ebay nicht mehr online. Senff hatte noch betont, dass Heiko Nowak als Schirmherr für Seriosität stünde. Schließlich habe er sich schon vorher für den Naturschutz engagiert. Auf der Webseite des Ideengebers findet sich etwa das "Projekt Moor". Hier kann man für 299 Euro 300 Quadratmeter Land im "Harder Moor" in Niedersachsen erstehen, das von der Graf von Roit Liegenschafts- und Verwaltungsgesellschaft als privates Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Für das "redliche und zielgerichtete Engagement" gibt es dann den Titel "Graf von Roit zu Hoya". Auf der Seite findet man den Hinweis: "Ausdrücklich distanzieren wir uns vom sogenannten 'Titelhandel', da wir im Bestreben der Hilfe für die Natur nicht die Profit- und Geltungsgier ... unterstützen wollen, sondern ... privaten Naturschutz betreiben." Das suggeriert Gemeinnützigkeit. Darauf angesprochen, wehrt Nowak ab. "Das ist kein Hilfsprojekt. Eine GmbH muss Gewinne einfahren - und das Projekt Moorland ist ein Geschäftsmodell für den Immobilienverkauf", erklärt er. Das ist problematisch.

Ein guter Name für die Visitenkarte

"Es spricht nicht für Seriosität, wenn erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennbar ist, wohin Gelder fließen", sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Sein Institut warnt vor Internethändlern, die kaufen und spenden verknüpfen wollen. In den DZI-Spenden-Tipps heißt es: "Hier besteht die Gefahr, dass gewerbliche und gemeinnützige Interessen miteinander vermischt werden. Der sichere Weg bleibt die direkte, wohlüberlegte Spende an eine seriöse Organisation."

Natürlich ist der Handel mit noblen Namen nicht neu - schon im Mittelalter wurden falsche Herrschertitel verwendet. Aber wieso kaufen sich Leute heute einen Adelstitel? Immerhin wurden bereits im Jahre 1919 mit der Weimarer Reichsverfassung alle besonderen Rechte des Adels in Deutschland abgeschafft. Jungunternehmer Roman Aland hat eine Antwort: "Ich habe bewusst nach einem Titel gesucht, da mir ein Bekannter dazu geraten hat. Wenn ich Aufträge haben will, sagte er, muss ein guter Name auf der Visitenkarte stehen." Er hat schließlich bei Maximilian Heitzer den Titel "Graf von Mainberg" erstanden. "Der neue Name macht einfach schick was her. Ich werde öfter zu Partys eingeladen und darauf angesprochen", erzählt Aland. "Ich sage dann immer, ich habe den Titel 'erworben'." Dass es ein Kauf bei Ebay war, verrät er nicht. Einer der vielen Grafen von Berga betont dagegen, etwas Tolles für den Aufbau von Schlössern getan zu haben. "Mit meinem Geld konnte ich nützliche Projekte fördern", sagt er. Seinen Namen will er nicht nennen. Ihn ärgern die Nachfragen. "Ich bin im Adelsverband und mittlerweile vom Königshaus Hohenzollern nobilitiert, ich weiß gar nicht, was Sie wollen." Vielleicht reicht zur Erklärung auch ein Blick auf die Ebay-Kategorie, in die fast all diese Angebote einsortiert sind: "Sammeln & Seltenes > Total Verrücktes > Total durchgeknallt".

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