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Raubkopieren: Fünf Millionen Verbrecher?

Die Filmindustrie klagt über die Zunahme von Raubkopien und Internet-Downloads. Mit einer umstrittenen Drohkampagne setzt sie sich zur Wehr.

Wenn in Internet-Chats und -Foren das Gespräch auf die neue Anti-Raubkopierer-Kampagne der Filmindustrie kommt, geht es hoch her: Cebe nennt sie "einfach nur krass", iGitt findet sie "sehr bedenklich", für Tepee ist sie "heftig", und "hirnverbrannt", Attakk spricht von "shock and awe".

Anlass der Aufregung ist ein 45 Sekunden langer Kino-Spot, mit dem Videotheken und Filmtheater auf ihr derzeit größtes Problem hinweisen wollen: das massenhafte Brennen und Herunterladen von Spielfilmen. Der Spot wird zwar erst in ein paar Monaten auf der Leinwand gezeigt werden, ist aber schon jetzt im Internet zu sehen. Er zeigt zwei Neuankömmlinge im Gefängnis, die von Wärtern zu ihren Zellen eskortiert werden. Auf dem Gang unterhalten sich zwei Knackis, die offenbar schon länger ihre Freiheitsstrafen absitzen: "Mmmmmh, Raubkopierer", sagt der eine. "Noch ein Raubkopierer", sagt der andere. "Aber meiner hat den geileren Arsch", sagt wiederum der erste. Dann kommt eine Stimme aus dem Off: "Hart, aber gerecht. Raubkopierer werden seit dem 13. 9. mit Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren bestraft."

Verluste in Millionenhöhe

Es ist die nackte Angst der Branche, die sie zu solchen Drohgebärden treibt. Eine neue Studie belegt, dass das Film-Kopieren im vorigen Jahr weiter massiv zugenommen hat und der Filmindustrie nun ähnliche Umsatzeinbrüche drohen wie schon seit Jahren den CD-Multis. Demnach haben etwa fünf Millionen Deutsche allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres 30 Millionen Mal illegal Filme auf CD oder DVD kopiert. Bis zum Jahresende rechnen die Unternehmen mit einem Schaden von weit über einer Milliarde Euro. Das mag zwar übertrieben sein, da längst nicht jede gebrannte CD auch ein entgangener DVD-Verkauf oder Kinobesuch ist. Aber die Tendenz stimmt: So hatten den letzten Schwarzenegger-Film "Terminator 3" fast eine Million PC-Nutzer schon vier Wochen nach dem Kinostart auf DVD oder Festplatte. "Von dem Geld, das wir allein durch Raubkopien von "Good bye, Lenin!" verloren haben, hätten wir dreimal "Lola rennt" drehen können", sagt Produzent Stefan Arndt.

Ähnlichkeiten mit Terroristen sind beabsichtigt

Um das nach wie vor kaum vorhandene Unrechtsbewusstsein zu wecken, hängt die Filmindustrie jetzt in Videotheken und Kinos Poster auf, die an RAF-Fahndungsplakate erinnern und auf denen angebliche Raubkopierer wie gesuchte Terroristen gezeigt werden. In einem Spot, der in dieser Woche in die Kinos kommt, droht eine Frau ihrem Freund, der schon seit Stunden vor dem Rechner sitzt und Filme herunterlädt (anstatt mit ihr zu kuscheln), ihn bei der Polizei zu verpfeifen.

"Lachen und gleichzeitig mit den Zähnen knirschen"

"Angriff ist die beste Verteidigung", rechtfertigt das Vincent De La Tour, Deutschland-Geschäftsführer der 20th Century Fox: "Die Leute sollen lachen und gleichzeitig mit den Zähnen knirschen." Auf Webseiten wie hartabergerecht.de stellt die Filmwirtschaft kurz und knapp fest: "Raubkopierer sind Verbrecher." Und auch verbal wird kräftig ausgeteilt: "Raubkopieren ist eine Straftat, die man bequem vom Sofa aus begehen kann. Umso härter kommen einem dann die Pritschen im Gefängnis vor", sagt Jan Oesterlin, Sprecher der Cinestar-Ufa-Kinos.

"Verharmlosung anderer Verbrechen"

"Empörend" und "geschmacklos" findet das Arne Brand, Vorsitzender des "Virtuellen Ortsvereins" der SPD. "Die Kampagne verharmlost Vergewaltigung und predigt Denunziation. Konsumenten werden mit brutalen Methoden verunsichert." Auch der Werberat, die Kontrollinstanz der deutschen Reklameindustrie, befasst sich mit den Spots. "Erreicht man sein Ziel wirklich nur, in dem man die Leute schockt?", fragt Volker Nickel vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft.

"Verständnis suchende Kampagnen haben in der Vergangenheit nichts bewirkt", kontert Elke Esser, Chefin der "Zukunft Kino Marketing", die für die 700 000-Euro-Aktion verantwortlich ist. "Die sind immer nur ausgelacht worden."

Erste Urteile in den USA

In den USA zumindest ist einigen Schwarzbrennern das Lachen vergangen. Dort haben mehrere hundert Musikkopierer Klagen am Hals, einige mussten Tausende Dollar Entschädigung an die Musikindustrie zahlen. Ein 25-Jähriger, der den Film "Hulk" ins Internet gestellt hatte, wurde kürzlich zu sechs Monaten Hausarrest verurteilt.

An der Wahrheit vorbei

Hierzulande geht die Knast-Propaganda dagegen nicht nur am Geschmack vieler Internetnutzer vorbei, sondern auch an der Wahrheit. Denn die Behauptung, dass alle Raubkopierer seit dem 13. September mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden, ist ein Schauermärchen. Fünf Jahre Gefängnis drohen nur denjenigen, die gewerbsmäßig mit illegalen Kopien handeln; und das nicht erst, seitdem das neue Urheberrecht in Kraft getreten ist. Private Gelegenheitsbrenner sind in Deutschland aber noch nie verurteilt worden - noch schreckt die Industrie vor einer Klagewelle zurück.

Trotzdem scheint die Drohkampagne zu funktionieren. Wie eine stern-Umfrage ergab, werden die kommenden Knast-Spots und Strafandrohungen immerhin die Hälfte der hobbymäßigen Schwarzbrenner und Runterlader nicht unbeeindruckt lassen. Ein Viertel von ihnen gibt an, in Zukunft gar nicht mehr kopieren zu wollen, weitere 22 Prozent wollen das zumindest weniger tun.

Ulf Schönert / print
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