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iPhone 4S von Apple Die Revolution fällt aus


Fans und Börse hatten mit dem großen Wurf gerechnet, mit dem iPhone 5: Stattdessen bot Apple wenig Revolutionäres, daran konnte auch die neue, innovative iPhone-Assistentin Siri nichts ändern.
Von Karsten Lemm, San Francisco

Apple lässt mit sich reden: Wer künftig wissen möchte, ob der Zug pünktlich ist, wie das Wetter wird oder wo es rund um den Münchner Marienplatz die leckersten Brezn gibt, der kann sich einfach vertrauensvoll an Siri wenden. Siri ist eine neue Software-Assistentin, eingebaut in das iPhone 4S, das am 14. Oktober auf den Markt kommt, und Siri spricht Deutsch, Englisch und Französisch. Das System soll Fragen beantworten können wie "Was ist der aktuelle Eurokurs?", aber auch dabei helfen, Notizen zu machen, Flüge zu buchen, Restaurants zu finden und ganz allgemein das Internet zu durchsuchen. Selbst einen Satz wie “Weck mich morgen um 7” soll Siri verstehen können und daraufhin automatisch den Wecker im iPhone stellen.

Die ungewöhnlich clevere Helferfunktion, die Sprach-Analyse mit künstlicher Intelligenz verbindet, ist die größte Neuerung, die Apple am Dienstag im kalifornischen Cupertino der Öffentlichkeit präsentierte. Vom iPhone 5 dagegen, das von Fans und Bloggern fiebrig erwartet wurde, keine Spur: Obwohl seit Wochen Gerüchte durch das Netz geisterten, die Nummer Fünf sei bereits hier und da gesichtet worden, bleibt im Wesentlichen alles beim Alten. Das aktuelle Modell heißt nun iPhone 4S, es sieht genauso aus wie sein Vorgänger und ist genauso teuer: In den USA kostet es je nach Speicher-Ausstattung 200 bis 400 Dollar (etwa 150 bis 300 Euro). Allerdings fällt der Preis für das bisherige Topmodell iPhone 4 auf 99 Dollar, und das iPhone 3GS gibt es mit Zwei-Jahres-Vertrag in Amerika umsonst. Deutsche Preise gab Apple zunächst nicht bekannt.

Im Innern des iPhone 4S hat sich dafür einiges getan: Schnellere Chips sollen das Smartphone in jeder Hinsicht flinker machen, die Kamera knipst nun Fotos von acht Megapixeln Größe, und das iPhone kann sogar Videos in voller HDTV-Auflösung aufnehmen. Weltreisende dürfen sich darüber freuen, dass das 4S gleich zwei Mobilfunk-Standards unterstützt, GSM und CDMA – wer die Roaming-Gebühren nicht scheut, kann dann etwa in Russland und China genauso unbeschwert telefonieren wie in Argentinien, Frankreich oder den USA. Eine neue Version von Apples Mobilsoftware, das System iOS 5, wartet mit einer Reihe von überarbeiteten Funktionen auf, darunter einer verbesserten Übersicht für Benachrichtigungen und eingebauter Twitter-Unterstützung. Auch Besitzerer älterer iPhone-Modelle – mit Ausnahme des Originals und des iPhone 3G – können iOS 5 kostenlos installieren, sobald es am 12. Oktober von Apple freigeschaltet wird.

Cook hält sich zurück

Vom neuen Vorstandschef Tim Cook war bei der Enthüllung der Neuigkeiten nicht sehr viel zu sehen. Anders als Apple-Ikone Steve Jobs, der krankheitsbedingt Ende August zurücktreten musste, gilt der 50-Jährige weniger als charismatischer Verkäufer, denn als nüchterner Mann der Zahlen, der sich bevorzugt im Hintergrund hält. Passend dazu beschränkte er sich darauf, Apples aktuelle Erfolge aufzulisten – darunter rasantes Wachstum für Macintosh-Rechner und mehr als 16 Milliarden verkaufte iTunes-Lieder –, ehe er die Bühne einer Reihe von Kollegen überließ, die alles Weitere übernahmen. Doch das Feuerwerk der Ankündigungen wollte nicht recht zünden. Über allem hing die Frage: Wo bleibt das iPhone 5?

"Tim hat seine Sache sehr gut gemacht, aber er hätte von vornherein sagen sollen: 'Hier ist das einzige neue iPhone, das wir heute vorstellen'", argumentiert Richard Doherty, Präsident der Unternehmensberatung Envisioneering Group. "Nun sind viele enttäuscht." Auf Technik-Webseiten machten iPhone-Fans zu Hunderten ihrem Ärger Luft, weil sich das iPhone 4S eher evolutionär als revolutionär neu gibt, und auch die Wall Street reagierte missgelaunt: Vorübergehend fiel die Apple-Aktie um fast fünf Prozent, ehe sie sich wieder erholte.

Beschaffungsprobleme für Bauteile in Asien könnten der Grund dafür sein, dass die Enthüllung des iPhone 5 ausblieb, spekuliert Doherty, ein langjähriger Kenner der Unterhaltungselektronik-Industrie, der sich auf Quellen bei Zulieferbetrieben beruft. Vor allem, so Doherty, habe Apple Sorge, genügend hochauflösende Displays zu bekommen, ohne seinen Rivalen Samsung zu stärken – einen führenden Hersteller von LCD-Anzeigen, mit dem Apple derzeit erbittert um Patente streitet. "Wir wissen, dass das iPhone 5 kommt", sagt Doherty. "Es verspätet sich lediglich."

Vielleicht gelingt es Siri, Apple-Fans über die Enttäuschung hinwegzutrösten. Die Software kann weit mehr, als gesprochene Sätze zu entschlüsseln und Antworten in einer weiblichen Computerstimme verlesen. Entwickelt von Forschern am kalifornischen SRI-Institut, kombiniert das System Spracherkennung mit künstlicher Intelligenz, um automatisch Informationen zu verarbeiten. Sie gibt Auskünfte in der Art eines freundlichen Helfers, der sich zwar manchmal irrt, aber dabei menschlich wirkt, nicht wie ein typisches Computersystem. "Die Technik, die dahintersteht, ist bemerkenswert”, sagt der Zukunftsforscher Paul Saffo. "Mir ist nichts bekannt, das daran heranreichen würde."

Siri geht weiter

Zwar beherrschen auch Mobiltelefone mit Googles Android- und Microsofts Windows-Mobile-Software Spracherkennung, doch Siri geht weiter, als sich SMS-Nachrichten diktieren zu lassen oder auf Kommando Namen im Adressbuch nachzuschlagen. Per Textanalyse ist die die schlaue iAssistentin etwa in der Lage, sich den Sinn von Sätzen wie "Brauche ich morgen einen Regenschirm?" zu erschließen – und liefert passend dazu den Wetterbericht. "Es hat etwas von einer Unterhaltung", sagt Saffo, “und das erlaubt die Suche nach Informationen auf sehr natürliche Weise.”

Für Apple wird es zunehmend wichtiger, sich mit einzigartigen Funktionen von seinen Konkurrenten abzuheben. Android, obwohl später gestartet, ist inzwischen an Apples iOS vorbeigezogen und hat weltweit einen Marktanteil von fast 44 Prozent erobert, so berichtet der Marktforscher Gartner – das iPhone bleibt mit 18 Prozent deutlich zurück; vor einem Jahr lagen die beiden Rivalen noch Kopf an Kopf. Allerdings wird das Android-Lager durch eine ganze Reihe von Herstellern vertreten, während Apple mit dem iPhone allein gegen alle antritt. Siri kann da nur von Vorteil sein, sagt Richard Doherty: "Es wird ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal sein", glaubt der Analyst. "Siri wird vielen Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern, und darauf kommt es am Ende für Apple an." Besonders, wenn die Fans erst einmal enttäuscht den Kopf hängenlassen.


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