Ziviler Ungehorsam Für eine Handvoll Code


Die Verbannung eines Codes, mit dem Experten den Kopierschutz von HD-DVD und Blu-ray-Disks knacken können, hat das Web in Aufruhr versetzt. Mit Kreativität protestieren User gegen die Industrie und ihre Anwälte - und wecken Erinnerungen an längst zurückliegende Webaktionen.
Von Ralf Sander

Eine Folge von 32 Zahlen und Buchstaben versetzt das WWW in Aufruhr. Das Webvolk, vor allem in den USA, erhebt sich, um in einem Atemzug für das Recht auf Redefreiheit und gegen den Einsatz von Kopierschutzmaßnahmen zu demonstrieren. Die Wut, aber auch die Kreativität bei der Gestaltung zivilen Ungehorsams lassen Erinnerungen wach werden an frühere, inzwischen legendäre Webaktionen.

Linux ausgesperrt

Warum kann eine 32-stellige Serie von Hexadezimalzahlen, die mit "09 F9" beginnt und mit "88 C0" endet, einen solchen Aufstand hervorrufen? Weil es sich um einen Code handelt, der das Umgehen des Kopierschutzes der DVD-Nachfolger HD-DVD- und Blu-ray ermöglicht. Die beiden Formate werden mit dem so genannten AACS verschlüsselt. Es soll verhindern, dass die hoch auflösenden Filme oder Videospiele kopiert werden können. Es verhindert allerdings ebenfalls, dass Computer mit freien Betriebssystemen wie Linux solche Datenträger abspielen können, auch wenn diese legal erworben wurden.

Im Februar wurde bekannt, dass AACS geknackt worden ist. Der Code kursiert seitdem im Internet, vor allem in einschlägigen Hackerforen und Technikblogs. Wer mit den 32 Zeichen etwas anfangen will, benötigt einiges Fachwissen und entsprechende Software, die die Zeichenfolge weiterverarbeiten kann.

Im März kamen die Anwälte zu den Webseitenbetreibern. Hinter AACS steht eine Organisation, der Advanced Access Content System Licensing Administrator, die von Technologiefirmen wie IBM, Intel, Microsoft und Sony sowie verschiedenen Filmstudios gegründet wurde, um den Kopierschutz zu entwickeln - und ihn zu schützen. Juristen des Interessenverbandes stellten eine Unterlassungserklärung zu, verbunden mit der Aufforderung zur Löschung des Codes. Begründung der Anwälte: Schon die Zeichenfolge allein verstoße gegen das Verbot des Umgehens von Kopierschutzmechanismen, wie es im Digital Millennium Copyright Act (DMCA) von 1998 festgelegt sei.

Aufruhr bei Digg

Szenenwechsel zur Nachrichtencommunity Digg.com, wo User interessante Nachrichten aus dem Web verlinken und bewerten können: Anfang dieser Woche veröffentlichte ein 27-jähriger Ecuadorianer auf Digg den Verweis auf einen Eintrag seines eigenen Blogs. Dort hatte er den AACS-Code veröffentlicht, um anderen Usern die Möglichkeit zu geben, hoch auflösende Filme unter Linux anzuschauen. Die Unterlassungserklärung an den Betreiber von Digg ließ nicht lange auf sich warten. Die kleine Firma löschte den Beitrag, der zu dem Blogeintrag mit dem Code führte.

Danach brach die Hölle los.

Wütend über dieses "Einknicken vor der Industrie" veröffentlichte eine wachsende Anzahl von Digg-Nutzern den Link und später auch den Code, mal mehr, mal weniger gut getarnt, immer und immer wieder. Ein Ping-Pong begann: posten, löschen, posten, löschen. 24 Stunden später hatte "das Volk" gewonnen: Digg-Gründer Kevin Rose verkündete, der einstweiligen Verfügung nicht nachzugeben, auch wenn die drohenden Regressansprüche seine Firma ruinieren könnten. Seine Erkenntnis: "Ihr würdet lieber Digg kämpfend untergehen sehen, als sich eine großen Unternehmen zu beugen".

"Das ist die Rache des user-generated content", kommentiert Fred von Lohmann von der Electronic Frontier Foundation (EFF), einer Online-Bürgerrechtsorganisation, "und es ist ein gutes Beispiel, wie die Einmischung von Anwälten aus einer kleinen eine große Story werden lässt."

Der Kult um den Code

Die Geschichte um Digg scheint damit zu einem vorläufigen Ende gekommen sein, doch der Kult um den Code hat sich schon verselbstständigt. Kreative Netznutzer denken sich die absurdesten Wege aus, die Hexadezimal-Serie der Welt darzubieten.

Der New Yorker Musiker Keith Burgon zum Beispiel hat zur Gitarre ein kleines Liedchen mit dem Titel "Oh Nine, Eff Nine" improvisiert, die Zeichenkette geschmettert und das Ganze auf Youtube veröffentlicht.

James Bertelson aus Vancouver veröffentlichte eine Webseite, deren einziger Inhalt der Code war - allerdings verschlüsselt. Ist das auch verboten? "Für die meisten geht es um das Recht auf Redefreiheit und um eine Industrie, die denkt, sie habe das letzte Wort, weil sie die teuerst Anwälte hat", sagte Bertelson der "New York Times"

Verschiedene Photoshop-Künstler bastelten den Code in Fotos, darunter auch Vorschläge, wo man die Zeichenfolge noch veröffentlichten könnte: auf Glückskekszetteln, Neujahrskarten oder Che-Guevara-T-Shirts.

Der Fall DeCSS

Code auf T-Shirts, Songs über Software... da werden Erinnerungen wach an das Ende der 90er Jahre, als sich ein sehr ähnlicher Fall zutrug. 1999 gelang es einer Hackergruppe, den Kopierschutz der Standard-DVD zu knacken. DeCSS hieß das Programm, das auf der Hackersite 2600.com veröffentlicht wurde. Das Stückchen Software verschwand aufgrund des Drucks der Filmindustrie und einer Gerichtsentscheidung bald wieder von der Seite - und lebte auf Hemden, in Liedern und Gedichten weiter.

1995 protestierte der Programmierer Phil Zimmerman gegen die strengen US-Exportbeschränkungen für Kryptografieprodukte mit einem T-Shirt. Auf dem Kleidungsstück war der Programmcode einer Verschlüsselungssoftware aufgedruckt, darüber der Hinweis: "Achtung! Dieses Hemd ist als Waffe eingestuft worden und darf weder die USA verlassen noch fremden Nationen gezeigt werden."


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