Mobile World Congress Alle wollen auch Software verkaufen


Unentbehrlich, nützlich und omnipräsent auf dem Handy, im Internet und auf dem PC - das wollen die Mobilfunkfirmen sein. Die Trends auf der Handymesse in Barcelona sind eindeutig: Die Vorbilder heißen Apple und Google.
Von Dirk Liedtke, Barcelona

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet" - der Mobilfunkriese Nokia will, dass wir ihn lieb haben. Die drögen Finnen, die das Geschäft mit Handys in allen Formen und mit allen erdenklichen Funktionen immer noch am besten beherrschen - vier von zehn weltweit verkauften Geräten stammen von Nokia -, wollen mehr. Mit dem Kauf eines neuen Handys, wenn beim alten die Tasten knarzen oder der Vertrag ausläuft, soll es nicht getan sein. Nokia will unsere Kalender, E-Mails, Facebook- und Myspace-Profile, Fotos, Musik, Routenplanung und Videos. Und das am besten lebenslang.

Handyfirmen wie Nokia oder Sony Ericcson wollen wie Google werden. Unentbehrlich, nützlich, omnipräsent auf dem Handy, in der Datenwolke des Internet und auf dem PC. Und sie wollen keine Kunden, sondern Fans haben - so wie Apple. "Wir sind eine 'Love Company'", sagt ein Sony-Ericsson-Manager. Bloß, weil Sony vor Jahrzehnten den Walkman erfunden, viel später die Playstation und schicke Cybershot-Kameras mit guten Zeiss-Linsen, müssen wir uns jetzt lieb haben?

Hinter dem pseudo-romantischen Werbe-Geschwurbel kurz nach dem Valentinstag steckt natürlich etwas anderes: Keine Gefühle, sondern Gier nach Profit. Wer in diesem Jahr ein neues, höherwertiges Handy kauft, entscheidet sich gleichzeitig für ein Betriebssystem - mit langfristigen Auswirkungen. Wer sich ein iPhone gönnt, kann Programme für sein Gerät nur in der "App Store"-Abteilung von iTunes laden oder kaufen. Das gleiche gilt künftig für Nokia-Modelle, die im "Ovi Store" frisches Software-Futter bekommen. Sony Ericsson nennt seinen Softwareladen "Play Now". Dieser ist mit einer Musik-Flatrate, Filmen, Spielen und Software besonders gut sortiert. Wer ein Google-Handy mit dem Android-Betriebssystem kauft - zu haben ist derzeit nur das T-Mobile G1 - wird von Google und seinen zahlreichen Diensten schwer los kommen. Und selbst Microsoft springt auf den Zug auf. Wie so oft mit reichlich Verspätung, aber mit aller Konsequenz: Im "Windows Marketplace" können demnächst Käufer eines neuen "Windows Phone" shoppen. Das gilt auch für Besitzer eines aktuellen "Windows Mobile"-Modells, insofern es sich auf die neueste Version des Betriebssystems aufrüsten lässt.

Einfaches von LG

Das klingt verwirrend. Ist es auch. Denn die meisten Menschen kaufen ihr Handy immer noch mit dem Bauch (Wie sieht's aus? Wie liegt es in der Hand?) und nicht mit dem Verstand (Welches Betriebssystem? Wie hoch ist die Zahl der verfügbaren Zusatzprogramme?). Diese Normalos werden sich bei den koreanischen Superstars des Handymarktes wohl fühlen: Samsung und LG. Hier finden sich Telefone, die ihre iPhone-Lektion am besten gelernt haben: Ein neues LG-Modell, das Arena KM 900, ist kaum weniger schick als ein iPhone, lässt sich per Gesten und Druck aufs Display bedienen und hat tatsächlich eine neuartige Oberfläche zu bieten. Die Programmsymbole als Abkürzungen zu allen Funktionen haften auf den vier Seiten eines Würfels, der sich drei-dimensional auf der Anzeige drehen lässt.

Zwei weitere Bediendetails sind so genial einfach, da hätte eigentlich Apple drauf kommen müssen. Der Uhrzeiger für den Handywecker lässt sich mit dem Finger drehen und die Frequenz für den gewünschten Radiosender mit einem Rändelrad - beides auf dem Touchscreen-Display. Da finden sich sogar Menschen zurecht, die mit tickenden, mechanischen Weckern und Röhrenradios groß geworden sind. Gute Nachricht für Teenager: Das LG ist das erste Handy mit "Dolby Mobile"-Klang. Bus und Bahnfahren wird nie wieder so sein wie vorher: Hitparaden-HipHop wird unsere Fahrt zur Arbeit künftig mit Surround-Effekt untermalen.

Große Ziele bei Samsung

Auf schickes Design, einfache Bedienung und stromsparende helle Displays setzt Samsung. Die ungemein ehrgeizigen Koreaner wollen selbst in der allseits beklagten Rezession der am "stärksten wachsende Mobiltelefonhersteller" bleiben. Geliebt werden wollen die Preußen Asiens nicht, aber angrabbeln sollen wir ihre Geräte schon: Der Modellname "Touch" wird jetzt zu "Ultratouch". Mit Video-Aufnahmen in "HD"-Qualität, einer Weltpremiere, will Samsung noch mehr Fernseher verkaufen, an denen sich die Videohandys gleich anschließen lassen. Und damit wir Samsung auch als sympathische Firma ansehen, gibt es in Barcelona ein Solarhandy zu sehen, bei dem die gesamte Rückwand aus Sonne Strom macht. Das ist ein netter Anfang. Mehr nicht. Die Systemfrage beantwortet Samsung konfuzianisch weise. Gleich vier verschiedene Standards bauen die Koreaner: Symbian, Linux, Windows und demnächst auch das Google-System Android.

Kaum Google-Handys

Trotzdem ist die Datenkrake Google der Verlierer des diesjährigen Mobile World Congress: Entgegen den Erwartungen stellte kein bedeutender Hersteller ein neues Android-Modell vor. Nur Vodafone stellt das G2 vor, wie schon das G1 wird es von HTC gebaut.

Als Gewinner könnte Microsoft hervorgehen. Der bullige Firmenboss Steve Ballmer höchstpersönlich stellte die 6.5-Version von Windows Mobile vor: Diese wirkt erfreulich entschlackt, erinnert an Google-Handy und iPhone. Zum ersten Mal hat man das Gefühl, hier tarnt sich nicht mehr das hässliche Windows aus dem Büro als sexy Handysystem wie der böse Wolf bei Hänsel und Gretel. Leider gibt es "Windows phones" erst in vielen Monaten zu kaufen. Die zwei neuen Windows-Mobile-Modelle von HTC lassen sich allerdings kostenlos aufrüsten.

Der von Experten prognostizierte Überlebenskampf der Handysysteme geht also in die entscheidende Runde: Microsoft hat sich erfrischt, Google ist noch im Trainingscamp, und Nokia tänzelt selbstbewusst in der Ringmitte. Das digital-darwinistische Match wird noch spannend. Und wenn bis dahin hoffentlich der von Steve Ballmer erwartete "Neustart" der globalen Wirtschaft überstanden ist, wird in einem Jahr beim nächsten Mobile World Congress in Barcelona ausgezählt, wer der Gewinner ist.


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